Energiewende individuell:

Der eigene Weg zum Atomausstieg

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Der Atomausstieg kommt – irgendwann. Doch was kann der Einzelne bis dahin tun?

In Brüssel wird laut über einen Ausbau der Atomkraft nachgedacht, während in Deutschland der Ausstieg vorangetrieben wird.

Die Fragen zu sicheren Lösungen für die Endlagerung von Atommüll bleiben offen oder zumindest Gegenstand andauernder Diskussionen. Schlampereien bei Sicherheitsprüfungen und wiederholte Störfälle steigern das Vertrauen der Bürger ebenfalls kaum. Zeit also, den Atomausstieg zum eigenen Projekt zu machen.

Historische Wendepunkte – oder?

Auch wenn Jahrzehnte zwischen den Vorfällen liegen, so haben die Reaktorkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima eines gemeinsam: Sie hätten das Zeug zu historischen Wendepunkten gehabt, als einschneidende Ereignisse, die ein globales Umdenken in Sachen Atomenergie in Gang hätten setzen können. Das ist bedauerlicherweise sehr viel Konjunktiv gemessen an der Tragweite der beiden Geschehnisse und des möglichen Umdenkprozesses. 

Wobei es diesen ja durchaus gegeben hat und weiterhin gibt. Der deutsche Atomausstieg ist beschlossene Sache, wenn auch fern ab von abgeschlossen. Was andererseits nicht verwundern darf, denn die Herausforderungen dieses Vorhabens sind immens: Es geht schließlich nicht allein um den Rückbau und die Abschaltung von Kernkraftwerken – die nach Fukushima im Vergleich zum früheren Energie-Konzept 2010 noch einmal in einen engeren zeitlichen Rahmen gefasst wurden, so dass sich die Restlaufzeiten der 17 deutschen AKW zum Teil deutlich verkürzt haben. 

Die baden-württembergischen Anlagen Neckarwestheim II und Philippsburg II werden dadurch ganze 14 Jahre früher vom Netz gehen als ursprünglich vorgesehen. In Anbetracht der aufgedeckten Unregelmäßigkeiten bei Sicherheitsprüfungen im AKW Philippsburg sicher eine gern gehörte Nachricht. Selbst wenn solche Störungen keine akute Gefährdung zur Folge haben, weil in erster Linie Prüfungsverfahren und Dokumentationen betroffen waren, das mulmige Gefühl bleibt. 

Die neuen Forschungspläne der EU-Kommission zur Förderung von Atomforschung in Europa wird dieses Gefühl zudem kaum verbessern. Die vorgelegten Papiere sind zwar keineswegs beschlussreif, die Tendenz aber schon jetzt deutlich: Schwerpunkt sollen demnach flexiblere Mini-AKW sein, die neben der Stromversorgung bei der dezentralen Wärmeproduktion eingesetzt werden können. Auf der Verbraucherseite mag angesichts des groß angelegten deutschen Atomausstiegs die Frage nach den Beweggründen für eine derartige Kehrtwende aufkommen. 

Die liegen neben dem Wettstreit um die technologische Vorreiterrolle der EU möglicherweise auch in der Sorge um das Erreichen der gesetzten Klimaziele. Immerhin gilt Kernkraft als emissionsfreundlich und damit als wichtiges Puzzleteil, um die Vorgaben des Weltklimaabkommens zu erfüllen, wie Yukiya Amano, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, betont. Er verweist zugleich auf die Themen Energiesicherheit und bezahlbare Elektrizität, die in anderen Nationen sehr viel wichtiger sind als in Deutschland. Ansichten, die auch in der EU verbreitet sind – schon im vergangenen Jahr war die Atomkraft Teil einer möglichen Strategie, sowohl die Klimaziele als auch günstigere Strompreise auf dem europäischen Binnenmarkt zu erreichen.

Atomenergie, nein danke!

Ein Konsens über diese Bestrebungen wird hingegen noch schwieriger zu erreichen sein. Der ist allerdings auch nicht zwingend notwendig, denn die Entscheidungen über die Verwendung und Förderung der Atomkraft liegen schlussendlich bei den einzelnen Mitgliedstaaten. Von denen einige die Einschätzungen der Bundesregierung bezüglich der Notwendigkeit eines Atomausstiegs nicht teilen. 

Umgekehrt kann aber auch jeder einzelne Bürger selbst entscheiden, ob er mit seinem eigenen Konsumverhalten als Energieverbraucher Kernkraft weiterhin fördern oder zu einem schnelleren Ausstieg beitragen möchte – selbst bei einem Thema globalen Ausmaßes.

1. Informieren

Das ist natürlich schon grundsätzlich die Pflicht eines mündigen Bürgers, denn wie sollte man sonst bei den wirklich wichtigen Themen im Leben mitreden können? Eine kritische Auseinandersetzung mit Nachrichtenmeldungen ist in dieser Hinsicht eine gute Grundlage, liefert aber vielleicht nicht immer Hintergrundinformationen in der gewünschten Fülle. 

In solchen Fällen sind die einschlägigen Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder die Webseiten von Initiativen wie dem .ausgestrahlt e.V. nützliche Anlaufstellen. Die klären nicht nur zu den neuesten Entwicklungen oder den besonderen Schwierigkeiten der Thematik Atomenergie auf, sondern geben zugleich Anregungen, was Einzelpersonen alles tun können – beispielsweise aktiv an der Weitergabe von Informationen und Informationsmaterial mitzuwirken oder einen öffentlichen Protest zu organisieren.

2. Den Stromanbieter wechseln

Eine naheliegende Sache, die vielleicht genau deshalb in Vergessenheit gerät. Dabei ist der Wechsel zu einem Anbieter, der den gelieferten wirklich zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gewinnt, das vielleicht wirksamste Mittel der Verbraucher. Das klingt vermeintlich leicht, allerdings macht es trotzdem Sinn, genau hinzusehen. Denn trotz des angekündigten Atomausstiegs ist der Anteil der Kernenergie am deutschen Strommix immer noch recht beträchtlich, im vergangenen Jahr lag er bei 14,2 Prozent. Zum Vergleich: Steinkohle machte einen Anteil von 18,3 Prozent aus, Braunkohle von 24 Prozent und die erneuerbaren Energien kamen insgesamt auf 29 Prozent.

STROMMIX 2015

Das zeigt zum einen, dass bis zu einer wirklich erfolgreich zu nennenden Energiewende noch ein weiter Weg ist, solange Atomkraft und fossile Energieträger eine derart große Rolle bei der Stromerzeugung spielen – zwei Drittel machen sie zusammen beim Strommix aus. Das zeigt aber zum anderen auch, dass bei der Stromanbieterwahl besonderer Wert auf den jeweils gebotenen Mix gelegt wird. Es mag zwar vorbildliche Projekte wie die bürgereigenen Elektrizitätswerke des baden-württembergischen Schönau geben, aber ein gänzlich auf erneuerbaren Energien basierendes Angebot ist längst nicht bei allen Stromlieferanten garantiert. 

Sein Geld zu den Konzernen zu tragen, die auch Kohlekraft- oder Atomkraftwerke betreiben, ist daher kaum im Sinne des gewünschten Umweltschutzes. Vorzugsweise sollte deshalb nach Anbietern Ausschau gehalten werden, die tatsächlich ausschließlich Ökostrom produzieren und das mit Hilfe von möglichst neuen Anlagen.

3. Selber in die Energiewende investieren

Ökostrom beziehen ist ein guter erster Schritt. Ein noch besserer zweiter wäre die weitgehende Unabhängigkeit von Stromkonzernen. Dazu gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die sich nicht in der Installation einer Photovoltaikanlage erschöpfen müssen. Wie weit sie indes tatsächlich gehen können, zeigen die Bemühungen der Bundesregierung im Rahmen des „Effizienzhaus Plus“-Programms. Nach einem ersten Versuch in der Hauptstadt Berlin hat das Bundesbauministerium inzwischen die bundesweite Förderung verschiedener Modellhäuser in Angriff genommen.

Die nutzen nicht einfach nur regenerative Energien für den Eigenbedarf, sondern sind nach dem „Plus-Energie-Standard“ gestaltet: Sie produzieren so viel Energie, dass sie nicht nur den angeschlossenen Haushalt in allen wichtigen Bereichen (Heizung, Warmwasser, Beleuchtung, Haushaltsstrom) versorgen können, sondern darüber hinaus Überschüsse für Elektrofahrzeuge oder andere Häuser weitergeben können – ein Modell mit Zukunftscharakter.

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