Briten im Brexit-Chaos

Theresa May vor dem Aus? Das sind die Favoriten auf die Nachfolge

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Spekulationen um May-Nachfolge. Das sind mögliche Kandidaten: David Lidington (o.l.), Nicky Morgan; Michael Gove (o.r.) und Jeremy Hunt.

Das Ende von Theresa May als Premierministerin könnte schnell kommen. Wer in diesem Fall die Brexit-Verhandlungen fortführen könnte, lesen Sie hier:  

London - Es ist fraglich, wie lange sich Theresa May noch im Amt halten kann. Die britische Premierministerin konnte bei der Europäischen Union in Brüssel zwar eine Verschiebung des Brexit erwirken, in London drohen aber Mitglieder ihrer Regierung mit einem Putsch. Britischen Medien zufolge hatten mehrere Kabinettsmitglieder vor, ihre Arbeit niederzulegen, wenn May nicht zurücktrete. 

Bereits am Samstag hatte die britische Zeitung Sunday Times berichtet, dass die Minister um Mays Stellvertreter David Lidington und Umweltminister Michael Gove für Sonntag einen Putschversuch planten. Der Kabinettscoup fand nicht statt. Gove und Lidington dementierten hingegen, die Premierministerin beerben zu wollen. May solle im Amt bleiben. „Sie macht einen fantastischen Job“, sagte Lidington. Und fügte sogar hinzu, dass er sich nicht vorstellen könne, selbst Premierminister zu werden. 

Trotz der Loyalitätsbekundungen ihrer beiden Minister wird weiterhin über Mays Nachfolger spekuliert. Die Brexit-Debatte des britischen Parlaments könnte diese Woche Mays Schicksal besiegeln. Sollte sie zum Rücktritt gezwungen werden, müsste schnell ein Übergangsnachfolger ernannt werden, bevor im Sommer Neuwahlen ausgerufen würden. Vor allem vier Namen werden als mögliche Interims-Minister gehandelt: Zuvorderst trotz allem David Lidington (62), David Grove (51). Hinzu kommen die frühere Bildungsministerin im May-Kabinett Nicky Morgan (46) und der Nachfolger von Boris Johnson im Amt des Außenministers, Jeremy Hunt (52). 

Möglicher May-Nachfolger 1: David Lidington, „der graue Mann“

Bei vielen im britischen Parlament heißt er „der graue Mann“. Und das liegt nicht an seinen Haaren: David Lidington hat sich seinen Spitznamen erarbeitet. Vor allem, weil er meist im Hintergrund agiert - und dabei durchaus ansehnliche Ergebnisse erzielt. Die Sunday Times bezeichnet Lidington als den „mächtigsten Mann, den Sie bislang nicht kannten“. 

David Lidington gilt als möglicher May Nachfolger. Am Sonntag gab es Spekulationen über bevorstehende Revolte im britischen Kabinett.

Trotz seiner Position als Mays Stellvertreter gilt Lidington als jemand, der keine Feinde hat und im Parlament von allen Seiten geschätzt wird. Und das, obwohl er 2016, als die Briten ihr EU-Referendum abhielten, ein sogenannter „Remainer“ war, der für den Verbleib in der Europäischen Union warb. Lidington war 2016, unter dem damaligen Regierungschef David Cameron, Europaminister und betonte vor dem Referendum immer wieder die Bedeutung des EU-Binnenmarktes für den Wohlstand Goßbritanniens. Entsprechend müssten die Brexit-Befürworter ihn eigentlich mit Argwohn betrachten - ebenso wie May, die vor ihrem Amtsantritt als Premierministerin eine ähnliche Linie vertrat.

Nach dem Referendum wechselte Lidington aber seine Position und stellte sich an Mays Seite. Dort plädierte er dafür, das Referendum, als den Willen des Volkes, umzusetzen. Lidington steht dabei für einen weichen Brexit, über den ein möglichst gutes Verhältnis zur EU bewahren soll. Damit stellt 62-Jährige für zahlreiche gemäßigte Konservative im britischen Kabinett, die einen harten Brexit vermeiden wollen, eine gute Wahl dar. 

Möglicher May-Nachfolger 2: Michael Gove, der „Pate des Brexit“

Michael Gove ist derzeit Umweltminister in Mays Kabinett. Auch er hat am Sonntag auf die Gerüchte um den Putschversuch reagiert und vor einer Absetzung Mays mitten in den Brexit-Querelen gewarnt. „Ich denke, jetzt ist nicht die Zeit, den Kapitän des Schiffs auszutauschen“, sagte er. Außerdem zeigte er sich am Sonntag bürgernah und ging joggen; begleitet von den Medien.

Trotz der Gerüchte über einen Putschversuch gegen May geht Umweltminister Micheal Gove am Sonntag jobben.

Gove ist prominenter Brexit-Befürworter. Und bekannt als Mann, der über politische Leichen geht. Die Nachrichtenagentur Reuters ernannte ihn gar zum „Paten des Brexit“. 2016 war Gove unter Cameron im Amt des Justizministers tätig. Zunächst unterstützte Gove Boris Johnson in dessen Ambitionen auf das Amt des Premierministers. Schließlich kandidierte er aber selbst und scheiterte in zweiten Wahlrunde gegen seine verbliebenen Mitbewerberinnen Theresa May und Andrea Leadsom. Für die Brexit-Hardliner in der Regierung gilt der 51-Jährige als der ideale Übergangsnachfolgekandidat.

Möglicher May-Nachfolger 3: Nicky Morgan: Für May sei es „Zeit zu gehen“

Nicola („Nicky“) Morgan war unter David Cameron Bildungsministerin. Mit Mays Machtübernahme verlor sie ihr Amt. Sie arbeitete daraufhin im Finanzausschuss und wurde 2017 zur Chefin des Ausschusses gewählt.

Nicky Morgan gilt als Brückenbauerin und als mögliche May-Nachfolgerin.

Die 46-jährige konservative Politikerin gilt als Brückenbauerin - vor allem, weil sie mir Proeuropäern und Brexit-Hardlinern den sogenannten Malthouse-Kompromiss ausgearbeitet hat, der im März aber vom britischen Parlament abgelehnt wurde. Der Malthouse-Kompromiss sah vor, eine Verschiebung des EU-Austritts bis zum 22. Mai zu beantragen. Danach sollte eine Übergangsphase bis Ende 2021 ausgehandelt werden. Gegner des Kompromisses hatten kritisiert, dass es ohne Austrittsabkommen auch keine Übergangsphase geben könne. 

Morgan trat 2016 als Remainerin auf. Trotzdem gehen Parteikollegen davon aus, dass sie Brexit-Verhandlungen führen könnte. Morgan argumentiert, Stimmung zum Brexit in der Bevölkerung sei als ein „Macht weiter!“ aufzufassen. Dem wolle sie gerecht werden. 

Möglicher May-Nachfolger 4: Jeremy Hunt, der Unbeständige

Jeremy Hunt hat 2018 Boris Johnson im Amt des Außenministers abgelöst. Auch auf der Insel erfreuen sich Außenminister -ebenso wie in Deutschland - oft großer Beliebtheit. Vielleicht wird Hunt auch deshalb als May-Nachfolger gehandelt. Er gilt aber auch als Mann schnell wechselnder Meinungen, auf dessen Aussagen man sich nicht unbedingt verlassen darf. 

Der britische Außenminister Jeremy Hunt sagt, auch die EU müsse im Falle eines No-Deal-Brexit die Verantwortung tragen.

Der damalige Gesundheitsminister trat vor dem britischen EU-Referendum 2016 noch als überzeugter Verteidiger der Europäischen Union auf. 2017 änderte er überraschend seine Haltung und sprach von der „Arroganz der Europäischen Kommission“. Während er damals einen No-Deal-Brexit noch kategorisch ablehnte, schien ihm diese Lösung Ende 2018 dann aber plausibel: Auch ohne Abkommen könne Großbritannien blühen und wachsen. Im Januar bezweifelte er bereits wieder, dass Großbritannien angemessen auf einen solchen EU-Austritt vorbereitet sei.

Bisher hat Hunt Mays-Brexit-Abkommen aber immer unterstützt. Seine (momentane) Haltung dürfte also jener von May entsprechen. 

Alle aktuellen Informationen rund um den Brexit finden Sie in unserem News-Ticker. 

nai

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