Nachrichten auf Arabisch

Wie Medien Flüchtlinge erreichen wollen

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Der Moderator und Journalist Constantin Schreiber (M) produziert mit einem Filmteam die arabische Nachrichtensendung "Marhaba - Ankommen in Deutschland" am 25.11.2015 über den Dächern von Berlin.

Berlin - Kurze Videos auf Arabisch oder Sonderseiten in der Zeitung - Medien wollen mit neuen Angeboten Flüchtlinge informieren. Dabei zeigt sich: Viele haben ganz einfache Fragen, wenn sie nach Deutschland kommen.

Moderator Constantin Schreiber lernt gerade den letzten Satz von einem Zettel auswendig. „Wir haben noch keinen Teleprompter auf Arabisch“, sagt der 36-Jährige. Schreiber steht auf einer Dachterrasse in Berlin, hinter ihm verschwimmt in der Ferne die Kuppel des Bundestags. Er moderiert für n-tv die Sendung „Marhaba - Ankommen in Deutschland“. Das sind kurze Clips im Internet. Gedacht für Flüchtlinge. Auf Arabisch.

Schreiber kann die Sprache, weil er lange in der arabischen Welt gearbeitet hat. Der Journalist moderiert etwa im ägyptischen Fernsehen eine Wissenschaftssendung. Seine n-tv-Videos sollen etwas über das Leben in Deutschland erklären. „Ich bin niemand, der sagt, du musst kein Deutsch lernen“, sagt Schreiber. Aber es dauere, bis die Menschen die Sprache beherrschten. Solange sei das Arabische eine Hilfestellung, es gibt aber auch deutsche Untertitel.

Die Online-Clips sind eines von mehreren Angeboten, die Medien derzeit für Flüchtlinge entwickeln. Die ARD übersetzt ihre „Tagesschau in 100 Sekunden“ ins Arabische, die Zeitungen „Bild“ und „B.Z.“ in Berlin haben bereits einmal Sonderseiten veröffentlicht. Und auch die „Sendung mit der Maus“ gibt es auf Arabisch. Doch was können diese Formate bringen? Erreichen sie ihre Zielgruppe?

Bislang gebe es keine umfassende wissenschaftliche Studie zu den neuen Medienangeboten, sagt Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es sei grundsätzlich gut, Sprachbarrieren zu überwinden und Themen anzusprechen, die das Ankommen erleichtern, etwa Behördengänge. Und es komme auch auf das Medium an: „Da sehe ich schon Stärken beim Internet.“ Denn viele Flüchtlinge haben ein Smartphone.

Das erzählt auch Sozialberater Christian Großer von einer Berliner Flüchtlingsunterkunft der Caritas. Im Haus gibt es zwar einen Fernseher, vor allem aber WLAN. Das Hauptmedium sei das Smartphone. Flüchtlinge informierten sich so über die Lage ihrer Angehörigen und ihrer Heimat. „Da sind sie oft schneller als die Medien hier“, sagt Großer. Sein Eindruck sei, dass Flüchtlinge auch deutsche Angebote nutzten, wie stark, liege aber an jedem einzelnen.

Informationen auf die Handys zu bringen, ist auch der Ansatz von n-tv. Die Videos erklären etwa, dass Fleisch nicht immer nach muslimischen Regeln zubereitet wird, und dass es viele Brotsorten gibt („Vollkornbrot, Nussbrot, Schwarzbrot“). Kleine Anekdote: Wie ein Einwanderer erzählt, warum ein Freund ungern in die Bäckerei geht. Er fühle sich unter Druck gesetzt, schnell entscheiden zu müssen, wenn der Verkäufer warte. Und eine Frage, die häufig gestellt worden sei: Welche Produkte nimmt man in Deutschland zur Babypflege?

Die Videos thematisieren aber auch Schwieriges. Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Beispiel. Oder Liebe und Sex in unserer Gesellschaft. Damit knüpfen sie auch an eine aktuelle Debatte an: Die Frage nämlich, wie Flüchtlinge am besten integriert werden können. „Integrationsfernsehen!“, meinten manche. Allen voran die CSU, die einen öffentlich-rechtlichen Flüchtlingskanal forderte.

Darauf gab es nicht nur positive Reaktionen, sondern auch Kritik. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte, ein eigenes Programm, das eine „wie auch immer definierte deutsche Leitkultur vermitteln soll“, sei „als mediales Ghetto zum Scheitern verurteilt“. Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) schlug vor, Flüchtlinge mit speziellen Sendungen in Fernsehen und Rundfunk besser zu integrieren. „Das ersetzt nicht den Integrationskurs, hat aber den Vorteil, dass man Tausende Flüchtlinge sofort erreicht“, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Solche Überlegungen gebe es gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen bereits seit den 1970er Jahren, erklärt Wissenschaftler Neuberger. Es habe etwa Hörfunkprogramme für Gastarbeiter in ihren Muttersprachen gegeben. „Es gibt da schon viele Versuche.“ Der Trend gehe aber eher dahin, dass man sage, es sollten nicht mehr isolierte Sendungen sein, sondern man solle versuchen, die Minderheits- und Mehrheitsbevölkerung gleichzeitig anzusprechen.

Die Internetvideos von „Marhaba“ werden nach Angaben Schreibers öfter mit arabischen Untertiteln aufgerufen als mit deutschen. Etwa 60 Prozent der Nutzer lebten im Nahen Osten, sagt der Moderator, der für die Sendung Lob, aber auch Hetze von Fremdenfeinden erlebt hat.

Auch von den Zuschriften der Zuschauer seien viele aus der arabischen Welt, sagt Schreiber. Mit seinem Sender plant er eine Verlängerung der Projekts - und eine 40-minütige TV-Sondersendung am 17. Dezember. Schreiber will dann mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft im Fernsehen diskutieren - ebenfalls mit arabischen Elementen. Wie das konkret aussehen wird, verrät der Sender aber noch nicht.

dpa

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