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Wassernot am Gardasee: Pegelstand erreicht neuen Negativrekord - Touristen verärgern Einheimische

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Von: Patrick Mayer

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Malerisch: Lazise am Gardasee, das insbesondere bei Touristen aus Bayern und Baden-Württemberg sehr beliebt ist.
Malerisch: Lazise am Gardasee, das insbesondere bei Touristen aus Bayern und Baden-Württemberg sehr beliebt ist. © IMAGO/Jöran Steinsiek

Touristen haben Vorrang: Während am Gardasee der Wasserstand wegen der Dürre in Italien ungebremst sinkt, sind die Einheimischen die Leidtragenden. Die Stimmung kippt mancherorts.

München/Bardolino/Sirmione - Es gibt unzählige Anekdoten, wie die Tedeschi, die Deutschen, am Gardasee auf die italienischen Einheimischen treffen, auf die Popolazione Locale. Eine stammt aus Desenzano am südlichen Ufer. Frühsommer 2022. Eine Gruppe junger Männer aus München frönt der Dolce Vita in Form einer Runde Aperol Spritz auf der Terrasse ihrer Ferienwohnung. Der Besitzer des Anwesens, Matteo, ein Italiener wie er im Buche steht, kommt lachend dazu.

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„Ihr Deutschen, ihr trinkt immer Aperol“, sagt er schmunzelnd: „Wir Italiener trinken viel lieber Campari Spritz. Pirlo nennen wir das Getränk. Wie den Fußballer Andrea Pirlo, den kennt ihr Deutschen noch, oder?“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht und seiner Werkzeugkiste in der Hand schreitet Matteo zur Arbeit. Natürlich kannten die Münchner Pirlo. Jenen Fußball-Strategen, der Italien im Halbfinale der WM 2006 in Dortmund zum 2:0-Sieg über Deutschland führte - und in Berlin schließlich zum Weltmeister-Titel.

Endete dieser fußballerische Seitenhieb noch in freundschaftlicher Atmosphäre, rumort es in diesem Hochsommer am Gardasee mancherorts wegen der Tedeschi. Denn: Touristen haben an dem oberitalienischen See zwischen Trient, Lombardei und Venetien offensichtlich Vorrang. Trotz Dürre und Wassernot in Norditalien sind die Schwimmbäder der Hotels und Ferienanlagen voll, die Brunnen der malerischen Altstädtchen laufen und der Betrieb im „Canevaworld“, dem großen Wasserpark zwischen Lazise und Peschiera del Garda, geht unvermindert weiter.

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Es ist eine Wasserverschwendung sondergleichen, bedenkt man die Bedürfnisse vieler Einheimischer, die mit der Trockenheit aus wirtschaftlichen Grünen zu kämpfen haben. „Wir müssen unsere Schifffahrt und die Fische schützen und gleichzeitig sicherstellen, dass die Bauern rund um den See auch im August noch ihre Kulturen bewässern können“, erklärte Geschäftsführer Pierlucio Ceresa vom Gemeindeverband Garda kürzlich. Er kritisierte den um 30 Kubikmeter pro Sekunde erhöhten Abfluss via Peschiera del Garda und den Mincio in den Fluss Po. Man müsse aufpassen, „dass nach dem Po nicht noch der Gardasee krank wird“.

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Der Gardasee hatte zu diesem Zeitpunkt, Anfang August, gerade noch 60 Prozent seines möglichen Wasservolumens. Laut Behördenangaben lag bereits damals der Pegelstand einen Meter unter dem üblichen Schnitt. In Sirmione waren am Jamaica Beach - beliebt bei Urlaubern aus Bayern und München - die Strände völlig freigelegt. Die bekannten (und tatsächlich bequemen) Steinplatten ragten weit in den See hinein.

Das hat sich bis zu diesem Freitag, 19. August, nicht geändert. Auch wenn es just an diesem Tag zwischen Sirmione und (dem ebenfalls bei bayerischen Urlaubern beliebten) Bardolino endlich wieder regnete. Und es in derselben Woche in der südlich gelegenen italienischen Toskana sogar ein Unwetter mit Starkregen gab.

Apropos Bardolino: Das Kleinstädtchen am Gardasee-Ostufer mit etwas mehr als 7000 Einwohnern ist neben Restaurants mit deutschem Bier nicht zuletzt für seinen heimischen Wein bekannt. Wie auch das Örtchen Lugana am Südufer. Mittlerweile wird offen kommuniziert, dass beim Bewässern der riesigen Weinberge und -felder in der Region mit Wasser gehaushaltet wird, während die Pools gefüllt bleiben. Dabei braucht es für die Herstellung einer Flasche Wein im Schnitt 950 Liter Wasser. Lassen sich so die Qualitätsstandards noch einhalten?

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Wegen der offenkundigen Privilegien für Urlauber in Italien kippt die Stimmung mancherorts - obwohl viele Einheimische vom Tourismus leben. Ein Beispiel: In den malerischen Sträßchen von Sirmione gilt seit 1. August wegen des ungebremsten Ansturms an Feriengästen ein Auto- und Fahrradverbot. 1,4 Millionen Übernachtungen waren es 2019 vor der Corona-Pandemie - einzig in Sirmione. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Zahl 2022 übertroffen wird. Dabei hat Sirmione nur 8000 Einwohner - und wegen seiner Lage eine beschränkte Infrastruktur.

Die Jugend von hier geht fort, denn es ist alles sehr limitiert.

Ein Einheimischer aus Sirmione (Quelle: Focus Online)

Ein Einheimischer beschwerte sich laut Focus Online: „Die Jugend von hier geht fort, denn es ist alles sehr limitiert. Es gibt keinen Parkplatz, und man darf mit dem Auto nur bis zu einer bestimmten Zeit ins Zentrum reinfahren. Es gibt auch keinen Supermarkt.“ Matteo aus Desenzano war da etwas diplomatischer. Was er damals wohl noch nicht wusste: Am Dienstag (17. August) erreichte der Gardasee seinen tiefsten Wasserstand seit 15 Jahren. Da hilft auch kein Fußball-Heiliger Andrea Pirlo mehr. (pm)

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