Heftige Kritik

Das gab es noch nie: Mischwesen zwischen Mensch und Tier

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Japanische Forscher wollen menschliche Organe in Tieren züchten - wie etwa in einem Rattenembryo. Foto: Science Pictures ltd/SPL

Japanische Forscher möchten menschliche Organe in Tieren heranwachsen lassen und damit künftig Patienten helfen. Eine wichtige Hürde haben sie nun genommen. "Ethischer Megaverstoß" oder Hilfe für Schwerkranke?

Tokio/Berlin - Weltweit erstmals haben japanische Forscher eine Genehmigung zur Zucht menschlicher Organe in Tieren bekommen.

Das zuständige Gremium des japanischen Wissenschaftsministeriums segnete den Beginn der Forschung mit menschlichen Stammzellen ab, die in Tierembryonen eingepflanzt und dann von den Tieren ausgetragen werden sollen. Das bestätigte Ayako Maesawa, Direktorin beim Ministerium in Tokio, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die Erlaubnis bezieht sich jedoch nur auf ein Forschungsprojekt der Universität Tokio.

Ziel solcher Forschung ist es, später einmal Menschen zu helfen, die bisher vergeblich auf ein Organ warten. Weltweit wurden bislang nur Versuche mit Embryos aus menschlichen und tierischen Zellen genehmigt, die früh getötet wurden. Jetzt dürfen die Organe bis kurz vor der Geburt des Fötus heranwachsen.

"Mit der Züchtung von Mensch-Tier-Mischwesen wird eine Grenze überschritten, die wir als Menschen nicht überschreiten dürfen", sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem Spiegel. "Das ist ein klarer ethischer Megaverstoß." Auch Jens Reich, Mediziner und Molekularbiologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin kritisierte die Versuche.

Japan: Das gab es noch nie: Mischwesen zwischen Mensch und Tier

Ein Forscherteam der Universität Tokio will sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) von Menschen zunächst in Embryos von Mäusen einpflanzen. Die Embryos seien genmanipuliert, so dass sie keine eigene Bauchspeicheldrüse ausbilden, so die Ministeriumssprecherin. Es sei zu erwarten, dass die heranwachsenden Föten Bauchspeicheldrüsen-Gewebe aus den menschlichen iPS-Zellen entwickeln. Die Mäuseföten sollen von Artgenossen ausgetragen und kurz vor der Geburt getötet werden. Während der Schwangerschaft solle zudem herausgefunden werden, ob sich auch woanders im Körper der Tiere menschliche Stammzellen verbreiten, so Maesawa.

Nakauchi habe bereits 2017 iPS-Zellen von Mäusen in Rattenembryos eingesetzt, die keine Bauchspeicheldrüse entwickeln konnten, schreibt der Asien-Korrespondent von Nature, David Cyranoski, in dem Fachjournal. Die Ratten entwickelten daraufhin Bauchspeicheldrüsen, die ausschließlich aus Mäusezellen bestanden. Eingesetzt in eine Maus mit Diabetes habe das Organ den Blutzuckerspiegel kontrolliert, wie es seine Aufgabe ist.

Das Team will menschliche iPS-Zellen in einem weiteren Versuch auch in Embryos von Affen und Schweinen einpflanzen. Diese sollen jedoch nicht ausgetragen werden. Man wolle die Embryos lediglich züchten, um herauszufinden, zu wie viel Prozent sie aus iPS-Zellen bestehen.

Japan: SPD-Gesundheitsexperte kritisiert Organzüchtungen in Tieren

Hybrid-Embryos aus Mensch und Tier seien zuvor schon in den USA und anderen Ländern gezüchtet worden, schreibt Cyranoski in Nature. Sie wurden jedoch immer sehr früh getötet. Nakauchis Projekt sei das erste, das unter einem neuen japanischen Gesetz von einem Ministeriumsgremium abgesegnet worden sei.

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach warnte davor, dass nach der erfolgreichen Schaffung von Tieren mit menschlichen Organen der Schritt nicht mehr groß sei, auch Menschen mit tierischen Eigenschaften auszustatten. Solche Züchtung von Organen sei zudem nicht nötig, weil die Züchtung von Spenderorganen aus menschlichem Gewebe im Labor bereits weit fortgeschritten und erfolgversprechend sei.

Statt Tiere als "menschliche Organfabrik" auszunutzen forderte er eine stärkere Förderung dieser Forschung, eine bessere Regelung der Organspende und eine gezieltere präventive Organpflege, um die Zahl der Transplantationen insgesamt zu senken.

Japan: Biologe warnt vor Gefahren bei Mischwesen

"Es ist sehr heikel, solche Versuche zu machen", sagte der Molekularbiologe Reich. "Die Gefahr ist immer bei solchen Sachen: Man gibt ja sehr potente menschliche Stammzellen in einen tierischen Embryo hinein und kann dann nicht mehr verhindern, dass die etwas machen, was nicht mehr kontrollierbar ist. Zum Beispiel in dem Versuchstier Hirnzellen, Nervenzellen bilden." Das sei ethisch nicht tolerierbar. "Die Integration bedeutet, dass es sehr schwer zu kontrollieren ist, dass wir nicht zum Schluss Hirnchimären haben." Das sei das Schrecklichste. In Deutschland würde keine Ethikkommission solche Versuche tolerieren.

In Japan sind sich Forscher der ethischen Bedenken sehr wohl bewusst. Nakauchi will dem "Nature"-Bericht zufolge nach und nach kleine Fortschritte machen und zunächst Mäuseföten 14,5 Tage - also bis kurz vor der Geburt - heranwachsen lassen. Später will er dasselbe mit Ratten unternehmen. Er plane, eine Genehmigung für entsprechende Schweineversuche zu beantragen. "Es ist gut, schrittweise mit Vorsicht voranzugehen, um es zu ermöglichen, einen Dialog mit der Bevölkerung zu haben, die sich ängstigt und Bedenken hat", sagte Politikforscher Tetsuya Ishii von der Hokkaido Universität im japanischen Sapporo dem Journal Nature.

Bis zum Frühjahr dieses Jahres war es in Japan verboten, solche Föten austragen zu lassen. Dahinter hatten ethische Bedenken bestanden, dass Mischlinge aus Mensch und Tier entstehen könnten. Das Wissenschaftsministerium hob jedoch Einschränkungen für das Einpflanzen menschlicher Stammzellen in Tieren auf. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass ein solches Risiko, Mensch-Tier-Chimären entstehen zu lassen, technisch bei Null liege, hieß es dazu.

Vor einiger Zeit konnten US-Forscher erfolgreich einen Embryo züchten, der aus menschlischen und tierischen Zellen besteht. Für viele Patienten ist die Organspende die einzige Möglichkeit, um eine Krankheit zu überstehen oder zu überleben. Eine Organspende ist für sie „ein unbezahlbares Geschenk“. Das berichtet tz.de*.

*tz.de ist Teil der bundesweiten Ippen-Digital-Zentralredaktion

dpa

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