Alltag massiv verändert

Gehörlose leiden unter der Maskenpflicht - Lippenlesen unmöglich

Lippenlesen ist für Gehörlose in der Corona-Krise wegen der Maskenpflicht unmöglich.
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Lippenlesen ist für Gehörlose in der Corona-Krise wegen der Maskenpflicht unmöglich.

Der Mund- und Nasenschutz soll in Zeiten von Corona Schutz vor einer Ausbreitung des Virus bieten. Für Gehörlose ist dieses Utensil eine große Herausforderung. Grund: Betroffene können keine Lippen des Gegenübers lesen und werden somit „doppelt isoliert“, wie Werner Althaus von der Caritas Fulda erklärt.

  • Die Maskenpflicht macht Gehörlosen zu schaffen, denn Lippenlesen ist so unmöglich.
  • In Bayern gibt es daher eine Sonderregelung, in Hessen ist die Lage nicht eindeutig.
  • Gehörlose müssen ihren Alltag verändern, etwa mit Zettel und Stift einkaufen gehen.

Fulda - „Gehörlose sind in der Hörenden-Welt isoliert. Die jetzige Situation trifft sie doppelt so stark. Die Maskenpflicht ist ein echtes Problem für Hörgeschädigte“, erklärt Werner Althaus, Sozialarbeiter beim Caritasverband für die Regionen Fulda und Geisa. Natürlich könne er die Einführung der Maskenpflicht* im Kampf gegen das Virus verstehen, doch der Alltag habe sich für taube Menschen durch diese Maßnahme massiv verändert.

Coronavirus: Masken verhindern Lippenlesen - Alltag und Kommunikation von Gehörlosen massiv verändert

„Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem Gehörlose, wie in früheren Zeiten, mit Zettel und Stift und Maske einkaufen müssen*“, bedauert er. Das Schreibmaterial diene dazu, einen anderen Kommunikationsweg nutzen zu können, um in Alltagssituationen zu verstehen und verstanden zu werden. Das Lippenlesen wird nämlich durch die Masken verhindert.

Zwar wurden bereits Alternativen entwickelt, diese sind aber nicht praktikabel. Beispiel ist eine Maske, die im Mittelteil mit Plastik versehen ist, so dass die Lippen sichtbar sind. „Allerdings beschlägt das Plastikstück beim Sprechen sofort“, erklärt der Caritas-Mitarbeiter.

Bayern mit Sonderregelung für Gehörlose, Hessens Lage bei Maskenpflicht unklar

Das Land Bayern hat sich mit dem Problem befasst – und reagiert: Im Freistaat ist zum Beispiel das Abnehmen der Mund-Nasen-Bedeckung zulässig, wenn es für die Kommunikation mit hörgeschädigten Menschen erforderlich ist – auch in Situationen, in denen eigentlich Maskenpflicht besteht.

Und in Hessen? Hier ist die Lage nicht eindeutig: Die Maskenpflicht gilt nicht für Personen, „die aufgrund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung oder einer Behinderung keinen Mund-Nasen-Schutz tragen können“. Auf bestimmte Personengruppen geht die Landesregierung allerdings nicht ein. Sollte eine Person aus gesundheitlichen Gründen wie Asthma keine Maske tragen können, muss dies durch eine ärztliche Bescheinigung nachgewiesen werden. Das hilft Gehörlosen wenig, zumal ja in erster Linie nicht sie selbst, sondern ihr Gegenüber von der Maskenpflicht befreit werden müsste.

Tipps

Diese Kommunikationsregeln sollten laut dem Deutschen Gehörlosen-Bund in der lautsprachlichen Kommunikation mit Gehörlosen beachtet werden:

• Schauen Sie Gehörlose beim Sprechen an und halten Sie Blickkontakt.

• Sprechen Sie langsam und deutlich, aber sprechen Sie nicht lauter als üblich.

• Verwenden Sie kurze, klare Sätze.

• Sprechen Sie möglichst Hochdeutsch.

• Benutzen Sie eine deutliche Mimik und Gestik.

• Möchten Sie den Gehörlosen ansprechen, können Sie seine Aufmerksamkeit durch Wink-Bewegungen der Hand auf sich ziehen.

• Schreiben Sie Ihre Worte auf.

Viele Menschen mit Hörschädigung sind darauf angewiesen, auf die Sprechbewegungen des Gegenübers zu achten. Da diese unter der Maske nicht mehr sichtbar sind, ist Kommunikation schwierig – mit der Folge, dass die circa 120 Gehörlosen aus dem Landkreis Fulda vermehrt zu Hause bleiben.

Bundesweit gibt es circa 80.000 Menschen, die nicht hören können. „Die Betroffenen setzen die Kontakt-Beschränkungen vorbildlich um. Die sowieso reduzierten sozialen Kontakte leiden durch die Maßnahmen allerdings“, erklärt Althaus. Besonders fehle der „Mittwochs-Treff“, ein wöchentliches Treffen Gehörloser, das wegen der Pandemie ausfallen muss. „Dort werden Fragen, Sorgen und Probleme zwanglos in Gebärdensprache thematisiert. Dieses Angebot fehlt in hohem Maß“, so Althaus.

Gehörlose suchen Kontakt vermehrt über WhatsApp und Skype

Kontakt suchen die Betroffenen aktuell vermehrt in der digitalen Welt. Beliebte Kommunikationskanäle sind die Nachrichtendienste WhatsApp und Skype. „Das A und O ist es, in der jetzigen Situation untereinander Kontakt zu halten“, betont Althaus.

Da nicht alle gehörlosen Menschen in der Region moderne Kommunikationsmedien nutzen und Beratungsstunden nicht stattfinden, lässt sich die Caritas in regelmäßigen Abständen Aktionen einfallen. Aktuell kommuniziert der Verband mit den Betroffenen vermehrt über die Briefpost.

„Als nächstes ist ein Schreiben geplant, in dem wir die Gehörlosen fragen, was sie in der Corona-Zeit machen“, erläutert Althaus. Bei ihren Antworten sollen sie Fotos mitschicken, mit denen eine Collage erstellt werden soll.

RKI übersetzt Pressekonferenzen in Gebärdensprache

Einen Fortschritt sieht der Caritas-Mitarbeiter trotzdem in der Corona-Krise: Pressekonferenzen, wie die vom Robert-Koch-Institut, werden vermehrt in die Gebärdensprache übersetzt. „Allein durch dieses kleine Bild im Fernseher nimmt die hörende Welt wahr, dass es auch gehörlose Menschen gibt“, erklärt er. In anderen Ländern sei dies bereits vor vielen Jahren eingeführt worden.

Generell müsse es das Ziel sein, die Gebärdensprache immer mehr in den Alltag zu integrieren. In Fulda haben in den vergangenen 20 Jahren circa 400 Menschen einen Kurs der Caritas besucht. Somit kommen im Landkreis Fulda drei Personen, die die Gebärdensprache beherrschen, auf einen Gehörlosen.

*Fuldaer Zeitung.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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