Corona-Impfstoff-Verteilung in Bayern

An Münchner Kliniken werden Studenten geimpft, auf dem Land sterben die Senioren: Wie passt das zusammen?

Täglich sterben in Bayern Senioren in den Heimen, weil sie noch nicht geimpft worden sind. Die über 80-Jährigen warten immer noch auf Impftermine. An den Uni-Kliniken werden schon Studenten geimpft. Hat Bayern ein Verteilungsproblem?

  • Die großen Kliniken in Bayern werden so gut mit Corona-Impfstoff versorgt, dass sie schon studentische Hilfskräfte und anderes Personal ohne Patientenkontakt impfen.
  • In den bayerischen Städten und Landkreisen wird dagegen um jede Impfdosis gekämpft - kleine Kreiskliniken und Senioren in den Heimen sind immer noch hoffnungslos unterversorgt. Von den über 80-Jährigen zuhause ganz zu schweigen.
  • Das bayerische Gesundheitsministerium sieht darin kein Problem.

Als Sebastian H.** den Impftermin* bekommt, muss er schon kurz die Stirn runzeln. Jetzt schon? Im Januar? Nehme ich da nicht jemandem anderen den Impfstoff weg?

H. gehört nun wirklich nicht zur viel zitierten ersten Prioritätsgruppe. Er hat zufälligerweise einen Schreibtischjob als studentischer Mitarbeiter im Klinikum rechts der Isar in München und über jenes einen Impftermin zugewiesen bekommen. „Ich habe mir schon Gedanken gemacht, ob ich das jetzt machen soll.“ Eine Kollegin überzeugte ihn dann. Von der Pflege seien einige nicht gekommen, deshalb sei noch soviel da. Und dann waren da die eigenen Gedanken. „Wenn ich das jetzt ablehne, sind dann irgendwann mal alle anderen geimpft, nur ich nicht?“ Also ging er hin.

Zur gleichen Zeit bricht das Corona-Virus bayernweit in Pflegeheimen aus, weil die Einrichtungen immer noch nicht durchgeimpft sind. Wie vom Robert Koch-Institut* empfohlen, wird auch während einem Corona-Ausbruch noch geimpft, um die Krankheit einzudämmen. Für viele Senioren kommt das zu spät. Sie hatten sich bereits mit Covid-19* infiziert und sterben. Die 19 Toten im Landkreis Ebersberg* sind das jüngste von vielen Beispielen.

Ein Student wird geimpft, während Senioren in ihren Betten sterben, weil sie nicht rechtzeitig drankamen. Die über 80-Jährigen in Bayern warten immer noch sehnlichst auf Impftermine. Während in Niedersachsen, Hessen oder Rheinlandpfalz schon fleißig durchgeimpft wird. Wie kann sowas sein?

Corona-Impfstoff-Verteilung in Bayern: Ein langer Behördenweg

Bayernweit verteilt wird der Corona-Impfstoff* vom Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Die Menge orientiert sich am Bevölkerungsproporz der bayerischen Regierungsbezirke, schreibt die dortige Pressestelle auf Anfrage. Und weiter:

„Die weitere Feinverteilung auf die einzelnen Bedarfsträger innerhalb der Regierungsbezirke obliegt den Koordinatoren an den Regierungen, wobei diese neben dem Bevölkerungsproporz innerhalb ihres Regierungsbezirks auch Sonderbedarfe, wie die der Krankenhäuser, nach eigenem Ermessen und Priorität und Prüfung der Bedarfsanforderungen berücksichtigen.“

Corona-Impfstoff in Bayern: Große Kliniken werden extra beliefert

Heißt: Nicht nur die Impfzentren in den bayerischen Landkreisen und kreisfreien Städten bekommen Zuteilungen. Die großen Krankenhäuser sind ihr eigenes Impfzentrum und bekommen als solche ihren eigenen Anteil. Das LGL schreibt weiter in seiner Stellungnahme: „Grundsätzlich war bereits mit Beginn der Impfungen im Dezember 2020 seitens des Gesundheitsministeriums vorgesehen, die Uniklinika entsprechend in der Feinverteilung mitzuberücksichtigen.“ Und diese „Mitberücksichtigung“ fiel offenbar recht als üppig aus.

4000 Impfdosen am Rechts der Isar verteilt: „Herdenimmunität schnellstmöglich“

3600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klinikums rechts der Isar haben schon eine Erstimpfung bekommen, rund 460 laut Klinikum auch schon die Zweite. Das macht fast zwei Drittel der gesamten Belegschaft aus. Das Klinikum begründet den hohen Bedarf an Impfstoff in dieser frühen Phase mit dem Ziel, schnellstmöglich eine Herdenimmunität zu erreichen. Auch mit Blick auf Corona-Ausbrüche in anderen Häusern. In Berlin wurde vor Kurzem ein ganzes Krankenhaus unter Quarantäne gestellt, um einen internen Ausbruch zu stoppen. „Derartige Maßnahmen können zu massiven örtlichen Versorgungsengpässen im Gesundheitsbereich führen.“ Nun gibt es in München auch noch andere Krankenhäuser.

In vielen Landkreisen gibt es nur eine Klinik. Zum Beispiel Miesbach. Da steht allein das Kreiskrankenhaus Agatharied*, das nicht den Luxus von Direktlieferungen hat, sondern auf das landkreiseigene Impfzentrum* angewiesen ist. „Da wird ein großer Druck aufgebaut“, sagt Thomas Straßmüller*, der ärztliche Koordinator desselben. Die Ärzte zeigen mit anklagendem Finger auf die Münchner Kliniken. Ein großes, bekanntes Haus, so munkelt man in Agatharied, sei da schon komplett durchgeimpft. Und für die Kollegen vor Ort gab es lange gerade einmal Impfdosen für rund hundert Mitarbeiter, ein Bruchteil der Belegschaft.

Corona-Impfverordnung gibt Priorität klar vor

Aber genauso ist es eigentlich von der Ständigen Impfkommission (STIKO), an denen sich die Impfverordnung des Bundesgesundheitsministeriums orientiert, vorgegeben. In Krankenhäusern soll in der ersten Phase ausschließlich Personal mit sehr hohen Expositionsrisiko geimpft werden, insbesondere auf Intensivstationen und in Notaufnahmen. Genauso Personal, das viel mit vulnerablen Gruppen, also zum Beispiel Krebspatienten zu tun hat. Der Rest eigentlich erstmal nicht.

Kliniken interpretieren Corona-Impfregeln für sich anders

Und dieses Wörtchen „eigentlich“ ist das Problem. Denn die Impfverordnung lässt sich unterschiedlich auslegen. Zitieren lassen will sich keiner. Aber die Krankenhäuser, so ist aus vertraulichen Gesprächen mit mehreren großen Kliniken zu erfahren, sehen das so: Jeder Mitarbeiter hat irgendwie Kontakt zu vulnerablen Gruppen und ist gleichzeitig einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt. Deshalb gehört - eigentlich - jeder Mitarbeiter auch zur Prio-1-Gruppe. Auch die Kantinenhilfe, auch die Verwaltung und auch Sebastian H., unser studentischer Schreibtisch-Täter vom Anfang der Geschichte.

In Agatharied scheint der Druck Wirkung gezeigt zu haben. Am Dienstag verkündete das Krankenhaus in einer euphorischen Pressemitteilung „Krankenhaus krempelt Ärmel hoch“, dass 240 von rund 1200 Mitarbeitern inzwischen geimpft werden konnten. Immerhin ein Fünftel. Von den Impfquoten an den großen Münchner Kliniken können sie nur träumen.

Corona-Impfungen in Bayern: Warum bekommen die Kliniken so viel Impfstoff?

Dass nun die großen Kliniken mit dieser Begründung so große Impfmengen anmelden, ist das Eine. Dass sie die auch bekommen, während noch nicht einmal die Pflegeheime durchgeimpft sind, das Andere. Verteilt wird vom LGL, sagt das bayerische Gesundheitsministerium. Ja, schon richtig, sagt das LGL, aber nur grob. Genau verteilt werde von den Bezirksregierungen.

Wie viel Impfstoff haben die Krankenhäuser direkt bekommen? Regierung schweigt

Wie viele Krankenhäuser in Oberbayern direkt mit Impfstoff versorgt werden, hätten wir gerne von der Regierung von Oberbayern erfahren. Ebenso, wie viel Impfstoff diese Krankenhäuser jeweils bekommen haben. Das verrät sie aber nicht. Die höhere Impfquote an den Krankenhäusern sei damit zu erklären, dass diese in der Pandemie „systemrelevant“ seien. Das Gesundheitsministerium ergänzt: „Aus den gemeldeten Daten lässt sich ein sehr verantwortungsvoller Umgang mit den leider noch knappen Impfstoffen in den Kliniken erkennen.“ Konkrete Zahlen nennt der Ministeriumssprecher allerdings auch nicht.

Corona-Impfung in München: Nackte Zahlen sprechen für sich selbst

Bleiben die veröffentlichten Zahlen. Mit Blick auf München sprechen die für sich selbst. 11.800 Impfungen haben die Menschen in der Millionenstadt außerhalb der Krankenhäuser bisher erhalten. 9800 Impfdosen wurden an die Münchner Kliniken abgegeben, die, wie Agatharied im Landkreis Miesbach, keine Direktlieferungen bekommen. Demgegenüber stehen die 4000 Impfdosen allein fürs Rechts der Isar mit seinen knapp 6000 Beschäftigten.***

Dass noch kaum einer in Bayern eine Prognose wagt, wann denn die über 80-Jährigen endlich drankommen, die übrigens in der Impfverordnung des Bundes - eigentlich - an erster Stelle stünden, kann man bei dieser Zahlenlehre verstehen.

Im Landkreis Miesbach sind noch nicht mal die Alten- und Pflegeheime ganz durchgeimpft. Straßmüller: „Erklärtes Ziel ist es, dass alle Alten- und Pflegeheime bis Ende des Monats ihre Erst- und Zweitimpfung haben.“ Über das erklärte Ziel Herdenimmunität, das am rechts der Isar fast in greifbarer Nähe erscheint, kann Straßmüller nur müde lachen. „Die hätte Agatharied auch gerne.“

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

** Der Name geändert und der Redaktion bekannt.

*** Dass ausgerechnet das Rechts der Isar hier als Beispiel herhalten muss, hat damit zu tun, dass wir freundlicherweise von Krankenhaus die genauen Zahlen bekommen haben. Nach derzeitigem Stand unserer Recherche ist davon auszugehen, dass die Impfquote bei allen Impfstoff-Direkt-Empfängern ebenfalls hoch ist. Das Krankenhaus und das Gesundheitsministerium weisen zudem darauf hin, dass, wenn Impftermine von Mitarbeitern kurzfristig nicht wahrgenommen werden, die aufgetauten Dosen schnell verimpft werden müssen und es dabei auch passieren kann, dass diese dann Mitarbeiter mit einer niedrigeren Priorität erhalten, bevor der Impfstoff weggeworfen werden muss. Bei unserem Studenten Sebastian H. war das allerdings nicht der Fall. Er bekam seinen Termin mit einer Woche Vorlaufzeit.

Rubriklistenbild: © Frank Rumpenhorst/dpa-Pool/dpa

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