Krimi im Ersten

„Bretonisches Vermächtnis“: Kommissar Dupin findet eine Leiche zum Frühstück

Kommissar Georges Dupin (Pasquale Aleardi) ermittelt in der „blauen Stadt“ Concarneau.
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Kommissar Georges Dupin (Pasquale Aleardi) ermittelt in der „blauen Stadt“ Concarneau.

Der achte Film mit Pasquale Aleardi als bretonischer Kommissar fällt etwas aus dem Rahmen: Land und Leute spielen nicht die übliche Rolle, und die Krimi-Story ist früh durchschaubar.

  • TV-Krimi in der ARD*: Kommissar Dupin ermittelt wieder
  • Achter Film mit Pasquale Aleardi als bretonischer Kommissar
  • Savoir-vivre, die französische Lebenskunst, spielt diesmal kaum eine Rolle

Im Vergleich zur letzten Episode, als George Dupin gewissermaßen den Heiligen Gral suchte, erzählt der achte Film der Reihe eine fast normale Krimigeschichte; selbst wenn das lange zurückliegende Verbrechen, auf das der bretonische Kommissar schließlich stößt, abscheulich ist. Der Auftakt ist allerdings ungewöhnlich. Weil sein Stammbistrot geschlossen ist, muss Dupin (Pasquale Aleardi) seinen Frühstücks-Petit in einem anderen Lokal trinken. Kaum hat er auf der Terrasse Platz genommen, fällt ihm ein Mann vor die Füße: Der angesehene Arzt Chaboseau ist vom Balkon seiner Wohnung gestürzt, und Dupin braucht nicht lange, um festzustellen, dass eine weitere Person am Todessturz beteiligt war. 

„Bretonisches Vermächtnis“: Dupin muss eine Reise in die Vergangenheit antreten

Der Kommissar pflegt zwar jede Leiche persönlich zu nehmen, aber für diesen Fall gilt das ganz besonders, zumal der Arzt in Dupins Armen gestorben ist, nachdem er ein letztes unverständliches Wort gehaucht hat. Alsbald stößt der Kommissar auf ein gleichermaßen privates wie berufliches Beziehungsgeflecht: Die Witwe (Karin Giegerich) hat ein angeblich geduldetes Verhältnis mit einem langjährigen Geschäftspartner (Peter Benedict) ihres Mannes. Aber dann findet Dupin in der Wohnung der Chaboseaus das zerknüllte Foto einer jungen Frau. Er ahnt, dass der offenbar vor vielen Jahren aufgenommene Schnappschuss der Schlüssel zur Lösung sein könnte; aber zunächst muss er eine Reise in die Vergangenheit unternehmen.

Natürlich sind die Bretagne-Romane von Jean-Luc Bannalec auch Krimis, aber der Erfolg der Bücher ist das Resultat einer cleveren Mischung: Mindestens so wichtig wie die Aufklärung der Fälle sind Region und Ambiente. Das gilt auch für die Filme, zumal die Produktionen an den Originalschauplätzen entstehen; Jahr für Jahr pilgern Dupin-Fans zu den in den Büchern beschriebenen Lokalitäten. Die von der ARD-Tochter Degeto in Auftrag gegebene Reihe hat sich das Erfolgsrezept von Anfang an (2014) zunutze gemacht, selbst wenn „Bretonisches Vermächtnis“ in dieser Hinsicht ein wenig aus dem Rahmen fällt: Savoir-vivre, die französische Lebenskunst, spielt diesmal kaum eine Rolle. Die Ermittlungen stehen derart im Vordergrund, dass ein Besuch von Dupins Mutter (Tatja Seibt) beinahe den Fluss der Handlung stört. Land und Leute rücken ebenfalls stark in den Hintergrund, was schade ist, weil die Landschaftsaufnahmen natürlich einen weiteren Reiz der Reihe ausmachen. 

TV-Krimi im Ersten: Der Fall ist nicht typisch bretonisch

Auch der Fall selbst ist nicht typisch bretonisch; im Grunde könnte die Geschichte überall spielen. Krimiversierte Zuschauer werden ohnehin früh ahnen, was sich vor drei Jahrzehnten zugetragen hat, als Chaboseau, sein kurz drauf ebenfalls ermordeter Geschäftspartner Luzel sowie ein Dritter im Bunde (Hans-Uwe Bauer) die Grundlage ihres späteren Vermögens schufen. Die Männer haben Concarneau zu dem gemacht, was es heute ist. Sie betrachten sich selbst „als Fels, auf dem die Stadt steht.“ Während Dupin in den früheren Fällen zumeist außerhalb ermittelt hat, wirft der Film diesmal einen Blick in die Abgründe hinter den pittoresken Fassaden des florierenden Küstenstädtchens. 

Davon abgesehen stand Eckhard Vollmar, der auch die Drehbücher für die beiden letzten Filme geschrieben hat, erneut vor der Herausforderung, aus Bannelecs atmosphärischer und deskriptiver Vorlage eine Krimihandlung zu kondensieren. Vielleicht orientiert sich der Film deshalb stark am handelsüblichen Krimischema, denn erst mal ist quasi jeder verdächtig, der Dupin über den Weg läuft: der Sohn (Johannes Klaußner) des Opfers ebenso wie die beiden Ehefrauen (Julika Jenkins spielt die betrogene Gattin von Luzel). Interessanteste Figur des Films ist allerdings die junge Kellnerin Sieren (Amy Benkenstein), die zunächst gar nichts mit der Geschichte zu tun zu haben scheint. 

„Kommissar Dupin“ wird nicht zur One-Man-Show 

„Kommissar Dupin: Bretonisches Vermächtnis“, 14.5.2020, ARD, 20.15 Uhr, Mediathek

Zu den Gepflogenheiten der Reihe gehören auch die kleinen Einlagen der weiteren Ensemble-Mitglieder; die Humoresken von Jan Georg Schütte als leicht trotteliger Mitarbeiter Kadeg und das immer wieder verblüffende Netzwerk von Assistentin Nolwenn (Annika Blendl) verhindern, dass „Kommissar Dupin“ zur One-Man-Show wird. Christina Hecke ist als Lebensgefährtin des Kommissars dagegen eher unterfordert, rettet dann jedoch der Kellernin das Leben. 

Während die Filme sonst gern von einer gewissen provinziellen Beschaulichkeit geprägt sind, gibt es diesmal auch schon vor dem fesselnden Finale ungewöhnlich viele spannende Szenen, in denen die vorzügliche Musik (Fabian Römer, Steffen Kaltschmid) für Nervenkitzel sorgt. Inszeniert wurde „Bretonisches Vermächtnis“ von Bruno Grass; er hat auch beim letzten Mal Regie geführt.

Von Tilmann P. Gangloff

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