Tatort aus Kiel, ARD

Skandalöses liegt in der Luft: Im Borowski-Tatort geschieht Entsetzliches 

Und plötzlich der totale Ernstfall: Polizeischülerin Nasrin, Soma Pysall, im Einsatz. Foto: Christine Schroeder/NDR
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Und plötzlich der totale Ernstfall: Polizeischülerin Nasrin, Soma Pysall, im Einsatz. 

Unter Kieler Polizeischülern müssen Borowski und Sahin diesmal einen krassen Fall klären. Der neue ARD-Tatort - heute um 20.15 Uhr im TV.

  • Der neue Tatort im TV: „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ mit atemberaubendem Einstieg
  • „Wir dürfen das nicht“- Tatort muss mit plausibler Entwicklung aufwarten
  • Kein gutes Zeugnis: Charaktere im Tatort der ARD

Kiel - „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ bietet ein Beispiel für einen atemberaubenden Tatort-Einstieg, dem dann etwas die Luft ausgeht. Das passt zum Bild, aber nicht zu einem Krimi.

Erst einmal aber rasen ein paar Polizeischülerinnen und -schüler durch Kiel und üben das berechtigte Durchdrängeln im Verkehr. Das Skandalöse liegt schon in der Luft, aber offenbar dürfen die das (aber alles dürfen sie nicht, siehe unten). Später wird man daran denken, wer die beiden waren, die so rasant gefahren sind.

Bei der Frau auf dem Dach kommen sie auch deshalb aufgepulvert und zugleich keuchend an, weil der Aufzug besetzt war. Die sportlichsten Schüler sind am schnellsten oben, aber sie sind auch die hilflosesten. Sie geben sich Mühe, sie sagen alles, was ihnen einfällt, aber das Richtige ist nicht dabei.

Hohe Erwartungen: ARD-Tatort muss mit plausibler Entwicklung aufwarten

Dann passiert etwas Entsetzliches und Unbegreifliches bei einem Rollenspiel am nächsten Tag. Borowski und Sahin leiten das Seminar, Axel Milberg und Almila Bagriacik, sie sind wenige Meter entfernt, als es passiert. Direkt neben dem Unheil und dem Verbrechen zu stehen und es nicht verhindern zu können, darum geht es hier. Nun aber müssten Eva Zahn und Volker A. Zahn als Drehbuchduo mit einer enormen, aber auch plausiblen Entwicklung aufwarten. Immerhin handelt es sich um Polizisten in spe.

Neuer TV-Tatort der ARD mit bedrückenden Aspekten

Aber einem von ihnen wird Borowski nachher zurufen müssen: „Wir dürfen das nicht“, in jener praktisch nur Milberg zur Verfügung stehenden Mischung aus Nonchalance und Oberlehrerhaftigkeit und beides in der norddeutschen Ausformung. Dem üblichen Muster der Kieler Titel zum Trotz ist das eigentlich auch kein Borowski-Tatort, sondern eine tragische Geschichte unter jungen Leutchen, die zum Teil aus furchtbaren Gründen den Boden unter den Füßen verloren haben, zum Teil aber auch einfach ihre Aggressionen nicht im Griff haben. Bedrückend, wie sich eine sexualisierte Haltung gegenüber jungen Frauen durch das männliche Personal zieht. Natürlich dient es auch dazu, Holzwege zu legen.

Schicksal und Zufall im TV: ARD-Tatort zeigt Schwächen auf

In der kriminalistischen Handlung selbst ist immerhin der nachwachsende Arm des Gesetzes verwickelt, wobei sichBorowski und Sahin darüber nur in Maßen wundern. Voran geht es nicht direkt schicksalshaft, sondern weil Menschen handeln wie Volltrottel oder Schläger. Dann wieder gibt der reine Zufall den Dingen ihre Richtung. Von alledem ist hier reichlich vorhanden.

Was unter der Regie von Hüseyin Tabak dagegen gut gelingt:Der Stadt Kiel mit beiläufiger Deutlichkeit eine Bevölkerung zu geben, die nicht nur Deutsch kann, und den Polizeischülern im Hochdramatischen doch eine Plausibilität. Im Zentrum steht hier Soma Pysall als in sich gekehrte und dort mächtig brodelnde Anwärterin. Was man ihr glaubt, glaubt man dem Drehbuch allerdings dann dennoch nicht.

Kein gutes Zeugnis: Charaktere im neuen Tatort der ARD

„Tatort: Borowski und der Fluch der weißen Möwe“,  ARD, Sonntag, 10. Mai 2020, 20.15 Uhr

Ihr Freund, Enno Trebs, und die Mitschüler, zu denen der Rapper Stefan Hergli gehört, sind nicht die Krone der Intelligenz. Dem nicht alten Mann im Allgemeinen stellt „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ kein gutes Zeugnis aus. Und auch nicht einem Polizeinachwuchs, der offenbar selbst keinen Pfifferling auf die Justiz gibt und außerdem psychisch äußerst labil ist. Der Chef fürchtet diesmal völlig zu Recht die Pressekonferenz. Borowski und Sahin allerdings sind wie Felsen in der Brandung, selbst wenn sie streiten und Fehler machen. Sie heben sozusagen das ethische und intellektuelle Niveau, und Borowski, der zu mystifizierten Tierkontakten neigt, trifft diesmal eine Möwe.

Die Zahns erzählen davon, wie Gewalt Gewalt hervorruft. Aber gerade das – in diesem Ausmaß – will man zumindest in scharfer Eindringlichkeit miterleben. Stattdessen bietet die Musik Zuckerguss und erweckt sogar Kida Khodr Ramadan diesmal nur flüchtig den Anschein von Knallhärte. Es gibt Momente, da erwartet man geradezu eine Softblende.

Von Judith von Sternburg

Auch der Göttingen Tatort wartete mit einem dramatischem Einstieg auf.

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