Serie: Legendäre Waldhof-Spiele 

Die Beinahe-Pokalsensation 2001 – Trares: „Wir waren ordentlich – doch Lautern reifer“  

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Selim Teber (li) setzt zur Grätsche gegen Nenad Bjelica (re) an

Mannheim - Obgleich die Duelle des SVW gegen den FCK Seltenheitswert haben, kennt die Rivalität keine Grenzen. Die Auslosung im DFB-Pokal 2001/02 verspricht einen packenden Pokalabend.  

Wir schreiben das Jahr 2001: Die Waldhof-Odyssee fernab der Bundesliga geht in ihr zwölftes Jahr. Abermals stehen die Blau-Schwarzen nach einem nervenzerreißenden Aufstiegsrennen mit leeren Händen da. Dennoch herrscht zur neuen Saison am Alsenweg eine Jetzt-erst-recht-Stimmung. Gemeinsam mit Trainer Uwe Rapolder will man, im dritten Zweitligajahr nach dem Aufstieg, endlich die Rückkehr in das Fußball-Oberhaus verwirklichen.

In der ersten Hauptrunde deklassiert man auswärts den Karlsruher SC mit 5:2 und bekommt den Erzrivalen aus der Pfalz zugelost. Die Vorfreude auf das auf den 28. November 2001 angesetzte Pokalspiel gegen den Bundesligisten 1. FC Kaiserlautern elektrisiert jeden Waldhof-Fan

Alles scheint nach Plan zu laufen... 

Waldhof in der Abwärtsspirale

Drei Monate später befindet sich der SVW auf einem Abstiegsplatz, Trainer Uwe Rapolder ist am Alsenweg Geschichte und mit dem FCK hat man in der zweiten Hauptrunde des DFB-Pokals eine Bundesligamannschaft mit Ambitionen auf die Champions-League-Plätze zu Gast. Es gibt sicherlich bessere Ausgangsvoraussetzungen. Und wie bereits beim letzten Aufeinandertreffen vor vier Jahren halten sich die Hoffnungen der Mannheimer, das Spitzenteam aus der Pfalz bezwingen zu können, in Grenzen. 

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Drohender Spielabbruch

Dennoch pilgern die Fans zahlreich in das Stadion, denn das Derby gegen den FCK gilt für jeden Waldhof-Anhänger als Pflichttermin. Im Mittelfeld zieht damals Waldhof-Trainer Bernhard Trares die Fäden: „Volle Ränge! Seit langem mal wieder gegen Kaiserslautern gespielt!“. 

Zum Einlauf der Mannschaften werden auf Seiten beider Fan-Lager massiv Pyrotechnik und Rauchtöpfe abgebrannt. Das winterliche Carl-Benz-Stadion gleicht einer kleineren Version des San-Siro zum Mailänder Derby. Schiedsrichter Dr. Franz-Xaver Wack verweigert fürs Erste den Anpfiff. Nachdem eine Hundertschaft der Polizei Richtung Auswärtstribüne mobilisiert, droht das Spiel abgebrochen zu werden, bevor es richtig begonnen hat. Doch die Gemüter im Hexenkessel beruhigen sich scheinbar und so kann es endlich losgehen.   

Buwe brennen Offensivfeuerwerk ab - FCK schlägt zurück 

Die Fußballbegeisterten erwartet ein Pokal-Fight, das seinem Namen mehr als gerecht werden soll und an Dramatik kaum zu überbieten ist. Gleich von Beginn an brennt der SVW wider Erwarten ein Offensivfeuerwerk ab. Bernhard Trares markiert per Kopfball die erste Torchance für die Hausherren. Lautern Torwart Georg Koch bekommt keine Verschnaufpause, denn die Waldhof-Buben drängen wie eine aufgescheuchte Büffelherde auf seinen Kasten. 

Folgerichtig nutzt der SVW einen Pfälzer Entlastungsangriff zum direkten Konter: In der zwölften Minute schickt der engagierte Trares mit einem gezielten Pass in den freien Raum den damals 20-Jährigen Selim Teber auf die Reise. Das Waldhof-Talent lupft den Ball geschickt über den herausstürmenden Torwart: 1:0 - der Waldhof-Block tobt! 

„Typisch Mario!“

Waldhof-Ikone Walter Pradt hat seine Mannschaft im Vorfeld vor allem vor den Pfälzer Standards gewarnt und diese Einschätzung kommt nicht von ungefähr. Neben dem legendären Freistoß-König Mario Basler steht mit Miroslav Klose ein exzellenter Kopfballabnehmer für dessen Bogenlampen auf dem Platz. Letzterem bleibt an diesen Abend zwar ein Tor versagt, doch auf der rechten Seite bekommt Christian Fickert den exzentrischen Basler nicht in der Griff. 

Kopfballduell zwischen WM-Rekordtorschütze Miroslav Klose (li) und Darius Pasieka (re).

Trares erinnert sich: Typische Art von Mario! Nicht so viel gelaufen, aber doch spielentscheidende Szenen gehabt. Zunächst köpft der ägyptische Nationalspieler Hany Ramzi (27.), nach einer Basler-Ecke, den Ball an Waldhof-Debütant Carsten Nulle vorbei und schließlich kann der FCK nach einem Patzer des Waldhof-Torwartes vor der Pause auf 1:2 erhöhen. Abermals nach einer Basler-Flanke schießt der tschechische Nationalspieler Vratislav Lokvenc (41.) Torwart Nulle direkt an, doch dem unglücklichen Stellvertreter von Achim Hollerieth rutscht der Ball durch – bitter!

Dem Wunder so nah 

Mit dem Halbzeitpfiff scheint es, als habe sich der SVW um den verdienten Lohn gebracht. Obwohl die Mannheimer das Spiel offen gestalten und das Ergebnis nur bedingt den Spielverlauf widerspiegelt, kehrt zur Pause im Mannheimer Fanblock Ernüchterung ein. Nach den mäßigen Auftritten in der Liga erscheint es unwahrscheinlich gegen die hochkarätig besetzten Lauterer das Ruder noch einmal herumzureißen. 

Aber frei nach Otto Rehhagel: Der Pokal hat seine eigenen Gesetzte“, markiert bereits acht Minuten nach dem Wiederanpfiff der überragende Selim Teber - Kicker-Note 1,0 - das 2:2! Ausgerechnet Teber, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft und der – wie später bekannt wurde – ablösefrei zum FCK wechseln wird. Ein Affront, den ihm die Waldhöfer Fangemeinschaft für immer vorhalten wird.

Doch zu diesem Zeitpunkt ist das noch Zukunftsmusik und das Waldhof-Juwel hätte auf ewig als Matchwinner in die Annalen eingehen können, denn der türkisch-stämmige Offensivspieler hat das 3:2 mehrfach auf dem Fuß.  

Es laufen die letzten regulären Minuten: Schiedsrichter Wack zeigt lediglich eine Minute Nachspielzeit an und die Blau-Schwarzen müssen nur noch einen letzten Eckball verteidigen. Wir erinnern uns an die Warnung des Trainers vor den Standards – vergeblich! Stürmer Olaf Marschall steigt völlig unbedrängt zum Kopfball hoch. 

Der Rest ist Geschichte: 2:3 in der 91. Minute. Anders als beim letzten Derby-Sieg vier Jahre zuvor, leeren sich die Ränge nach Abpfiff zügig. „Wir hätten schon eine Chance gehabt, in diesem Spiel eine Runde weiterzukommen, aber Lautern war ein Ticken abgezockter und hinten raus ein Stück reifer“, resümiert Trares rückblickend. 

Es sollte das bis dato letzte Pflichtspiel gegen eine erste Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern werden. 

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esk    

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