Serie: Legendäre Waldhof-Spiele 

SV Waldhof Saisonfinale 1987/88: Auf grenzenlosen Jubel folgt das Tal der Tränen 

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Trainergespann: Felix Latzke (v.) und Günter Sebert auf der Waldhof-Bank

Mannheim-Waldhof - In unserer Serie „Legendäre Waldhofspiele“ blicken wir auf unvergessliche Fußballmomente des SVW zurück. Diesmal nehmen wir das Saison-Finale 1987/88 unter die Lupe: 

Wir schreiben das Jahr 1987 - Europa wird durch den Eisernen Vorhang in zwei verfeindete Blöcke geteilt. Die Umstände des Kalten Krieges zwingen einen Mann seinen Posten zu verlassen. 

Während des Heimspiels des SV Waldhof im Ludwigshafener Süd-West Stadion gegen Fortuna Düsseldorf (1:1 - 21. März 1987) fehlt Klaus Schlappner auf der Trainerbank, denn der gebürtige Lampertheimer ist nicht nur Cheftrainer bei den Blau-Schwarzen, sondern auch Feldwebel der Reserve. Nach einer bitteren 0:6 Niederlage bei Borussia Dortmund muss der Vater des ‚Waldhof-Wunders‘ an einer Wehrübung in Raunen im Hunsrück teilnehmen. 

Als wäre das verlorene Spiel (höchste Bundesliga-Niederlage) im Westfalen-Stadion nicht schlimm genug, gibt „Schlappi“ - wie man ihn liebevoll nennt - am Montag darauf sein Ausscheiden beim SVW nach Saisonende bekannt

Klaus Schlapper (l.) als Feldwebel bei der Bundeswehr. März 1987 - Wehrübung in Raunen im Hunsrück

Klub-Ikone und Identifikationsfigur Schlappi nimmt seinen ‚Pepita-Hut‘ 

Damit endet nicht nur eine erfolgreiche siebenjährige Ära, der Verein verliert vielmehr eine Klubikone. Der Elektromeister aus Biblis steht sinnbildlich für den industriell geprägten Norden der Quadratestadt: rau, direkt und herzlich zugleich

In der allwöchentlichen Sportschau sind die markigen Analysen und Sprüche Schlappners genauso gefürchtet wie beliebt. Schnell macht sich das ‚Monnemer Bloomaul‘ einen Namen und erobert die Herzen der Waldhof-Fans im Flug. 

Der Fussballlehrer mit dem Pepita-Hut gilt als ein aufrichtiger und glaubwürdiger Mann des Volkes. Zur Fachliteratur über Trainingslehre soll Schlappner gesagt haben: „Schreibt Bücher, die auch ein Schlosser versteht!“ Für einen Verein, dessen Fans bis heute das ‚Working-Class-Club-Image‘ hegen und pflegen, ist der Weggang einer solchen Identifikationsfigur ein herber Schlag und lässt Schlimmes für die Zukunft befürchten... 

Zu den Gründen sein Engagement bei den Mannheimern nach der Saison 1986/87 nicht fortsetzen zu wollen, gibt es vielfältige Äußerungen seinerseits. In einer bemängelt der Aufstiegstrainer die mangelnde Bereitschaft regional ansässiger Firmen, den SV Waldhof - trotz des sportlichen Erfolges - zu unterstützen„Das zehrte an den Nerven“ - Ein Umstand der SVW-Anhängern bis heute nur zu gut bekannt ist.

Übrigens: MANNHEIM24-Leser küren Schlappi zum zweitbesten Waldhof-Trainer aller Zeiten. 

Mit Latzke in den Abstiegsstrudel 

Die Suche nach einem neuen Coach gestaltet sich für die Verantwortlichen im Verein schwieriger als gedacht. Schließlich präsentiert man mit Felix Latzke einen Bundesliga-unerfahrenen Trainer aus Österreich, der lediglich mit dem unrühmlichen ‚Nichtangriffspakt von Gijon‘ bei der Weltmeisterschaft in Spanien 1982 von sich reden gemacht hat. 

Latzke übernimmt am Alsenweg eine Mannschaft im Umbruch, die mit Fritz Walter, Maurizio Gaudino, Jürgen Kohler und Günter Sebert ihre Schlüsselspieler ersetzen muss. Während Fussballrentner Sebert vom Rasen als Assistent auf die Trainerbank wechselt, werden die drei maßgeblichen Leistungsträger des SVW für viel Geld verkauft. Aus den Transfererlösen der Spielerverkäufe kassiert der Verein satte sechs Millionen D-Mark. Mitte der Achtziger-Jahre bringt diese Summe die Augen eines jeden Schatzmeisters zum leuchten. 

Maurizio Gaudino wird mit VfB Stuttgart 1992 Deutscher Fußballmeister

Fehleinkäufe - Masse statt Klasse am Alsenweg

Vor dem Saisonstart nimmt am Alsenweg manch ein Optimist das Wort Europacup-Platz in den Mund. Ein Trugschluss wie sich herausstellen soll - mit Latzke findet man sich bereits früh in der Saison im Abstiegskampf wieder

Vor allem im Angriff hapert es bei den Blau-Schwarzen gewaltig. Torjäger Fritz Walter schießt nun gemeinsam mit Jürgen Klinsmann und Spielmacher Maurizio Gaudino für den VfB Stuttgart Tore wie am Fließband und wird von allen Seiten schmerzlich vermisst. In seiner letzten Saison am Alsenweg verpasst der Stürmer mit 23 Toren hinter den gebürtigen Schönauer Uwe Rahn (Bor. M‘glachbach, 24 Treffer) denkbar knapp die Torjäger-Kanone. 

Anstatt die Leistungsträger adäquat zu ersetzen, wird viel Masse statt Klasse eingekauft. Ein ganzes Dutzend neuer Spieler treten dem Kader bei und können selten überzeugen

Übrigens:  MANNHEIM24-Leser wählen Legenden-Elf 

Hinzu kommt, dass Latzke seine Schützlinge wiederholt öffentlich kritisiert und so den Unmut der Mannschaft auf sich zieht. Über das Sandhäuser Talent Gerd Dais - und späteren Waldhof-Trainer - spottet der Coach im Kicker-Magazin: „Wenn ich seine herausragenden Trainingsleitungen sehe, denke ich, er schickt mir im Spiel seinen Zwillingsbruder vorbei. Da ist nichts mehr von Torgefährlichkeit zu sehen!“ 

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Fritz Walter geht für den VfB Stuttgart auf Torejagd

Oberbürgermeister Widder ruft Mannheimer zu Stadionbesuch auf! 

Am vorletzten Spieltag der Saison 1987/88 müssen die Blau-Schwarzen zu Hause gegen Bayer Uerdingen (heute: KFC Uerdingen) ran. Ein Sieg gegen die ebenfalls abstiegsbedrohten Krefelder ist Pflicht, will man den Relegationsrang verlassen. Ausgerechnet den punktgleichen 1.FC Kaiserslautern würde man mit einem Erfolg hinter sich lassen. 

Aber die Zeichen stehen nicht gut, denn in der gesamten Rückrunde kann der SVW lediglich ein Heimspiel gewinnen und nur noch wenig Zuschauer finden ihren Weg in das Ludwigshafener Süd-West Stadion. Magere 12.000 Fans verfolgen die Heimspiele im Durchschnitt. 

Aus diesem Grund greift die Politik zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Oberbürgermeister Gerhard Widder und Sportbürgermeister Manfred David appellieren per Zeitungsanzeige an die Mannheimer gegen Uerdingen ins Stadion zu gehen und die Mannschaft als ‚12. Mann‘ zu unterstützen, doch alle Mühe ist vergebens. Mit 13.719 Zuschauer ist das Stadion nur zu einem Drittel ausgelastet.

Hinzukommt, dass der SVW seine 2:0-Pausenführung nicht verteidigen kann und am Ende den Ausgleich hinnehmen muss. Der niedergeschlagene Kapitän Roland Dickgießer stellt nach dem Spiel konsterniert fest: „Wie es aussieht, müssen wir in die Relegation. Karlsruhe und Kaiserslautern werden in ihren Heimspielen punkten und bei unserem Torverhältnis (34:49 - Anm. d. Red) könnte sogar ein Sieg in Stuttgart umsonst sein.“ 

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Vor dem letzten Spieltag zeigt sich auch Waldhof-Präsident Wilhelm Grüber wenig optimistisch: „Ich bin Realist. Vor den Relegationsspielen kann uns nur noch ein Wunder bewahren.“ Nichtsdestotrotz hat der Verein für die Mitreisenden Fans einen Sonderzug nach Stuttgart bestellt. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Gerhard Widder und den Spielerfrauen machen sich knapp 1.600 Mannheimer auf den Weg in die Landeshauptstadt. 

Beim VfB Stuttgart gibt es ein Wiedersehen mit den ehemaligen Waldhof-Stars Maurizio Gaudio und Fritz Walter. Ausgerechnet Waldhof-Sturm-Ikone Walter bringt die Schwaben kurz vor der Halbzeit (42.) sehenswert per Fallrückzieher mit 1:0 in Front. Der SVW steht mit einem Bein in der Relegation, ehe Karl-Heinz Bührer vier Minuten vor Schluss für die Blau-Schwarzen ausgleichen kann. 

Der Klassenerhalt scheint vollbracht 

Ein Unentschieden vor 15.500 Zuschauern im Neckarstadion ist eigentlich zu wenig, aber der KSC liegt im heimischen Stadion unverhofft mit 0:1 gegen Eintracht Frankfurt zurück - der SV Waldhof ist damit gerettet! Der Mannschaft wird zugerufen: „Karlsruhe hat verloren!“ Kapitän Roland Dickgießer und Ulf Quaisser sprinten zur Fankurve und werfen den Fans ihre Trikots zu - unglaublich, grenzenloser Jubel bei Spieler und Anhängern. 

Der zur Halbzeit ausgewechselte Martin Trieb erfährt in der Kabine vom Klassenerhalt. Nach einem Kopf-Treffer muss der Mittelfeldspieler mit einer Gehirnerschütterung vom Platz. Trieb verkriecht sich in den Katakomben und versucht den unerträglichen Druck auszublenden. Schließlich kommt ihm mit dem Schlusspfiff der Stuttgarter Zeugwart entgegen: „Ihr habt‘s geschafft!“

Grausamer kann Fussball nicht sein  

Was die meisten Beteiligten offensichtlich nicht wissen: Das Spiel im Wildpark läuft noch... Eine der wenigen Personen, die über Radio die parallele Partie verfolgen, ist Waldhof-Geschäftsführer Klaus Sinn. Er sitzt auf der Mannheimer Bank und hört gebannt zu: Ich wusste, dass in Karlsruhe noch nicht Schuss war - aber die Jungs waren beim Abpfiff nicht mehr zu bremsen.“ 

Selten trifft die Redewendung ‚man soll den Tag nicht vor dem Abend loben‘ besser zu, als an diesem Samstagnachmittag (21. Mai 1988). Der KSC schafft tatsächlich den Ausgleich und katapultiert die in Urlaubsstimmung feiernden Buwe in das Tal der Tränen.  

Auf der Gegentribüne verfolgen die informierten Spielerfrauen fassungslos die Jubelorgie ihrer Gatten. Alexandra Bührer, die Ehefrau des Torschützen, findet kaum Worte: „Es war grausam!“ 

Die Nachricht vom Karlsruher Ausgleich bahnt sich allmählich ihren Weg auf den Rasen und versetzt den Spieler den schlimmstmöglichen Tiefschlag. Flügelflitzer Alfred Schön kann seine Tränen kaum zurückhalten und Kapitän Roland Dickgießer ringt um Fassung: „Das war Wahnsinn, erst dieses Supergefühl und Sekunden später denkst du, dir fällt ein Stein auf den Kopf.“   

Die Blau-Schwarzen müssen also in der Relegation nachsitzen und treffen dort, wie es der Fussballgott so will, auf ihren einstigen Helden: Klaus Schlappner will das Aufstiegswunder mit seinem neuen Team SV Darmstadt 98 gegen seine alte Liebe wiederholen. „Grausamer kann Fussball nicht sein“, so Waldhof Präsident Grüber. 

Das Zittern geht weiter...

esk

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