Ende einer Ära

Wie Nagelsmann Hoffenheim geprägt hat – und warum sein Abschied auch eine Chance sein kann

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Julian Nagelsmann wird die TSG Hoffenheim nach drei Jahren als Cheftrainer verlassen.

Die TSG Hoffenheim verliert mit Julian Nagelsmann einen außergewöhnlichen Trainer. Warum der 31-Jährige so wichtig für die Entwicklung des Vereins war:

Am 12. Februar 2016 beginnt bei der TSG 1899 Hoffenheim eine Ära, die in der Vereinsgeschichte der Kraichgauer für immer einen hohen Stellenwert haben wird. Der damals 28-jährige Julian Nagelsmann übernimmt das stark abstiegsbedrohte Team von Trainer-Routinier Huub Stevens – früher als zunächst geplant.

Ich will mit meiner Art neue Reize setzen“, erklärt der jüngste Bundesliga-Trainer aller Zeiten bei seinem Amtsantritt. Und das hat er auch eindrucksvoll geschafft. Ist der Jugendtrainer Nagelsmann vor seinem ersten Pressegespräch für Außenstehende noch eine Art ‚Phantom‘, wird schon wenige Wochen später klar: Nagelsmann und Hoffenheim - das passt wie die Faust aufs Auge!

Julian Nagelsmann formt aus Hoffenheim ein Spitzen-Team

Trotz der prekären Situation im Abstiegskampf lässt der junge Coach, der nebenbei seinen Fußball-Lehrer macht, auf Anhieb attraktiven Fußball spielen und schafft den kaum mehr für möglich gehaltenen Klassenerhalt. „Der Klassenerhalt ist kein Wunder. Er ist das Resultat harter Arbeit“, betont Nagelsmann nach dem erreichten Ziel.

Alle TSG-Trainer seit dem Bundesliga-Aufstieg

Danach formt der eloquente und authentische Trainer eine Mannschaft, die zu der Philosophie der TSG passt wie keine zuvor. Nach Jahren, in denen die Hoffenheimer nach ihrer Identität gesucht haben und nicht gerade für Kontinuität standen, ist ‚Hoffe‘ da angekommen, wo es sich Mäzen Dietmar Hopp immer gewünscht hat. 

Die TSG unter Nagelsmann steht für attraktiven und mutigen Offensivfußball. Langweilig war es im beschaulichen Kraichgau in den vergangenen drei Jahren nie. Was Jürgen Klinsmann einst bei Bayern München verpasst hat, schafft Nagelsmann in Hoffenheim: Er macht die Spieler jeden Tag ein bisschen besser!

Selbst der Abgang von Kevin Volland wird ohne größere Probleme aufgefangen. Junge Spieler wie Niklas Süle und Sebastian Rudy prägen die Mannschaft, die den Kraichgau-Klub erstmals ins internationale Geschäft führt.

TSG Hoffenheim erstmals in der Champions League dabei

Auch wenn die beiden genannten Spieler 2017 zum FC Bayern München gewechselt sind, hat Nagelsmann seinen Weg unbeirrt durchgezogen. Eine seiner großen Qualitäten ist es, auch nach schwierigen Phasen die TSG auf Kurs zu bringen. Ein Beispiel: Nachdem die TSG im Februar 2018 nur 1:1 gegen den SC Freiburg spielt, ist die Stimmung schlecht – die Fans äußern ihren Unmut und es gibt sogar Pfiffe. Die Saison droht im grauen Mittelfeld der Bundesliga zu enden.

Wir wären gerne besser, aber dennoch waren wir in dieser Saison noch nie schlechter als Neunter“, geht Nagelsmann in die Offensive. „Was machen dann die Fans der Mannschaften, die hinter uns stehen? Die vom Zehnten stürmen das Feld? Die vom Elften nehmen einen Spieler mit nach Hause? Und die vom Zwölften machen den Mannschaftsbus kaputt?“ 

Nagelsmann meistert auch Krisen

Immer wenn man von außen denkt, dass die Stimmung bei der TSG kippt, schafft Nagelsmann den Umschwung. Krise? Auch das kann Nagelsmann! 

Dank einer beeindruckenden Serie im Endspurt springen die Hoffenheimer sogar noch auf Platz drei und sind erstmals direkt für die Champions League qualifiziert. Einziger Makel in seiner Bilanz ist die Statistik in der Europa bzw. Champions League. Nur eine Partie kann 1899 auf internationalem Parkett gewinnen. Auch im DFB-Pokal hat sich Nagelsmann mehr Erfolge erhofft.

Nichtsdestotrotz spielt die TSG in dieser Bundesliga-Saison wieder eine gute Rolle. Betrachtet man die Spielverläufe, hätten die Kraichgauer sogar richtig gute Chancen gehabt, erneut in die Champions League einzuziehen, doch zu oft verspielt ‚Hoffe‘ eine Führung, sodass am letzten Spieltag ‚nur‘ noch die Möglichkeit auf die Europa League besteht – für einen Klub wie Hoffenheim nach wie vor ein Erfolg.

Wenn wir keine Schützenhilfe bekommen, liegt es nicht an diesen Vereinen, sondern daran, dass wir unsere Chancen liegen gelassen haben“, sagt Nagelsmann vor seinem letzten Spiel in Mainz (live auf Sky und im HEIDELBERG24-Ticker) selbstkritisch.

Alfred Schreuder wird neuer Hoffenheim-Trainer

Nach der Partie am Samstag endet also die Ära Nagelsmann in Hoffenheim. Bei aller berechtigten Kritik, die man mit Blick auf die von Nagelsmann selbst angesprochenen vergebenen Chancen äußern sollte, geht nach dem Mainz-Spiel eine große Erfolgsgeschichte zu Ende.

Auch wenn ihm der Abschied von ‚seiner‘ TSG schwer fällt, für beide Seiten könnte dies auch eine Chance sein. Mit Alfred Schreuder kommt im Sommer ein neuer Trainer mit neuen Ideen und einem neuen Schwung. 

Nagelsmann hat gefühlt alles erreicht, was mit einem Klub wie der TSG realistisch möglich erscheint. Zudem sind drei Jahre im schnelllebigen Fußball-Geschäft eine lange Zeit. Für ihn persönlich könnte sich der Schritt zu RB Leipzig ebenfalls auszahlen. Er übernimmt ein schlagkräftiges und ambitioniertes Team, das wohl in Zukunft auch um den Titel mitspielen wird.

Und wer weiß? Vielleicht sieht man Nagelsmann ja irgendwann mal wieder bei der TSG. „Man sieht sich immer zweimal im Leben“, sagt der 31-Jährige, der in die Geschichte der TSG Hoffenheim eingehen wird.

nwo

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