„Wir lassen uns gar nichts verbieten!“

Xavier Naidoo und Atilla Hildmann: So stacheln sie Fans auf Telegram auf

Mannheim: Seit Beginn der Corona-Pandemie fällt Xavier Naidoo mit verstörenden Aussagen auf. Nun ruft er dazu auf, trotz Verbot nach Berlin zu fahren.

  • Xavier Naidoo ist in den letzten Monaten immer wieder mit Aussagen zum Coronavirus aufgefallen.
  • In einer Telegram-Gruppe äußert er diverse Verschwörungstheorien.
  • Zusammen mit Attila Hildmann organisiert er den „Sturm auf Berlin“.
  • Deutschland ein „Unrechtssystem“? Xavier Naidoos Verschwörungsmythen Behauptungen im Fakten-Check.

Am Mittwoch (16. August) um 10:15 Uhr wird auf der Website des Landes Berlin eine brisante Pressemitteilungveröffentlicht – der Titel: „Berlin verbietet Corona-Demonstrationen“. Ein Schock für alle, die am 29. August gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin demonstrieren wollen. Sänger Xavier Naidoo und sein Freund Attila Hildmann sind die prominentesten Vertreter dieser Protestler. Nach dem Verbot der Corona-Demos wendet sich der Sänger aus Mannheim in der Messenger-App Telegram mit Fake News und kruden Theorien an seine über 91.000 Abonnenten.

Xavier Naidoo und Attila Hildmann reagieren auf Corona-Demo-Verbot in Berlin

Die offenbar von Xavier Naidoo betriebene Telegram-Gruppe Xavier Naidoo (offiziell) hat über 91.000 Mitglieder – Tendenz steigend. Nach der Veröffentlichung der Pressemitteilung zum Verbot der Corona-Demo in Berlin dauert es lediglich 15 Minuten, bis ein Nutzer mit dem Namen „Xavier N.“ reagiert. Er leitet eine Nachricht des Telegram-Kanals „Sag es mit Bildern, teilen ausdrücklich erwünscht“ weiter.

Der Kanal ist am 11. Oktober 2019 erstellt worden. In den ersten Nachrichten des Kanals werden der italienische Philosoph und Rassentheoretiker Julius Evola und Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck zitiert. Neben diskriminierenden Fotomontagen gegen Immigranten und Muslime häufen sich antisemitische Fake News sowie die Behauptung die BRD planen einen Atomanschlag. Dass es sich bei dem Nutzer „Xavier N“. tatsächlich um Xavier Naidoo handelt, ist nicht belegt, gilt aber als wahrscheinlich. Zuletzt teilte er einen Beitrag, der dazu aufrief zum Schutz vor Tracking Handys in Alufolie einzupacken. Zusammen mit Attila Hildmann organisiert er die gemeinsamen Follower trotz Demo-Verbot nach Berlin zu fahren.

Xavier Naidoo und Attila Hildmann zum Corona-Demo-Verbot in Berlin: Aufruf in Video auf Telegram

Nachdem sich gefühlt jeder Verschwörungsjünger selbst zum Verbot der Corona-Demo in Berlin geäußert hat, ergreift nun Verschwörungspapst Xavier Naidoo selbst das Wort: „Einen wunderschönen guten Tag“ wünscht er zu Beginn eines Videos, dass er am 27. August in der Messenger-App Telegram postet.

Aus aktuellem Anlass wollte ich nochmal sagen: Wir lassen uns gar nichts verbieten!“. Und weiter: „Wenn man uns was verbieten will, wird es meistens doch erst richtig interessant.“ Zum Schluss spricht er seine Hoffnung aus seine Anhänger bald mal wieder zu sehen – irgendwo.

Xavier Naidoo und Attila Hildmann zum Corona-Demo-Verbot in Berlin: „BRD REGIME PLANT EINEN ATOMANSCHLAG“

In der Xavier Naidoo-Telegram-Gruppe findet sich fast jede Verschwörungstheorie. Ein Großteil kommt aus anderen Quellen – darunter auch Attila Hildmann. Am 25. August um 9:45 Uhr teilt Nutzer „Xavier N.“ einen unfassbaren Beitrag des Vegan-Koch: „DAS BRD REGIME PLANT EINEN ATOMANSCHLAG (REAKTOR WIE BROKDORF IN DIE LUFT JAGEN) ANDERS KANN MAN DIE JODTABLETTEN VERGABE NICHT DEUTEN! BITTE ALLE IN REAKTORNÄHE INFORMIEREN!“. Gestützt wird diese Behauptung durch die Vergabe von Jodtabletten in verschiedenen Städten des Bundesrepublik. Diese Maßnahme wird aber aufgrund einer Änderungen im Strahlenschutzgesetz des Bundes nötig. Xavier Naidoo und Attila Hildmann sind da wohl anderer Meinung.

Xavier Naidoo und Attila Hildmann zum Corona-Demo-Verbot in Berlin: Unterstützung prominenter Verschwörungstheoretiker

Kurz nach der Nachricht zum Verbot der Corona-Demo in Berlin schickt „Xavier N.“ ein Video des Rechtspopulisten Oliver Janich, der fremdenfeindliche und verschwörungstheoretische Ansichten vertritt, in die Gruppe. Janich ruft zu „Spaziergängen“ in Berlin auf und sagt seinen Zuschauern, sie sollen sich auf gar keinen Fall davon abhalten lassen nach Berlin zu fahren – trotz des Verbots der Corona-Demo.

Auch GEZ-Gegner Heiko Schrang kommt in einer Sprachnachricht zu Wort. Und Xavier Naidoo leitet auch eine Nachricht der Organisatoren „QUERDENKEN“ weiter.

Xavier Naidoo und Attila Hildmann zum Corona-Demo-Verbot in Berlin: Verbreitung antisemitischer Fake News

In ihren Telegram-Gruppen bieten Xavier Nadioo und Attila Hildmann antisemitischen Fake News ganz offen eine Plattform und teilt diese auch selbst. Kurz vor dem Verbot der Corona-Demo in Berlin leitet er eine Nachricht des Telegram-Kanals „Gerechtigkeit für das Vaterland“ weiter, die mit „Juden sind die Herrenrasse“ beginnt.

Die Nachricht soll ein Zitat aus einer Rede Menachem Begins, dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Israel, sein, die er angeblich im Juni 1982 vor dem israelischen Parlament gehalten haben soll. Recherchen des dpa-Faktencheckteams haben ergeben, dass Begin dies nie gesagt hat.

Fake News in der Xavier Naidoo Telegram-Gruppe

Nutzer „Xavier N.“ kommentiert: „Ganz sicher nicht.“ In einer Nachricht drei Minuten später fragt er: „Who are the real Goyim?“. Gojim [Geuim] ist Jiddisch und hat mehrere Bedeutungen. Der Singular Goj ist eine jüdische Bezeichnung für Nichtjude. Außerdem wird er für Juden gebraucht, die sich nicht an die Vorschriften des jüdischen Gesetzes halten. Ursprünglich ein harmloser Begriff findet er spätestens seit den Alt-Right- und Nazi-Märschen in Charlottesville 2017 eine neuen Verwendung.

„The Goyim Know“: „Die Nichtjuden wissen Bescheid“-Schilder bei den Alt-Right- und Nazi-Märschen im August 2017 in Charlottesville.

The Goyim Know“ – „Die Nichtjuden wissen Bescheid“ wollen die Alt-Righter und Nazis den Juden sagen: „Schluss mit der jüdischen Weltverschwörung! Wir haben euch durchschaut!“. „Xavier N.“ bedient sich ebenfalls dem mittlerweile gekaperten Wort. Was er also eigentlich fragt: „Wer sind die wahren Nichtjuden?“ oder „Wer sind die Juden, die wirklich mit der jüdischen Tradition brechen?“. Doch wie so oft bleiben seine Aussagen krude, widersprüchlich und vage. Das Oberlandesgericht Nürnberg hatte entschieden, Xavier Naidoo darf nicht als Antisemit bezeichnet werden.

Xavier Naidoo und Attila Hildmann zum Corona-Demo-Verbot in Berlin: Telegram als Kanal für Verschwörungstheorien und Fake News

Geliebt, belächelt, verhasst – Xavier Naidoo löst dieser Tage alle Emotionen aus. Doch es ist nicht seine Musik, die die Menschen bewegt. Seit Beginn der Corona-Pandemie fallen Xavier Naidoo und auch Attila Hildmann mit Aussagen auf, die man dem Sänger aus Mannheim niemals zugetraut hätte: In einem im April 2020 veröffentlichten Video trifft er die Aussage, Kinder würden für die Gewinnung des Adrenalin-Stoffwechselprodukts Adrenochrom entführt; in einer Telegram-Nachricht sagt er: „Es gibt keinen Weltraum“. Dies ist nur eine kleine Auswahl der Verschwörungstheorien an die Xavier Naidoo glaubt.

In Berlin marschieren wieder tausende Menschen gegen die Corona-Regeln. Nachdem die Polizei die Demo verboten hat, ist sie nun von einem Gericht erlaubt worden.(lpb)

Rubriklistenbild: © Jörg Carstensen/Tim Brakemeier/dpa

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