+
Die renommierte Mehrsprachigkeitsforscherin Prof. Dr. Rosemarie Tracy bezieht Stellung gegen die CSU-Forderung nach einer Deutschpflicht für Migranten. 

Mannheimer Professorin zu CSU-Forderung

„Mehrsprachigkeit ist ein Glücksfall, kein Störfall“

  • schließen

Mannheim/Heidelberg - Die CSU fordert auf ihrem Parteitag für Migranten eine Deutschpflicht – sogar in den eigenen vier Wänden soll diese Forderung durchgesetzt werden. Jetzt regt sich Kritik.

Die Deutschpflicht-Forderung der CSU, wie sie auf dem Parteitag postuliert wird, ist aus wissenschaftlicher Sicht fragwürdig. 

Die renommierte Mehrsprachigkeitsforscherin und Inhaberin des Lehrstuhls für Anglistische Sprachwissenschaft der Universität Mannheim, Prof. Dr. Rosemarie Tracy, erläutert die Vorzüge von Mehrsprachigkeit: „Mehrsprachigkeit ist in einer globalisierten Welt eine bedeutende Ressource. In unserer Gesellschaft wird sie häufig als Störfall wahrgenommen, nicht zuletzt weil sie von Politik und Medien so dargestellt wird und weil es den Zuwanderersprachen, anders als den im Schulsystem anerkannten Fremdsprachen, an Prestige fehlt. Dabei ist Mehrsprachigkeit, weltweit betrachtet, der Normalfall und idealerweise ein individueller Gewinn, also ein Glücksfall.“ 

Selbstverständlich ist das Erlernen der deutschen Sprache unabdingbar, um am Leben in diesem Land teilzunehmen. Aber die Migranten sollen ihre Muttersprache zuhause pflegen und beibehalten. 

Die Initiative der CSU zeige einmal mehr, wie groß die Bildungslücken auf Seiten der Politik bezüglich der Rahmenbedingungen von erfolgreichem Spracherwerb immer noch sind, so die Meinung der Wissenschaftlerin.

Tracy plädiert dafür, dass Eltern sich darauf konzentrieren sollen, „ihr Kind durch anregende Gespräche und Spaß an der Kommunikation in der Sprache zu fördern, die sie selber gut beherrschen. So kann man vermeiden, dass sich Kinder aufgrund sprachlich unzulänglicher Vorbilder ungrammatische Strukturen aneignen, die sie sich später wieder abgewöhnen müssen.“ 

Auch die Migrationspädagogin Havva Engin, Leiterin des Heidelberger Zentrums für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik sieht die Problematik genauso: „Wenn Eltern anfangen, mit ihren Kindern falsches Deutsch zu sprechen, kann das fatale Folgen haben.“ 

Kinder lernen spielerisch deutsch. (Symbolfoto)

Prof. Dr. Rosemarie Tracy hat auch einen Lösungsvorschlag parat, wie Kinder mit Migrationshintergrund spielend Deutsch lernen und dabei trotzdem ihre sprachlichen Wurzeln nicht verlieren: Die Kinder sollten möglichst früh in einer Krippe oder Kita intensiv von pädagogischen Fachkräften unterstützt werden, damit das mit dem Zweitspracherwerb reibungslos klappt. 

Indes schwächt die CSU ihre umstrittene Forderung ab. Jetzt heißt es aus dem Leitantrag für den Parteitag Ende der Woche: „Wer dauerhaft hier leben will, soll motiviert werden, im täglichen Leben Deutsch zu sprechen“.

dpa/Universität Mannheim/tin

Mehr zum Thema

So schön war die ‚Eislauf-Gaudi‘ 2012

So schön war die ‚Eislauf-Gaudi‘ 2012

Fotos: Achtung, dünnes Eis!

Fotos: Achtung, dünnes Eis!

Mehrere Verletzte bei Unfall auf B39

Mehrere Verletzte bei Unfall auf B39

Kommentare