Forschungserfolg der Medizinischen Fakultät der Uni Heidelberg: 

Mit Krebsmedikament gegen Krampfadern?

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Professor Dr. Claus Bartram, Dekan der Medizinischen Fakultät (links) und Professor Dr. Friedrich Reutner, Ehrensenator der Universität Heidelberg, überreichten Nachwuchswissenschaftlerin Dr. Larissa Pfisterer den Friedrich Reutner-Preis. 

Die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg hat Dr. Larissa Pfisterer mit dem Friedrich-Reutner-Preis ausgezeichnet. Sie erforscht, wie chronisch erhöhter Blutdruck die Blutgefäße verändert. Dabei entdeckte sie, dass ein Krebsmedikament die schädliche Kettenreaktion verhindert.

Steigt der Blutdruck dauerhaft an, setzt er krankhafte Veränderungen in den Blutgefäßen in Gang. Dr. Larissa Pfisterer, Institut für Physiologie und Pathophysiologie am Universitätsklinikum Heidelberg, identifizierte während ihrer Doktorarbeit die molekularen Abläufe, die diesen Prozess steuern. Für ihre hervorragende Forschung hat ihr die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg innerhalb der  Promotionsfeier  den Friedrich-Reutner-Preis verliehen, schreibt die Uni in einer Pressemitteilung.

Die neuen Erkenntnisse betreffen nicht nur Arterien, die sich erhöhtem Blutdruck anpassen müssen, sondern auch überlastete Venen etwa in den Beinen. Die junge Wissenschaftlerin zeigte, dass vergleichbare Mechanismen an der Bildung von Krampfadern beteiligt sind. Derzeit untersucht sie mögliche Therapieansätze – mit ersten Erfolgen: Bei Mäusen verhindert schon eine sehr geringe Dosis des Krebsmedikaments Bortezomib die schädliche Kettenreaktion in den Gefäßwänden und damit die Veränderungen der Venen.

Unterstützung für Nachwuchsforscher

Mit dem jährlich vergebenen und mit 7000 Euro dotierten Preis unterstützt Stifter Professor Dr. Friedrich Reuter, Ehrensenator der Universität Heidelberg, Nachwuchswissenschaftler der Medizinischen Fakultät, die noch keine etablierte Position innehaben. 

Unter dauerhaft erhöhtem Druck versteifen und verengen sich die Blutgefäße. Unbehandelter chronischer Bluthochdruck ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen, Schlaganfall und Herzinfarkt. Schon deutlich früher und ausnahmslos bei jedem Betroffenen leiden die Blutgefäße. Um dem erhöhten Druck standhalten zu können, verdicken sich die Gefäßwände der Arterien. Damit verlieren sie ihre Flexibilität und die Fähigkeit spontane Steigerungen des Blutdrucks – zum Beispiel wenn das Herz bei körperlicher Anstrengung oder Stress die Pumpleistung erhöht – abzumildern. Dr. Larissa Pfisterer entdeckte, dass sobald der Druck auf die Gefäßwände dauerhaft ansteigt, ein bestimmter Regelmechanismus um das Protein Myokardin außer Kraft gesetzt wird. Myokardin versetzt Blutgefäße in die Lage, Blutdruck­schwankungen durch eine kurzfristige Anpassung ihres Durchmessers auszugleichen. Unter chronisch hohem Druck wird das Protein verändert, verliert seine Funktion und wird abgebaut. In Folge wächst die Muskelschicht in den Gefäßwänden überproportional an: Die Gefäße verengen sich dauerhaft.

"Bluthochdruck von Beginn an gegensteuern"

"Diese Ergebnisse zeigen, dass es sehr sinnvoll ist, dem Bluthochdruck von Anfang an gegenzusteuern", sagt die Preisträgerin. "Wer erst abwartet, nimmt die Veränderung seiner Blutgefäße in Kauf und erschwert die spätere Behandlung." Zentrale Schritte dieses Mechanismus fand Dr. Pfisterer auch in Venen. 

Beim Menschen sind häufig die Beinvenen erhöhtem Druck ausgesetzt, wenn etwa bei schwachem Bindegewebe oder defekten Venenklappen das Blut in den Beinen zurückstaut. Wird das Protein Myokardin in den Venen abgebaut, führt der lokale Zuwachs der Gefäßwand zu einem korkenzieherartigen Verlauf. 

Hilfe brachte im Tierversuch eine Salbe mit dem Krebsmedikament Bortezomib, das seit einigen Jahren in der Behandlung des Multiplen Myeloms, einer Krebserkrankung des Knochenmarks, zum Einsatz kommt. Der Wirkstoff verhinderte den Abbau von Proteinen wie Myokardin und vermindert den Umbau der Gefäßwände. Nun will die Wissenschaftlerin die genaue Wirkweise des Medikaments untersuchen: "Erst wenn wir im Detail verstehen, welche Signalwege Bortezomib beeinflusst, ist ein therapeutischer Einsatz denkbar." 

Biomarker für Therapieerfolg bei Multipler Sklerose

Ebenfalls bei der Promotionsfeier wurde Dr. Anne Hertenstein, Abteilung Neuroonkologie der Neurologischen Universitätsklinik, mit dem Wilma Moser-Preis der Medizinischen Fakultät ausgezeichnet. Für ihre Doktorarbeit erforschte die junge Ärztin in der Arbeitsgruppe "Experimentelle Neuroimmunologie" um Professor Dr. Michael Platten, wie sich der Therapieerfolg bei Multipler Sklerose und anderen Autoimmunerkrankungen frühzeitig mit einem einfachen Bluttest zuverlässig überprüfen lässt. 

Dr. Anne Hertenstein bekam für ihre Promotion mit Bestnote von Professor Dr. Claus Bartram den Wilma Moser-Preis überreicht.

Ziel ist es, den Patienten in Zukunft unnötig lange Behandlungen mit einem wenig wirksamen Medikament ersparen zu können. Bei Multipler Sklerose (MS) greifen körpereigene Immunzellen gesundes Nervengewebe an und zerstören es. Moderne Therapien zielen daher darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu hemmen. Derzeit fehlen noch Tests bzw. Marker, die früh anzeigen, ob ein Medikament beim jeweiligen Patienten überhaupt wirkt. Zwei solche Biomarker entdeckte Dr. Hertenstein für das potentielle MS-Medikament Tranilast, das im Tierversuch Entzündungen des Nervengewebes unterdrückt. Der Wirkstoff hemmt die Ausschüttung der Botenstoffe CXCL9 und CXCL10, die Entzündungsreaktionen fördern sowie im Blut messbar sind. Die Botenstoffe könnten sich zudem selbst als Ziel neuer Medikamente eignen. 

Der mit 5000 Euro dotierte Preis ist nach der Mannheimer Kinderärztin Dr. Wilma Moser benannt. Sie vermachte ihren Nachlass der Universität Heidelberg mit der Auflage, junge Wissenschaftlerinnen der medizinischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten zu fördern. Der Wilma Moser-Preis wird jährlich an die jeweils jüngsten Studentinnen vergeben, die ihre Promotion mit Bestnote abgeschlossen haben.

uni/kb

Quelle: Heidelberg24

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