Berührender Bericht

„Der Fotograf von Auschwitz“ bewegt Schüler der Hawking-Schule

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Maximilian und Lisa suchten auch nach der Lesung noch das Gespräch mit Reiner Engelmann. Seine Schilderung vom Erleben des Fotografen Wilhelm Brasse hat sie sehr beeindruckt.

Heidelberg - Dieser Vortrag an der Stephen-Hawking-Schule ging unter die Haut. Auto Reiner Engelmann erzählte über sein Buch „Der Fotograf von Auschwitz“ über Leid und Leben von Wilhelm Brasse.

Die Frage nach dem Tod beschäftigt die Gymnasiasten und Realschüler der SRH Stephen-Hawking-Schule besonders. Sie sind zwischen 15 und 17 Jahre alt, und manche von ihnen haben das Konzentrationslager Natzweiler (Struthof) in Frankreich besucht. „Glauben Sie, dass Wilhelm Brasse mit erhobenem Haupt auf sein Leben zurückblicken konnte“, fragt Lisa den Schriftsteller Reiner Engelmann, der nach Neckargemünd gekommen ist, um vor den Schülern aus seinem Buch „Der Fotograf von Auschwitz“ zu lesen. „Er war stolz darauf“, antwortet Engelmann, „dass er nie unterschrieben hat, Deutscher zu sein“. Wilhelm Brasse war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ein 22 Jahre alter Pole, ausgebildeter Fotograf, den die Deutschen gerne für sich eingenommen und an die Front geschickt hätten. Er jedoch ging in den Widerstand, wurde gefangen genommen und nach mehreren Stationen in Haft schließlich ins Konzentrationslager in Auschwitz deportiert. Auch dort widerstand er trotz Hungers, Schwäche und Todesahnung der Verlockung, Deutscher und – vorgeblich - frei zu sein.

Sein letzter Auftrag: Er ergänzte die Karteikarten mit Fotos der Häftlinge, die in die Gaskammern mussten. Auch die medizinischen Experimente, unter anderem des Lagerarztes Josef Mengele, musste er fotografieren. Sein größtes Leid: Er sah die Angst in den Augen der Menschen und konnte ihnen nicht helfen. Und doch hat er was für sie getan: Durch seine Fotos gab er einigen Menschen in Auschwitz, die statt Namen nur noch Nummern trugen, ihr Gesicht und manchem nach dem Krieg auch ihren Namen zurück. Denn als die Russen kamen und die Deutschen flüchteten, da verweigerte er den Befehl, diese Dokumente zu verbrennen. Er versteckte sie unter einer Decke.

Reiner Engelmann, selbst seit 35 Jahren Lehrer und engagiert in der Menschenrechtsbildung, bannt die Schüler von der ersten Sekunde an. Er liest nicht, er erzählt, erklärt und fragt. Er bricht das unvorstellbare Grauen auf diesen einen Gefangenen herunter, so dass es für die Schüler nachvollziehbar und sehr spannend ist. Wie in seinem sehr verständlich geschriebenen Buch erzählt er in kurzen Episoden und erklärt in einem Glossar wichtige Begriffe. Engelmann, der für Schulklassen und Erwachsene regelmäßig Studienfahrten nach Auschwitz organisiert, hat Wilhelm Brasse als Zeitzeugen dort kennengelernt. Erst nach dem Tod seiner Frau begann dieser, von Auschwitz zu erzählen. Er wollte sie - und sich - schonen. Doch im hohen Alter wollte er, dass vor allem Jugendliche die Geschichte kennen, damit sie sich nie wiederholt. Reiner Engelmann hat sie dokumentiert.

Er berichtet von den brutalen Kapos, den mörderischen Häftlingen, die die anderen Häftlinge totschlugen, wenn sie zu langsam arbeiteten, von den miserablen hygienischen Verhältnissen, vom Hunger. Und vom Glück. Eines Tages nämlich hatte Brasse das „Glück“, Leichenträger zu werden. Für ihn bedeutete das: leichtere Arbeit und besseres Essen. Trotzdem hielt er das nicht lange aus, und hatte bald wieder „Glück“: Als Kartoffelschäler bediente er die SS-Schergen. Was er zu essen bekam, teilte er mit den anderen hungernden Häftlingen. Nochmal „Glück“ hatte er als Fotograf: Als „Funktionshäftling“ bekam er ein eigenes Bett, eine Decke, hatte eine Toilette, einen Waschraum, besseres Essen. Und war doch traumatisiert, nachdem er die Todgeweihten von vorne, von der Seite und mit Kopfbedeckung fotografieren musste.

Kurz vor Kriegsende ging es ihm dann - beim Todesmarsch - nochmal richtig dreckig. Auch den hat er - im Gegensatz zu vielen anderen - überlebt. Ob er denn in solchen Momenten nicht an Selbstmord gedacht habe, fragen die Schüler. Manche hätten das doch gemacht. Engelmann sagt, wie es war. Er bestätigt, dass einige „in den Draht gegangen“ sind und einen Stromschlag bekamen, oder dass sie sich erhängten. Brasse aber hielt sein „Glück“ am Leben. „Warum soll ich nicht nochmal Glück haben“, bestärkte er sich in der schlimmsten Zeit. Ein Optimist, der Recht behalten sollte und den Worten eines noch größeren Optimisten, dem kurz vor Kriegsende in Auschwitz hingerichteten Widerstandskämpfer Rudolf Friemel, folgte. „Wir müssen überleben, damit wir erzählen können, was hier passiert ist“, sagte dieser immer wieder.

Im Sinne der Zeitzeugen ermahnt Engelmann die Jugendlichen, niemals einem Verführer hinterher zu laufen. „Pegida und die Neonazis, das können schon wieder Anfänge sein von verheerenden Entwicklungen“, sagt er. Der Gymnasiast Maximilian ist nach dem Vortrag fassungslos. „Das ist unfassbar. Es ist wichtig, dass wir davor nicht die Augen verschließen. Die angespannte politische Situation im Osten Deutschlands und Europas macht mir Angst“ sagt er und stimmt Lisa zu, die hofft, dass „alle Jugendlichen über diese Zeit aufgeklärt werden“.

pm/rob

Quelle: Heidelberg24

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