Elterninitiativen blitzen bislang ab

Corona an Schulen: Keine Luftreiniger in Klassenzimmern – blockt die Stadt?

Heidelberg - Regelmäßiges Lüften gilt derzeit als wichtigstes Mittel gegen Corona-Infektionen an Schulen. Manche Eltern wollen zusätzliche Maßnahmen ergreifen ‒ und werden ausgebremst.

  • Wegen der Corona-Pandemie soll an Schulen regelmäßig gelüftet werden.
  • Diese Regel gilt auch an den 54 Schulen in Heidelberg.
  • Manche Eltern wollen Luftreinigungsgeräte aufstellen, die Stadtverwaltung „mauert“ aber noch.

Es wirkt bisweilen wie ein absurdes Theater: Im Kampf gegen die zweite Corona-Welle greift Deutschland wieder zu härteren Maßnahmen. Restaurants und Kneipen, Kultur, Sport- sowie Freizeiteinrichtungen werden geschlossen, Kontakte erneut stark eingeschränkt. Erklärtes Ziel von Kanzlerin Angela Merkel (CDU): Schulen und Kindergärten so lange es geht offen zu halten. Damit das Infektionsrisiko an Schulen möglichst gering gehalten wird, sollen Klassenzimmer regelmäßig gelüftet werden. So soll gewährleistet werden, dass Aerosole schnell zu Boden sinken und sich in den Räumen keine erhöhte Viruslast aufbaut, sollte ein Schüler oder Lehrer infiziert sein.

StadtHeidelberg
Einwohner 160.355 (2019)
Schülerca. 22.000
OberbürgermeisterProf. Dr. Eckart Würzner

Was im Spätsommer und Herbst noch ein gangbarer Weg ist, dürfte in den kalten Wintermonaten an vielen Schulen zu einem Belastungstest werden ‒ auch in Heidelberg. Denn das regelmäßige Stoßlüften bei Temperaturen um oder unter dem Gefrierpunkt wird dafür sorgen, dass Klassenzimmer auskühlen. So viel ist sicher. Die Folge: Schüler nehmen in dicken Winterjacken und Mützen am Unterricht teil, mancherorts sind auch Decken erlaubt. Dennoch steigt damit das Risiko für eine Erkältung, fürchten einige Eltern und setzen sich für zusätzliche Maßnahmen ein.

Heidelberg: Eltern wollen Luftreiniger anschaffen ‒ Stadt blockt

Dabei ließe sich in Zeiten der Corona-Pandemie die Sicherheit von Schülern und Lehrern erhöhen, wenn man das Lüften durch den Einsatz von Luftreinigungsgeräten ergänzt. Selbst kleine Geräte können einen Großteil an Bakterien, Viren und Schadstoffen aus der Luft filtern und ein Gesundheitsrisiko minimieren helfen. Umgesetzt wurde das eigentlich gar nicht so revolutionäre Konzept jüngst in Altlußheim. Als erste Kommune im Rhein-Neckar-Kreis stattete die kleine Gemeinde bei Schwetzingen Schule, Hort und Kindergärten mit entsprechenden Geräten aus ‒ zur Zufriedenheit aller Beteiligten und wohl auch zu überschaubaren Kosten.

Die Schulen in Heidelberg kommen bislang ohne Luftreiniger aus, auch da die Landesregierung den Einsatz der Geräte als nicht umsetzbare Lösung im Kampf der Pandemie ansieht. Dabei wollen es viele Eltern von Schulkindern in Heidelberg aber nicht bewenden lassen. Aktuell gibt es in mindestens drei Stadtteilen Initiativen, die privat Luftreinigungsgeräte für Klassenzimmer anschaffen wollen. Stadtrat Alexander Föhr (CDU) bemängelt, dass die Verwaltung den Initiativen der Elternschaft gegenüber nicht zugänglich ist.

Heidelberg sieht Bemühungen um Luftreiniger „kritisch“

Warum blockt die Stadt Heidelberg die Privatinitiativen in Sachen Luftreiniger für Klassenzimmer? Das lässt sich aus der Antwort der Stadtverwaltung auf eine Anfrage von Föhr herauslesen: Man wisse „um entsprechende Überlegungen an verschiedenen Schulen, sieht diese aber kritisch“, heißt es dort. Zur Begründung wird unter anderem eine Stellungnahme des Umweltbundesamts (UBA) vom 22. Oktober angeführt, das den Einsatz „mobiler Luftreiniger in Schulen nur im Ausnahmefall als sinnvoll erachtet“. Das UBA stuft Luftreiniger aber inzwischen als sinnvolle Ergänzung zum Lüften ein. Die Stadt verweist auch auf eine Handreichung der Kultusministerkonferenz (KSK), die auf ein „regelmäßiges und richtiges Lüften aller Räume“ abhebt.

Zudem sieht die Verwaltung wohl den Gleichheitsgrundsatz in Gefahr: „Bei der Ausstattung einzelner Schulen oder gar nur einzelner Klassen innerhalb einer Schule könnte sehr schnell der Eindruck einer Ungleichbehandlung und eines scheinbar geringeren Gesundheitsschutzes für Schüler an Schulen mit weniger zahlungskräftigen Eltern/Großeltern entstehen.“ In den Schulen, in denen der Einsatz der Luftreiniger angedacht ist, will man sich zunächst nicht zum Thema äußern. „Die Initiative ist aber ausdrücklich zu begrüßen, denn jedes Gerät verringert die Infektionswahrscheinlichkeit und hilft die Pandemie einzudämmen“, findet Stadtrat Föhr und wünscht sich „eine Kultur des Ermöglichens.

Stadträte wollen ergänzenden Einsatz von Luftreiniger in Schulen

Um alle rund 1.000 Klassenzimmer der 35 Schulen in städtischer Trägerschaft mit „empfehlenswerten Geräten“ auszustatten, kommen Kosten von rund 4 Millionen Euro auf die Stadt zu, schätzt man in der Verwaltung. Stolzer Preis für ein Einzelgerät: rund 4.000 Euro. Die von den Stadtwerken Heidelberg empfohlenen „High-end“-Geräte sollen derzeit eine Lieferzeit von rund zwei Wochen haben. Aus Elternbeiratskreisen ist aber auch zu hören, das der Einsatz kleinerer Geräte ‒ ergänzend zum Lüften ‒ ausreiche. Hier liegen die geschätzten Kosten bei rund 350 Euro pro Stück.

Die Anlagen filtern auch andere Viren und machen daher auch perspektivisch Sinn, um Schulen noch sicherer zu machen“, sagt Alexander Föhr. Sinken durch das Lüften die Raumtemperaturen im Winter zu stark, „sollte der Einsatz von Luftreinigern erwogen werden, so dass ein Stoßlüften in der Pause ausreichen sollte“, ergänzt Stadträtin Alissa Winter-Horn (Heidelberger).„Wenn nun Elterninitiativen einspringen (müssen), um solche Geräte zu beschaffen ist das schlichtweg ein Armutszeugnis“, ärgert sich Sahra Mirow (Linke). Um den Präsenzunterricht zu gewährleisten, sind Luftfilter für Mirow eine „wichtige Maßnahme, die auch öffentlich finanziert werden muss.

Auch bei den Grünen im Heidelberger Gemeinderat fordert man, den flächendeckenden Einsatz von Luftreinigungsgeräten schnell zu prüfen. „Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Schulen mehr eigenen Gestaltungsspielraum bei der Umsetzung von Infektionsschutzmaßnahmen bekommen, um kurzfristig kreative Lösungen zu entwickeln, die an die Gegebenheiten vor Ort angepasst sind“, so Gemeinderätin Anja Gernand. Björn Leuzinger (Partei) hält die Diskussion um Luftreiniger für müßig: „Da verschiedene Landtage, der Bundestag und einige Gemeinden bereits welche beschafft haben, können sie nicht so überflüssig sein.

Heidelberg: Keine Luftreiniger für Schulen, aber für andere städtische Gebäude

Für bestimmte Zimmer in städtischen Gebäuden scheint die Verwaltung Luftreiniger übrigens dennoch für sinnvoll zu halten: So plant man, in „größeren städtischen Sitzungs- und Besprechungsräumen 16 Luftreinigungsgeräte einzusetzen.“ Auch das geht aus der Antwort der Stadt Heidelberg auf die Anfrage von Föhr hervor. Weitere Informationen zur Stadt Heidelberg gibt es auf unserer Themenseite. (rmx)

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