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Corona-Impfung im Rhein-Neckar-Kreis: Impfzentren-Leiter im Interview – „Nicht optimal war...“

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Von: Florian Römer

Christoph Schulze (l., neben Landrat Stefan Dallinger) leitet die Impfzentren des Rhein-Neckar-Kreises im PHV, in Weinheim und in Sinsheim.
Christoph Schulze (l., neben Landrat Stefan Dallinger) leitet die Impfzentren des Rhein-Neckar-Kreises im PHV, in Weinheim und in Sinsheim. © Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis

Heidelberg/Rhein-Neckar-Kreis - Christoph Schulze leitet die Impfzentren im Patrick-Henry-Village, in Weinheim und in Sinsheim. Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen:

Die Corona-Pandemie greift seit über einem Jahr um sich. Licht am Ende eines langen, dunklen Tunnels aus Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln sollen Impfungen bringen. Mittlerweile sind in Deutschland drei Vakzine zugelassen, die auch in Impfzentren in Baden-Württemberg verabreicht werden. In der Metropolregion Rhein-Neckar gibt es mittlerweile sechs Impfzentren.

Der Rhein-Neckar-Kreis betreibt seit Ende 2020 das Zentrale Impfzentrum (ZIZ) im Patrick-Henry-Village in Heidelberg. Am 22. Januar wird auch in den Kreisimpfzentren (KIZ) in Weinheim und in Sinsheim gegen Corona geimpft. Geleitet werden die Impfzentren des Kreises von Christoph Schulze. Im Interview mit HEIDELEBERG24 gibt Schulze einen Einblick über seinen Aufgabenbereich, das Vakzin von AstraZeneca und wie er eine Hotline-Mitarbeiterin in den USA überraschte:

HEIDELBERG24: Sehr geehrter Herr Schulze, haben Sie als Leiter von gleich drei Impfzentren eigentlich einen stressigen Job?

Christoph Schulze: Selbstverständlich gibt es Phasen, die stressig sein können. Man will auch immer für alle erreichbar sein. Zum Glück haben wir ein tolles Leitungsteam, aber auch sonst starke Mannschaften in den jeweiligen Impfzentren, die sich gegenseitig unterstützen und gute Arbeit leisten.

Sind Sie täglich in jedem Impfzentrum vor Ort?

Dadurch dass unsere Impfzentren auf einer Strecke von über 50 Kilometern liegen, ist es mir nicht möglich jeden Tag in jedem Impfzentrum präsent zu sein. Ich bin zum Großteil im Zentralen Impfzentrum in PHV vor Ort, aber regelmäßig auch in den beiden Kreisimpfzentren in Sinsheim und Weinheim. Zudem ist unser Leitungsteam natürlich immer telefonisch oder per Videochat erreichbar.

Welche Aufgaben haben Sie als Leiter der Impfzentren?

Die Leitung der Impfzentren beinhaltet eine Vielzahl an Aufgaben: Mein Team und ich müssen neben der Impfdosenplanung auch das Terminvergabetool der Kassenärztlichen Vereinigung im Blick haben und mit Terminen versorgen. Wir stehen im ständigen Kontakt mit dem Sozialministerium, um bei der Priorisierung immer auf dem neusten Stand zu sein. Wir arbeiten mit der Apotheke des Universitätsklinikums Heidelberg zusammen, um die optimale Impfstoffaufbereitung zu gewährleisten. Zusammen mit den Verantwortlichen der Mobilen Impfteams sorgen wir für die zeitnahe Impfung in den Pflegeheimen. Wir kümmern uns um die Belange der rund 280 Mitarbeitenden in den drei Impfzentren und steuern, dass die Lagerbestellungen rechtzeitig getätigt werden. Kurzum – wir behalten überall den Überblick um einen reibungslosen Betrieb der Impfzentren zu gewährleisten. 

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Morgens beginnt der Tag mit der täglichen Stabssitzung, danach besprechen wir den Tag im Organisatorischen Team der Impfzentren. Neben tagesaktuellen Aufgaben stehen regelmäßige Besprechungen mit verschiedenen Stellen auf dem Wochenplan. Zusätzlich sind wir Ansprechpartner für die Ärzte in den Impfzentren und den Check-In. Dadurch ist man am Tag gut ausgelastet und viel unterwegs.

Wie viele Mitarbeiter sind an den drei Impfzentren im Einsatz?

In allen Impfzentren zusammen arbeiten täglich circa 280 Mitarbeitende in zwei Schichten von 6 bis 22 Uhr. 

Welche Aufgaben haben die mobilen Impfteams aktuell?

Die mobilen Impfteams sind derzeit unter anderem mit den Zweitimpfungen in stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen im Rhein-Neckar-Kreis beschäftigt.

Niedergelassene Dialysezentren in der Region schlagen vor, ihre Hochrisikopatienten in den Praxen von Mobilen Impfteams impfen zu lassen – wieso geht das nicht? In anderen Bundesländern geht das. Es beschleunigt das Impfen vulnerabler Gruppen und ist effizient. Werden Sie es der Landesregierung vorschlagen?

Der Einsatz der mobilen Impfteams richtet sich nach den Vorgaben des Ministeriums für Soziales und Integration Baden-Württemberg sowie der CoronaImpfV des Bundes. Nach den aktuellen Vorgaben sind Vor-Ort-Impfungen in Dialysepraxen nicht möglich. Über eine Arbeitsgruppe stehen wir im ständigen Austausch mit dem Sozialministerium; in diesem Rahmen werden viele Themen rund um die Impfkampagne angesprochen. 

Impfzentren-Leiter Schulze: „Nicht optimal war ...“

Im PHV wird seit gut zwei Monaten geimpft, Weinheim und Sinsheim sind seit einem Monat in Betrieb. Können Sie ein kurzes Zwischenfazit ziehen? Was ist gut gelaufen, was nicht so optimal?

Selbstverständlich läuft nicht immer alles so, wie man sich das vorstellt. Nicht optimal war die anfängliche Unsicherheit über die Liefermengen der Impfstoffe. Dadurch konnten wir nicht so loslegen wie wir uns das natürlich gewünscht hatten. Generell bin ich aber sehr froh, dass vieles so gut gelaufen ist. Unser Team hat sehr flexibel und schnell auf alle neuen Situationen reagieren können und das Beste draus gemacht. 

Welche Erfahrungen haben Sie seit Beginn der Impfkampagne gesammelt?

Seit Dezember haben wir sehr viele positive Erfahrungen gesammelt. Es ist schön zu sehen, wie dankbar die Menschen sind, wenn sie bei uns ihre Impfung erhalten. Ich persönlich habe viele wertvolle Erfahrungen machen dürfen – etwa was das Arbeiten in einem Leitungsteam betrifft. 

Über 65.000 Menschen in Impfzentren des Kreises geimpft

Wie viele Menschen wurden bislang in den drei Impfzentren PHV, Weinheim und Sinsheim geimpft?

Stand gestern Abend (4. März), wurden in den insgesamt drei Impfzentren bereits über 65.000 Impfungen durchgeführt. Etwa 40.700 Personen haben ihre Erstimpfung erhalten und rund 24.900 Personen auch schon ihre Zweitimpfung. 

Laufen die Impfzentren bereits im avisierten „Vollbetrieb“ oder mangelt es nach wie vor an genügend Impfdosen?

Wir sind mittlerweile bei einer Auslastung von etwa 80 Prozent angelangt. 

Mit diesen Impfstoffen wird „gepikst“

Welche Impfstoffe werden aktuell in „Ihren“ Impfzentren verabreicht?

In unseren drei Impfzentren kommen ausschließlich die Vakzine der Firmen Astra-Zeneca und BioNTech zum Einsatz. Der Impfstoff der Firma Moderna wird aufgrund der einfacheren Handhabung hauptsächlich in den Mobilen Impfteams eingesetzt.

Sind nach Impfungen in den von Ihnen geleiteten Impfzentren schon schwere Nebenwirkungen (allergische Reaktionen) aufgetreten?

Wir haben vor Ort in unseren Impfzentren noch keine signifikanten Erfahrungen über außergewöhnliche Impf-Nebenwirkungen verzeichnet.

‚Ladenhüter‘ AstraZeneca? Termine auf drei Wochen ausgebucht

Momentan ist der Impfstoff von AstraZeneca wegen angeblich geringerer Wirksamkeit und stärkeren Nebenwirkungen in aller Munde. Er wird teilweise als Ladenhüter bezeichnet. Wird das Vakzin auch im Zentralen Impfzentrum im Patrick-Henry-Village oder in den Kreisimpfzentren Weinheim und Sinsheim verabreicht?

Ja, in allen drei Impfzentren. Ein Ladenhüter ist dieser Impfstoff sicher nicht, wenn ich sehe, dass alle Termine mit diesem Impfstoff in den nächsten drei Wochen ausgebucht sind.

Gab es schon Menschen, die eine Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff haben „sausen“ lassen, nachdem sie erfahren haben, mit welchem Vakzin sie geimpft werden sollen?

Das Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis ist zwar Betreiber von drei Impfzentren, jedoch nicht für die Terminvergabe zuständig, bei der der verwendete Impfstoff mitgeteilt wird. Daher sind wir für diese Frage der falsche Ansprechpartner. Vor Ort ist es bislang nicht vorgekommen, dass Personen den vereinbarten Impftermin nicht wahrgenommen haben, da wie erwähnt bereits bei der Terminvergabe mitgeteilt wird, welcher Impfstoff zum Einsatz kommt.

Was mit ungenutzten Impfdosen passiert

Was passiert, wenn vorbereitete Impfdosen nicht genutzt werden, weil Impfkandidaten nicht erscheinen. Gibt es eine Art Reserveliste?

Sofern Impfstoff übrigbleibt, greifen wir auf ein strukturiertes und abgestimmtes Verfahren zurück, um Personen aus der höchsten Prioritätsgruppe zu impfen. Hierzu arbeiten wir unter anderem mit Erreichbarkeitslisten, etwa von medizinischem Personal aus der Priorität 1. Grundsätzlich wird der Impfstoff ampullenweise rekonstituiert, sodass der tägliche Überschuss einige wenige Impfdosen nicht übersteigen sollte.

Wie kann man Menschen Vorbehalte gegenüber einer Corona-Impfung nehmen?

Dies gehört nicht zu den Aufgaben des Landratsamts als Betreiber der Impfzentren – da sind andere Stellen gefragt.

Wurden Sie oder Ihre Mitarbeiter von Impfskeptikern angefeindet?

Mit Impfskeptikern hatten wir in den Impfzentren zum Glück bisher wenig zu tun. Leider kommt es aber vor, dass Personen, die wir abweisen müssen – zum Beispiel, weil sie noch nicht in der aktuellen Priorisierungsgruppe sind – im ersten Moment nicht positiv reagieren. Wenn der erste Ärger verraucht ist, verstehen viele aber durchaus den Grund für die Zurückweisung der Impfung.

Sind Sie selbst schon geimpft?

Ja, wie alle Mitarbeitenden in einem Impfzentrum bin ich impfberechtigt und habe die Corona-Schutzimpfung auch schon erhalten.

Impfzentren-Leiter Schulze verblüfft Hotline-Mitarbeiterin in USA

Haben Sie in einem Impfzentren auch schon kuriose Dinge erlebt?

Einmal hatte ich eine Mitarbeiterin einer Hotline am Telefon, die in den USA saß. Sie fragte mich nach unserer Adresse und dachte, ich mache einen Scherz, als ich ihr unsere Adresse sagte: South Gettysburg Avenue 45. Sie wollte mir erst glauben, als ich ihr versicherte auf einem ehemaligen Gelände der US-Armee zu sein.

Bei der aktuellen Impfrate würde es zwei Jahre dauern, bis alle Bürger geimpft sind. Wie könnte man den Prozess Ihrer Meinung nach verschnellern? 

Die Organisation der Impfungen in Baden-Württemberg liegt in der Zuständigkeit des Ministeriums für Soziales und Integration, ebenso die Beschaffung und Verteilung der Impfdosen. Dementsprechend gehört die Ausgestaltung des generellen Impfprozesses in Baden-Württemberg nicht zu den Aufgaben des Landratsamts als Betreiber der Impfzentren – daher bitte ich um Verständnis, dass ich zu dieser Frage keine Stellung nehmen kann. Ich kann jedenfalls versichern, dass wir stetig die Prozesse in unseren Impfzentren überwachen und optimieren.

Christoph Schulze leitet die Impfzentren im PHV in Heidelberg, in Weinheim und in Sinsheim.
Christoph Schulze leitet die Impfzentren im PHV in Heidelberg, in Weinheim und in Sinsheim. © Privat

Zur Person:

Christoph Schulze (Jahrgang 1989) hat 2009 sein Abitur in Mannheim absolviert und danach ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Johanniter-Unfall-Hilfe in Mannheim gemacht. 2010 begann er eine Ausbildung zum Rettungsassistent und arbeitete danach in diesem Beruf. 2014 nahm er sein Medizinstudium auf, das er im Januar 2020 erfolgreich beendete. Im März 2020 meldete er sich als Corona-Unterstützung beim Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis. Dort arbeitet Christoph Schulze seit Mai vergangenen Jahres im Gesundheitsamt, zuerst in der Altenheimtestung, dann in den Teststraßen und der Flächentestung und seit Ende November/Anfang Dezember 2020 in den Impfzentren.


(rmx)

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