Von Teufelskreisen und Hoffnungsschimmern

Wohnungslos in Heidelberg! Wenn die Parkbank zum neuen Zuhause wird

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Wohnungslose in Heidelberg. Wanderausstellung von Selina Bührer aktuell im SRH-Gebäude/Wieblingen

Heidelberg - Job, Wohnung, Familie: für viele die Bausteine zum Glücklichsein. Doch oft reicht ein Schicksalsschlag, um alles zunichte zu machen. Der Heidelberger Wohnungslose Rainer Bednarek (46) kann davon ein Lied singen.

Denkt man an Heidelberg, fallen einem zuerst die historische Altstadt, das Schloss oder Deutschlands älteste Universität ein. Kaum einer denkt bei der schönen Stadt am Neckar an Armut, geschweige denn an Obdachlosigkeit. Doch auch diese gibt es in einer Stadt voller Reichtum und Innovation. Ich habe mich mit Rainer Bednarek getroffen. Der 46-Jährige ist wohnungslos – und einer von denen, die für die meisten Heidelberger unsichtbar sind:

„Ich bin en Sume vum alde Nekker,

Voll Lumperei de ganze Wicht, 

E grossi Worscht, en Weck vum Becker, 

Des isch un bleibt mei Leibgericht. 

Die Aache hell mit Sunneschei, 

So muß en Nekkerschleimer sei.“


Das Heidelberger Sume-Lied: Alteingesessenen Neckarstadtbewohnern dürfte das Lied noch sehr bekannt vorkommen. Bei Rainer sorgt es für strahlende Augen. „Das Lied hab ich schon damals gesungen, mit 10 Jahren zur Eröffnung des Mitteltors am Universitätsplatz!“, erzählt der 46-Jährige stolz. Seine Fältchen um den Mund rahmen sein sympathisches Lächeln ein. Damals - das war in den 80er Jahren -, bevor er einen schweren Schicksalsschlag erlitt, Wohnung und Arbeit verlor.

Geboren und aufgewachsen ist Rainer in der Altstadt, genauer gesagt in der Unteren Straße. „Damals gab es noch keine Sperrzeiten, keine Beschwerden von Anwohnern. Da war noch Rambazamba, als ich morgens um 7 Uhr zur Schule bin“, lacht der Ur-Heidelberger. Überhaupt war in Heidelberg früher wohl vieles anders. Er erzählt mir vom Fußballspielen im Marstall, vom Lagerfeuer am Rande des Schlosses und von seinem ersten richtigen Job als Hausmeister im Kongresshaus. Klingt nach einer unbeschwerten Jugend. Doch wie landet man auf einmal auf der Straße?

Mal bergauf, mal bergab!

Alles beginnt zur Jahrtausendwende: Rainer hat einen guten Job bei einem lokalen Spielzeughändler, eine Wohnung in der Altstadt und eine Wohnung mit seiner damaligen Freundin und deren Sohn. Doch dann geht alles ganz schnell: Zuerst stirbt der Vater, im Jahr darauf die Mutter, dann der Stiefsohn.

Zu allem Überfluss verliert der 46-Jährige seinen Job. Er fängt an zu trinken. Die Wohnungen können nicht mehr bezahlt werden. Schulden. Rainer wird alles zu viel - raus aus Heidelberg. Er flüchtet in eine Notunterkunft nach Wiesloch. Dort verbringt er zwei Jahre. Als er sein Zimmer teilen soll, nimmt er Reißaus. 

Von da an schläft er an verschiedenen Plätzen – mal auf der „Platte“, mal im Wohnheim im Ochsenkopf oder auf einer Parkbank im Neuenheimer Feld. Die Situation scheint aussichtslos. 

Doch immer wieder gibt es Höhen und Tiefen in seinem Leben. Im Jahr 2013 bezieht er eine Wohnung in Wieblingen. Es scheint wieder bergauf zu gehen. Doch dann folgt eine Haftstrafen wegen Schulden: acht Monate Knast wegen 2.000 Euro. Wieder auf freiem Fuß, ist alles weg: die Wohnung und mit ihr zahlreiche Erinnerungen. Nicht mal alte Fotos oder Rainers Geburtsurkunde hat der Vermieter aufgehoben. Ein ganzes Leben wie ausgelöscht. Rainer fängt wieder bei Null an.

Was ihm hilft, ist Musik: „Musik tut dem Herzen gut. Sie macht mich gesund gibt Hoffnung!“ Nostalgisch schwelgt er in Erinnerungen: „Beim ersten Guggenmusik-Auftritt der Polizei in Kirchheim war ich schon dabei. Ich lerne schnell, habe mir sogar selbst das Keyboardspielen beigebracht, ganz ohne Hilfe.“ Ich bin beeindruckt.

Überhaupt bin ich sehr fasziniert von seiner Person. Ich gebe es zu: Auch ich bin einer dieser Menschen, der lieber weg- als hinschaut, wenn man Armut begegnet. Schließlich ist das einfacher. Und es gibt ja auch genügend Vorurteile, mit denen man dieses Verhalten rechtfertigen kann. Ich spreche Rainer auf die Menschen an, die man immer im Park gegenüber des Kauflands sieht. Die allgemeine, nicht gerade rühmliche Bezeichnung bei mir und meinen Freunden: „Pennerpark!“. Ein Fleck Armut in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. 

Die sind eigentlich alle ganz nett“, versichert Rainer und ergänzt: „Nur manche haben eben Probleme, die nicht von heute auf morgen zu lösen sind – leben und leben lassen!“. Ich denke darüber nach und mir wird klar: Vielleicht hat er Recht. Fast täglich kreuzt sich mein Weg mit ‚Parkbewohnern‘ gegenüber vom Kaufland. Noch nie wurde ich blöd angemacht oder sonstiges. Im Gegenteil: Die Menschen grüßen oft sehr freundlich und möchten sich einfach nur unterhalten, brauchen jemanden, der ihnen zuhört. Kann sein, dass sich einige manchmal etwas daneben benehmen, laut rumschreien oder untereinander streiten. Wie anderswo, gilt aber auch hier - Leben und leben lassen.

Wohnung gesucht 

Im besagten Park gegenüber der Stadtwerke hat auch Rainer sein Glück gefunden. Seine große Liebe, Denise. Auch sie hat wie Rainer einige Schicksalsschläge hinter sich. „Wir geben uns gegenseitig Halt!“ - die zuständige Behörde sieht das anders. Zu groß sei die Gefahr bei einer gemeinsamen Wohnung, dass sie sich gegenseitig runterziehen würden. Dabei können sich die beiden nichts Schöneres vorstellen. Gut ein Jahr lang sucht das Paar nun schon eine Wohnung im Rhein-Neckar-Kreis - ohne Erfolg. Dabei würden sie sich schon über eine Ein-Zimmer-Wohnung freuen. Ich frage nach, ob sie es schon mal auf dem Boxberg oder dem Emmertsgrund probiert hätten - schließlich ist die Gegend bekannt für günstigen Wohnraum. Rainer verneint: „Da oben kommt man im Winter nicht weg. Ich hatte einen Arbeitskollegen, der hat es bei schlechtem Wetter nicht zur Arbeit geschafft. Außer dem gibt es dort keinen Einkaufsladen!“ Eine Ausrede? Ich muss zugeben: Die beiden Stadtteile wären auch nicht meine bevorzugte Wohngegend - aber besser als wohnungslos zu sein doch allemal!

Temporäres Wohnen

Momentan wohnt Rainer im Wichernheim. Eine Einrichtung, die sich um Menschen ohne Wohnung kümmert - eine der wenigen in Heidelberg. Ich frage ihn, wie es ist, dort zu leben. „Wohlfühlen ist etwas anderes. Aber ich bin froh, dass es sowas gibt!“ Sogar seine Freundin darf ihn besuchen, das ist für solche Einrichtungen nicht selbstverständlich. „Die Leute im Wichernheim haben teilweise Alkoholprobleme und denken manchmal ganz anders als ich, wissen Sie?“ Doch es gibt auch Lichtblicke, wie vor einigen Wochen. Da war Rainer mit seiner Freundin beim Spiel des SV Sandhausen. Ein absolutes Highlight.

Bereits seit Mai ist er „eigentlich“ aus dem Programm im Wichernhaus entlassen, ausziehen kann er aber nicht, schließlich findet er keine Wohnung und hat lediglich eine 2-Euro-Stelle. Seit einigen Jahren ist Rainer als Hausmeister bei verschiedenen Einrichtungen. „Es ist wichtig, etwas zu tun zu haben, eine Aufgabe im Leben, sonst wird es schwer“, erklärt er mir. Sein neuster Plan: „Ich würde gerne zusammen mit meiner Freundin einer ehrenamtliche Tätigkeit bei der Tafel nachgehen, einfach helfen, das macht Spaß“, strahlt der Wohnungslose. Sein Ziel für die nächsten Jahren ist es, wieder voll arbeiten zu gehen: „Aber erst, wenn wir eine eigene Wohnung haben!

Übrigens: Seinen Lebenstraum hat sich Rainer bereits erfüllt. Das war im Jahr 2000 - die eigene CD, darauf aufgenommen: das Heidelberger Summe-Lied.

jmb

Quelle: Heidelberg24

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