Übergriffe auf jungen Mann

Burschenschaft Normannia: Nach Hitlergruß-Skandal – SPD stellt knallharte Forderung

Heidelberg: Blick auf das Haus der Burschenschaft Normannia. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg ermittelt gegen mehrere Mitglieder der Heidelberger Burschenschaft. Sie sollen einen 25-Jährigen mit Gürteln geschlagen, mit Münzen beworfen und antisemitisch beleidigt haben. (zu dpa "Burschenschaft Normannia distanziert sich von Antisemitismus") Foto: Uwe Anspach/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Antisemitischer Vorfall bei der Burschenschaft Normannia?

Heidelberg - Erst antisemitischer Übergriff gegen einen jungen Mann, dann Foto mit Hitlergruß. Jetzt stellt die SPD eine knallharte Forderung an die Burschenschaft Normannia:

Update vom 17. Oktober: Die SPD-Fraktion Heidelberg ist fassungslos über die Vorgänge in der Burschenschaft Normannia. „In einer studentischen und weltoffenen Stadt wie Heidelberg ist es kaum vorstellbar, dass sich junge Männer im Haus der Normannia treffen und den Arm zum Hitlergruß heben“, heißt es in einer Mitteilung.

Die SPD fordert nun die Verantwortlichen der Burschenschaft auf, das Haus nicht mehr für ihre Zwecke zu nutzen und es der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Eingebracht wird der aus der Mitte des Heidelberger Kreisvorstandes stammende Antrag von Stadtrat und Kreisvorsitzenden Sören Michelsburg: „Rechtsradikale Burschenschaften passen nicht in das weltoffene Bild unserer Stadt. In Heidelberg gibt es viele wichtige und sozial notwendige Projekte, denen schlicht der Platz fehlt,“ betont Michelsburg. Aus dem Haus der Intoleranz und Ausgrenzung soll ein Ort der Toleranz werden, wenn Verantwortung der Betroffenen übernommen wird.

Skandal um Normannia: Erst Antisemitismus, dann Hitlergruß – Fall für den Verfassungsschutz?

Update vom 14. Oktober: Nach dem mutmaßlich antisemitischen Übergriff auf einen jungen Mann im Verbindungshaus der Burschenschaft Normannia erschüttert im Oktober der nächste Skandal die Region: auf einem Foto aus dem Normannenhaus zeigt ein Burschenschafter den Hitlergruß. Neben ihm sitzt ein „Alter Herr“ der Verbindung und reckt ebenfalls den rechten Arm - in der Hand ein Bierkrug. Das Foto hat den Alten Herren mittlerweile den Job als Geschäftsführer einer MVV-Tochtergesellschaft gekostet. Derweil werden von Politikern eingehendere Untersuchungen bei der Normannia gefordert.

Normannia: CDU-Politiker zieht sich aus Burschenschaft zurück

Im Raum steht vor allem die Frage, wie viel die Alten Herren der Burschenschaft von den rechten Umtrieben bei der Normannia wussten und wann? So soll es trotz gegensätzlicher Behauptungen bereits im August 2019 schriftliche Hinweise aus der Aktivitas
gegeben haben. Damals Normannia-Vorsitzender: Egon Manz, stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU Mannheim und ehemaliger Personalratsvorsitzender der Polizei. Laut Manz sollen interne Untersuchungen ergeben haben, dass es sich bei dem Schreiben um einen „Racheakt“ eines Ex-Normannen gehandelt habe.

Andere rechte Vorkommnisse seien schnell unterbunden worden. Unter anderem habe ein Mitglied der Aktivitas sich am Telefon mit „Heil Hitler“ gemeldet. Diesen habe man umgehend rausgeworfen. Michael Blume, Antisemitismusbeauftragte des Landes, fragten daraufhin in Richtung Manz und CDU, inwieweit eine Doppelmitgliedschaft bei einer augenscheinlich rechten Burschenschaft und einer demokratischen Partei miteinander vereinbar sei. Manz ist inzwischen wegen der „Vorkommnisse“ aus der Normannia ausgetreten.

Normannia in Heidelberg Fall für den Verfassungsschutz?

Das geht für einige nicht weit genug. So fordert beispielsweise der Mannheimer SPD-Abgeordneten Boris Weirauch eine Untersuchung der Normannia durch den Verfassungsschutz: „Die Burschenschaft Normannia gibt seit Jahren Antisemiten und Rechtsextremisten eine Heimat. Dies wurde von den dortigen Führungspersonen offenkundig geduldet, wenn nicht gar unterstützt. Gerade vor diesem Hintergrund wirkt die ohnehin eher pflichtschuldige Distanzierung der „Alten Herren“ der Normannia wenig glaubhaft“, so Weirauch. 

Über die konkreten Ermittlungen des Staatsschutzes hinaus müssten auch die Verstrickungen der Normannia in rechtsextreme Kreise umfassend durch den Verfassungsschutz geprüft werden: „Was an Vorkommnissen rund um die Normannia in den letzten Wochen das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat, lässt befürchten, dass die antisemitische Straftat Ende August nur die Spitze des Eisbergs war. Es muss jedem im Kreis der Normannia klar werden, dass das nicht ohne Folgen bleiben wird“. 

Ermittlungen bei Normannia: Uni Heidelberg hat „beschämende Vergangenheit“

Update vom 6. Oktober: Jetzt erschüttert ein neuer Skandal die Region, der den Chef einer Tochtergesellschaft des Mannheimer Energieversorgers MVV sogar seinen Job kostet. Der Auslöser: ein Foto, auf dem ein Burschenschafter den „Hitlergruß“ zeigt. Neben ihm sitzt der Geschäftsführer einer MVV-Tochter und hebt ebenfalls den rechten Arm - in der Hand einen Bierkrug.

Update vom 11. September: Im Fall des mutmaßlichen antisemitischen Übergriffs auf einen Mann während einer Feier bei der Burschenschaft Normannia in Heidelberg verspricht Innenminister Thomas Strobl (CDU) eine Aufklärung „mit Nachdruck“. Darüber berichtet die „Rhein-Neckar-Zeitung“. Strobl (60) hat in Heidelberg Jura studiert und ist Mitglied der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania. Zur gleichen Verbindung gehört auch das 25-jährige Opfer des Angriffs bei der Normannia. Das Innenministerium lasse sich regelmäßig und eng über die Ermittlungen informieren, heißt es.

Auch die Studierendenschaft der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg schließt sich der Forderung nach lückenloser Aufklärung des Vorfalls an. „Sowohl die Universität Heidelberg als auch die Heidelberger Studierendenschaft haben eine beschämende Vergangenheit, was Antisemitismus und Nationalsozialismus anbelangt“, lautet es in einer Mitteilung. Studierende der Ruperto Carola haben besondere „Verantwortung , dass weder nationalsozialistisches Gedankengut noch Antisemitismus je wieder einen Platz an unserer Universität – oder überhaupt in unserer Gesellschaft – finden.“ Hinsichtlich der Normannia gebe es aber weitere offene Fragen, findet die Studierendenschaft. Etwa, wie die Normannia sich trotz bekannter „rechtsextremer Umtriebe“ so lange ohne Widerstände in Heidelberg habe halten können.

„Ekliger Vorfall“ bei Burschenschaft Normannia: Jüdische Gemeinde entsetzt

Update vom 10. September: Nach dem mutmaßlich antisemitischen Übergriff in einem Burschenschaftshaus der Normannia gegen einen jungen Mann mit jüdischen Wurzeln ist die jüdische Gemeinde in Heidelberg geschockt. Janusz Pawelczyk-Kissin, Rabbiner der jüdischen Kultusgemeinde Heidelberg, zeigte sich am Mittwoch (9. September) über den „ekligen Vorfall“ entsetzt. So etwas sei ihm aus Heidelberg bislang nicht bekannt. „Wir verstehen unter Gastfreundschaft etwas anderes“, so der Rabbiner.

Derweil fordert man bei der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg von den Burschenschaften, klar auf den Vorfall bei der Normannia zu reagieren: „Wenn nicht, würde Schweigen auch etwas aussagen“, meinte Vize-Rektor Frederek Musall. Die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Staatsschutz wegen der „Menschen herabsetzenden Rituale“, bei denen der 25-Jährige bei einer Feier der Normannia mit Gürteln geschlagen, mit Münzen beworfen und antisemitisch beleidigt worden sein soll, gehörten nicht in das 21. Jahrhundert. Auch wenn er über die Ermittlungen schockiert sei, habe der Vorfall Musall nicht überrascht – schließlich gebe es in jüngster Zeit eine lange Liste antisemitischer Angriffe.

Heidelberg: Normannia distanziert sich von Antisemitismus – aber Fragen bleiben

Der Altherrenverband der Normannia hat sich derweil von Antisemitismus distanziert: „Antisemitismus und gewalttätige Übergriffe sind mit dem burschenschaftlichen Gedanken nicht zu vereinbaren“, heißt es in einem Statement. Nur einen Tag nach der Hausdurchsuchung bei der Verbindung hatte die Normannia ihre „Aktivitas“, also die Gruppe ihrer studierenden Mitglieder, aufgelöst. Was das konkret bedeutet, ließ die Normannia zunächst offen. Man wolle „vollumfänglich“ mit den Behörden zusammenarbeiten. Sollte sich der Verdacht gegen die Mitglieder erhärten, würde man Konsequenzen ziehen.

Antisemitismus sei der Burschenschaft Normannia nicht fremd, betont hingegen die Antifaschistische Initiative Heidelberg. Der mutmaßlich antijüdische Übergriff sei keine Ausnahme, vielmehr sei Antisemitismus für die Normannia seit ihrer Gründung 1890 ein „sinnstiftendes Moment“. „Eine Distanzierung der Alten Herren von der Nazivergangenheit hat in der Normannia nie stattgefunden“, sagt Clara Grube, Sprecherin der Initiative. Insofern sei die Aussage, dass Antisemitismus in ihren Reihen nicht gestattet sei, eine reine Schutzbehauptung.

Heidelberg: Burschenschaft Normannia als Anlaufpunkt für Rechtsextreme?

Der Fall legt die antisemitische Gesinnung der Burschenschaft für alle offen”, findet auch Daniel Al-Kayal (SPD), der für ein Landtagsmandat in Heidelberg kandidiert. Neben dem Verteilen eigener, antisemitischer Flugblätter soll die Normannia auch durch Teilnahmen an Aufmärschen von Neonazis aufgefallen sein. Im Mai 2004 soll der verurteilte Rechtsterrorist Erhart Hartung einen Vortrag gehalten haben. „Identitäre“ nutzen das Haus für regelmäßige Stammtische, bei denen auch politische Aktionen geplant würden, heißt es.

Darüber hinaus kritisiert die Hochschulgruppe der Heidelberg Jusos, dass „Burschenschaften im weltoffenen Heidelberg immer noch das Stadtbild prägen“. Burschenschaften lockten Erstsemester mit günstigen Unterkünften und Gemeinschaftsstrukturen, erklärt Annalena Wirth von der Juso-Hochschulgruppe: „Dahinter stecken aber unterdrückende Strukturen und ein Weltbild, das 1933 stehen geblieben ist.

Burschenschaften gehören zu den Studentenverbindungen. Aber nicht jede Studentenverbindung ist eine Burschenschaft. Letztere zeichneten sich zum Teil durch das Ritual der Mensuren (Fechtkämpfe) sowie durch nationalistisches Gedankengut aus, sagte Hans Jürgen Fuchs vom Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen. „Solche Burschenschaften bringen das Verbindungsstudententum in Verruf.“ Die Verbindungen des Cartellverbandes seien proeuropäisch, nicht schlagend und nicht antizionistisch.

Heidelberg: Schwere Vorwürfe gegen Burschenschaft: Wie weit reicht der Arm der Normannia?

Update vom 9. September, 11:35 Uhr: Nachdem die Staatsanwaltschaft Heidelberg einen mutmaßlich antisemitischen Übergriff in den Räumlichkeiten der Burschenschaft Normannia publik gemacht hat, schlägt der Fall bundesweit hohe Wellen. Nun meldet sich auch der Antisemitismus-Beauftragte der Landesregierung, Michael Blume, zu Wort. In einem Radiointerview appelliert er an die Justiz, transparent und öffentlich aufzuklären. Gegenüber SWR3 gibt der Theologe zu verstehen, er habe Erkenntnisse, dass zu den Alten Herren der Normania auch Vertreter von Justiz und Polizei gehören. Entsprechend zeigt sich Blume besorgt: „Da muss jeder Anschein vermieden werden“, appelliert der Landesbeauftragte.

Unterdessen berichtet die RNZ, dass sich ein ehemaliges Mitglied der Burschenschaft Normannia bei der Redaktion gemeldet und glaubwürdig über die Burschenschaft ausgepackt hat. Demnach soll der Altherrenverband bereits in der Vergangenheit über rechtsextreme Umtriebe im Verbindungshaus informiert gewesen sein.

Diese Anschuldigungen weist wiederum Gunnar Heydrich, Vorsitzende des Altherrenverbands der Burschenschaft Normannia, zurück. Auf der Internetseite burschenschaft-normannia.de steht in großen Lettern geschrieben: „Wir dulden keinen Antisemitismus in unseren Reihen“. Darunter distanziert sich Heydrich von den Geschehnissen und verspricht eine vollständige Aufklärung.

Burschenschaft Normannia Heidelberg: Misshandlungen aus Judenhass? Staatsschutz ermittelt nach Party

Erstmeldung vom 8. September, 14:30 Uhr: Körperliche Misshandlung und antisemitische Beleidigungen wirft die Staatsanwaltschaft Heidelberg mehreren Mitgliedern der Heidelberger Burschenschaft Normannia vor. Ermittelt werde gegen sieben Männer sowie eine Frau, wie die Staatsanwaltschaft und das Polizeipräsidium Mannheim am Dienstag (8.September) in einer Mitteilung bestätigen. Auch der Staatsschutz hat sich in die Angelegenheit eingeschaltet.

Antisemitischer Vorfall bei der Burschenschaft Normannia?

Die Vorwürfe gegen die Normannia wiegen schwer – und hatten offenbar bereits am 3. September die Auflösung der vor 130 Jahren gegründeten Heidelberger Studentenverbindung zur Folge. „Die Burschenschaft Normannia zu Heidelberg gibt hiermit die Auflösung ihrer Aktivitas bekannt“, heißt es kurz und knapp auf der Internetseite der Verbindung, deren Villa sich in unmittelbarer Nähre zum Heidelberger Schloss befindet.

Heidelberg: Burschenschaft Normannia – antisemitische Angriffe während Verbindungsparty

Opfer des Vorfalls, der sich am 29. August auf einer Verbindungsfeier der Burschenschaft zugetragen haben soll, ist ein 25-Jähriger Mann. Laut aktuellem Ermittlungsstand der Staatsanwaltschaft Heidelberg habe der Geschädigte gegen 1 Uhr die Verbindungsfeier der Normannia besucht, wo er antisemitisch beleidigt, mit Münzen beworfen und mit Gürteln auf die Beine sowie gegen den Rücken geschlagen worden sein soll. Wie die Rhein-Neckar-Zeitung berichtet, habe der junge Mann zuvor angegeben, dass er jüdische Vorfahren habe.

Nachdem der 25-Jährige aufgrund der Vorfälle auf der Verbindungsparty Strafanzeige erstattete, nahmen Staatsschutz, Kriminaltechnik sowie forensische IT der Kripo Heidelberg die Ermittlungen auf. Am 2. September vollstreckte die Staatsanwaltschaft einen Durchsuchungsbeschluss – und konnte bei der Durchsuchung des Anwesens der Normannia „umfassendes Beweismaterial“ sicherstellen, wie es in der Mitteilung vom Dienstag heißt.

Heidelberg: Ermittlungen gegen Burschenschaft Normannia – Schläge mit Gürteln gängiges Ritual?

Insgesamt seien laut Staatsanwaltschaft Heidelberg bisher 27 Teilnehmer der Normannia-Feier ermittelt, von denen acht Personen beschuldigt werden, an den Misshandlungen und Beleidigungen beteiligt gewesen zu sein. Die Ermittlungen werden teilweise auch länderübergreifend geführt – unter anderem auch im Saarland und in Nordrhein-Westfalen. Laut einem Bericht der RNZ seien an den Angriffen gegen den 25-Jährigen auch Mitglieder der Burschenschaften Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken und der Germania Köln beteiligt gewesen.

Während die Ermittlungen gegen die Heidelberger Burschenschaft noch im vollen Gange sind, zeichnet sich laut Staatsanwaltschaft bereits eine Sache ab: Das Schlagen mit Gürteln, die sogenannte „Gürtelung“, ist offenbar ein gängiges Ritual, das die Beschuldigten womöglich nicht zum ersten Mal durchgeführt haben. In der Vergangenheit ist die Burschenschaft außerdem mit dem Hissen der Reichsfahne auf ihrem Anwesen am Schlossberg in Heidelberg aufgefallen. (kab/rmx/esk/pm/dpa)

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