400 Bürger bei Infoveranstaltung

Betriebshof-Dilemma – ÖPNV schnell ausbauen oder Grünflächen schützen?  

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Podiumsdiskussion zum Bürgerentscheid über die Betriebshof-Verlagerung.

Heidelberg - Weitgehend ruhig und sachlich verläuft die Infoveranstaltung, auf der beide Seiten vor dem Bürgerentscheid zur Verlagerung des RNV-Betriebshofs für ihre Anliegen werben:  

Der Bürgerentscheid zur Verlagerung des RNV-Betriebshofs auf die Wiese am Großen Ochsenkopf rückt näher. Trotz hochsommerlicher Temperaturen kommen rund 400 Bürger am Dienstag (25. Juni) zur Informationsveranstaltung in die halle02, wo Stadt und RNV sowie das Bündnis für Bürgerentscheid die Gelegenheit haben, ihre Standpunkte für und gegen Bebauung der Ochsenkopfwiese darzulegen. In 20-minütigen Vorträgen bringen zunächst Stadt/RNV und dann das Bündnis Argumente vor, ehe die Punkte im Rahmen eines moderierten Gesprächs diskutiert werden. Im Anschluss nutzen viel Bürger die Chance, an Infoständen Detailfragen mit Vertretern beider Seiten zu klären.

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Betriebshof in Heidelberg muss neu gebaut werden – nur wo?

Einigkeit herrscht auf beiden Seiten darüber, dass der aktuelle Betriebshof an der Bergheimer Straße „nicht mehr sanierbar und ein kompletter Neubau notwendig ist“, sagt Karin Weber vom Bündnis in der Diskussion. Allerdings gehen die Meinungen darüber weit auseinander, was der beste Standort für den neuen Betriebshof ist. Die Ochsenkopfwiese, für die sich der Gemeinderat Ende Dezember mit 27:15 Stimmen (4 Enthaltungen) nach langem Ringen entschieden hat, muss aus Sicht des Bündnis dringend geschützt werden. 

Aus Klimaschutzgründen sei es jetzt wichtig, den Betriebshof auf die Ochsenkopfwiese zu verlagern, argumentieren hingegen die Vertreter von Stadt und RNV. Nur mit einem zukunftsfähigem Betriebshof sei ein leistungsfähiger ÖPNV möglich, betont Erster Bürgermeister Jürgen Odszuck – und den brauche man, wenn man die Verkehrswende vorantreiben wolle. „Jeder Standort wird Widerstände auslösen“, prognostiziert RNV-Geschäftsführer Martin in der Beek und befürchtet, „dass wir in fünf oder zehn Jahren wieder hier sitzen und immer noch keinen Betriebshof haben.

Heidelbergs Betriebshof-Dilemma: ÖPNV schnell ausbauen oder Grünflächen schützen?

Im Grunde“, fasst Moderator Michael Lobeck das Dilemma zusammen, „geht es um das Thema Zeit: Die eine Seite will angesichts des Klimawandels Grünflächen erhalten, während die andere eine schnelle Lösung für einen völlig veralteten Betriebshof sucht.“ 

Ein Neubau am aktuellen Standort sei schon deshalb nicht mehr möglich, weil die Ausweichkapazitäten fehlten, erklärt in der Beek: „Wir bauen in Mannheim auch gerade einen Betriebshof um und haben dort keinen Platz mehr für die Abstellung.“ Mit Blick auf den Klimaschutz ist „der Ausbau unseres leistungsfähigen ÖPNV viel mehr wert, als 100 Bäume auf der Ochsenkopfwiese“, ergänzt Odszuck.

Bei der Stadt ist laut Odszuck keiner davon begeistert, die Ochsenkopfwiese zu bebauen – aber in der Gesamtschau aller Argumente (Mikroklima, globaler Klimaschutz, Verkehrswende) sei die Verlagerung der richtige Schritt. Zudem könne man Bergheim mit einem Stadtpark und bezahlbarem Wohnraum am Altstandort zusätzlich aufwerten. 

An einem bestehenden Standort einen Betriebshof umzubauen sei in Deutschland Standard, entgegnet Weber: „Die wenigsten Städte haben die große Chance, auf die grüne Wiese zu gehen.“ Neben der Ochsenkopfwiese wären für das Bündnis auch andere Standorte denkbar, etwa der Recyclinghof oder das Airfield, fügt Dr. Rainer Zawatzky hinzu. Dort wäre die Fläche zumindest schon versiegelt. „Jetzt geben wir 20 Millionen Euro extra dafür aus, dass wir eine Grünfläche versiegeln, um dann eine Grünfläche drauf zu machen“, kritisiert Zawatzky. 

Gerade, wenn man daran denke, dass Heidelberg mit dem Patrick-Henry-Village einen weiteren Stadtteil an das Netz anbinden müsse, sollte „die Bahn schon da sein, wenn die ersten Bewohner einziehen“, findet Zawatzky.

Verlagerung des Betriebshofs auf die Ochsenkopfwiese: Das spricht laut Stadt Heidelberg und RNV dafür

Die Wichtigkeit der Verlagerung für Stadt und RNV zeigt sich schon daran, dass mit Oberbürgermeister Prof. Dr. Eckart Würzner, RNV-Geschäftsführer Martin in der Beek, Erstem Bürgermeister Jürgen Odszuck und Umweltbürgermeister Wolfgang Erichson gleich vier Vertreter die Bühne betreten, um in jeweils knapp fünf Minuten für einen Betriebshof-Neubau auf der Ochsenkopfwiese zu werben.

Die Argumente pro Verlagerung sind bekannt: Auch aus Klimaschutzgründen gelte es in Heidelberg, den ÖPNV zu stärken, so Oberbürgermeister Prof. Dr. Würzner. Angesichts von rund 63.000 Einpendlern pro Tag müsse man mehr Menschen zum Umstieg auf Straßenbahn und Bus bewegen. Heidelberg arbeite mit dem Ausbau des Straßenbahnnetzes schon stark daran, aber „der jetzige Betriebshof (in der Bergheimer Straße) schafft es noch nicht mal, das aktuelle Netz abzudecken“, sagt das Stadtoberhaupt.

Es brauche einen zentral gelegenen Betriebshof, um bei Störungen flexibel und schnell reagieren zu können, ergänzt Martin in der Beek. In Zeiten der Verkehrswende reiche der aktuelle Betriebshof für moderne Straßenbahnzüge von 30 und 40 Metern Länge sowie 2,40 Meter Breite nicht mehr aus – schon jetzt könnten die Tore nachts nicht geschlossen werden, wenn die Bahnen in der Halle abgestellt werden. Auf dem Großen Ochsenkopf werde man 46 Bahnen und auch einige Busse unterbringen können. Mit dem begrünten Dach wolle man die Fläche den Bürgern zurückgeben, sagt in der Beek.

Als „Klotz am Bein der Stadtentwicklung“ bezeichnet Erster Bürgermeister Jürgen Odszuck den Betriebshof an der Bergheimer Straße, der mit 25.000 Quadratmetern die „größte Hitzeinsel in Bergheim“ sei. Mit 50 Prozent bezahlbarem Wohnraum und 50 Prozent für einen grünen, innerstädtischen Stadtpark auf dem Areal wolle die Stadt Lebensraum in Bergheim schaffen.

Der Vortrag von Stadt und RNV im Video:

Auf die Ergebnisse des Klimagutachtens geht Umweltbürgermeister Wolfgang Erichson ein. Die Verlagerung des Betriebshofs werde klimatologische Auswirkungen für beide Standorte haben: Zwar würden die Temperaturen auf der Fläche am Großen Ochsenkopf und an direkt angrenzenden Gebieten ansteigen, Wohnbebauung im Umfeld sei dem Gutachten zufolge davon aber nicht betroffen. Eine Verbesserung der Wärmebelastung habe eine Verlagerung allerdings für Bergheim-Mitte zur Folge: In der Nacht würden die Temperaturen in der Umgebung des geplanten Stadtparks um 1,4 Grad sinken, tagsüber sogar um zwei Grad. Laut Gutachten sind die „positiven Effekte am Altstandort ausreichend, um negative Effekte am neuen Standort zu kompensieren“. Fazit des Vortrags: Im gesamten Stadtgebiet gibt es keinen ähnlich geeigneten Standort, wie die Wiese am Großen Ochsenkopf.  

Oberbürgermeister Würzner verweist in seinem Schlusswort darauf, dass der Gemeinderat nach Abwägung aller Argumente Ende 2018 entschieden hat, den RNV-Betriebshof auf der Ochsenkopfwiese als „geeigneten und sinnvollen Standort“ neu zu bauen.  

Verlagerung des Betriebshofs auf die Ochsenkopfwiese in Heidelberg: Das spricht laut Bündnis dagegen

Für das Bündnis für Bürgerentscheid Klimaschutz sprechen Dr. Rainer Zawatzky und Karin Weber. Zawatzky erinnert daran, dass das Klimaschutzgutachten von 2015 die Ochsenkopfwiese als „Leitbahn des Neckartälers und Ausgleichsraum mit sehr hoher Kaltlieferung als wichtig für den Luftaustausch mit klimatisch stark belasteten städtischen Räumen“ einstuft: „Solche Flächen machen gerade mal drei Prozent des gesamten Stadtgebiets aus“, sagt Zawatzky. 

Heidelberg sei neben Freiburg die wärmste Stadt Deutschlands, deshalb sei Grünflächenerhalt „Klimaschutz mit Sofortwirkung“. Daneben sei die Ochsenkopfwiese auch ein botanisches Kleinod mit über 200 Pflanzenarten, ein Naherholungsgebiet mit über 100 hohen Bäumen, ein Naturerfahrungsraum, in dem Kinder spielen und Menschen Gärtnern können. Deshalb sollte der Flächennutzungsplan geändert und die Wiese als Grünfläche geschützt werden.  

Ein Betriebshof auf der Ochsenkopfwiese ist „nicht zukunftsfähig“, findet Karin Weber. Schon jetzt könnten nicht alle Busse abgestellt werden, eine wachsende Busflotte würde mittelfristig einen separaten Busbetriebshof nötig machen. Mittelfristig müssten 50 Busse zur Wartung nach Mannheim überführt werden – die Mehrkilometer würden die Betriebskosten erhöhen und seien klimaschädlich. 

Auch das begrünte Dach des neuen Betriebshofs könne die Ochsenkopfwiese qualitativ nur begrenzt ausgleichen, zudem „rechtfertigen die Kosten von 20 Millionen Euro diese Ersatzmaßnahme nicht“, kritisiert Weber. Ebenso unklar sei die Finanzierung der 140 großen Wohnungen für Familien, die als bezahlbarer Wohnraum am Altstandort entstehen sollen. 

Der Vortrag des Bündnis für Bürgerentscheid Klimaschutz Heidelberg im Video: 

Der Bürgerentscheid gefährde zudem die Kreativwirtschaft in Bergheim nicht. Die Entscheidung über die Alte Feuerwache sei längst gefallen, sagt Weber. Zwar gebe es eine Standortzusage für Bergheim, aber explizit nicht für das Dezernat 16, wo die Nutzungsdauer auf 2023 begrenzt sei.  

„Insgesamt“, bilanziert Weber, „gibt es im Stadtgebiet keinen Mangel an Flächen für Wohnen und Gewerbe.“ Alleine auf den Konversionsflächen stünden fast 300 Hektar zur Verfügung. Auch der Weggang der Heidelberger Druckmaschinen würde in Bergheim Möglichkeiten eröffnen. Dem Bündnis sei es wichtig, den nächsten Generationen „eine lebenswerte Stadt mit erträglichem Klima und ausreichend Grünflächen zu übergeben“, resümiert Weber: „Grünflächenschutz ist wirksamer Klimaschutz.

Heidelberg: Bürgerentscheid zur Verlagerung des RNV-Betriebshof am 21. Juli

Der Bürgerentscheid über die Verlagerung des RNV-Betriebshof auf die Ochsenkopfwiese wird am 21. Juli durchgeführt. 

Dabei werden Bürger über folgende Frage abstimmen: „Sind Sie dafür, dass auf den gegenwärtig als Grünflächen genutzten Bereichen des Großen Ochsenkopfes kein RNV-Betriebshof gebaut wird?“ Wer mit „Nein“ stimmt, votiert also für eine Verlagerung des Betriebshofs auf den Ochsenkopf. Wer gegen eine Verlagerung an den Großen Ochsenkopf ist, stimmt mit „Ja“. 

Die Mehrheit entscheidet über die Frage, muss aber ein Quorum von 20 Prozent erreichen – in Heidelberg sind das über 20.000 Stimmen. Sollte kein Quorum erreicht werden, muss der Gemeinderat über die Frage entscheiden.    

Weitere Infos unter:

Übersichtsseite der Stadt Heidelberg zum Bürgerentscheid

Übersichtsseite der RNV zum Bürgerentscheid

Übersichtsseite vom Bündnis für Bürgernetscheid Klimaschutz Heidelberg

rmx

Quelle: Heidelberg24

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