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Amoklauf in Heidelberg: Fake-News zum Täter (†18) – Polizei will Tweets löschen

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Von: Daniel Hagen

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Heidelberg - Als erste Meldungen zum Amoklauf veröffentlicht werden, spielen die sozialen Medien verrückt. User verbreiten Fake-News über den Täter. Diese sollen gelöscht werden:

Update vom 27. Januar: Wie bei Amokläufen in der Vergangenheit ranken sich auch beim Heidelberger Attentat falsche Behauptungen um den mutmaßlichen Schützen. Gegen die schlimmsten Entgleisungen geht die Polizei jetzt vor: „Wir haben uns in sieben Fällen wegen Fake News um den Täter an Twitter gewandt, um die Löschung von Meldungen zu veranlassen“, sagte Polizeisprecher Patrick Knapp der dpa in Mannheim. Gründe waren nicht belegte Aussagen zu Identität, Herkunft, politischer Orientierung oder Impfstatus des mutmaßlichen Attentäters. Dabei waren drei unschuldige Männer ins Fadenkreuz geraten.

Geschädigten rät Knapp, ihren Fall beim Polizeirevier vor Ort anzuzeigen. Die Polizei, die selbst Facebook und Twitter bedient, habe Möglichkeiten, bei diskriminierenden oder falschen Meldungen reagieren zu können. Zum 18-jährigen Täter verdichten sich indes Hinweise, dass er schwer psychisch erkrankt gewesen sein könnte.

Amoklauf in Heidelberg: Fake-News zum Täter (†18) erschweren Polizeiarbeit

Erstmeldung vom 25. Januar: Während am Montagnachmittag (24. Januar) Fassungslosigkeit über den Amoklauf an der Universität in Heidelberg herrscht, verbreiten sich die Nachrichten der Tat in Windeseile auch über die sozialen Medien. Einige nutzen diese dazu, ihre Betroffenheit und Solidarität mit den Opfern und deren Angehörigen zu bekunden. Andere – im Internetjargon als „Trolle“ bezeichnet – nutzen die Situation, um Fake-News und Chaos zu verbreiten. Die Falschmeldungen gehen sogar so weit, dass ein Schauspieler Hassmeldungen erhält und ausländische Medien einen völlig Unbeteiligten als mutmaßlichen Amokläufer bezeichnen.

„Social Media ist eine tolle Errungenschaft der Neuzeit, aber es ist für unsere Lagen, insbesondere in solchen Lagen, extremst schwierig gegenzuhalten“, sagt Polizeipräsident Siegfried Kollmar bei einer Pressekonferenz am Abend nach dem Amoklauf. Dabei bezieht er sich auf die Fälle, in denen völlig unbeteiligte Personen zum Beispiel auf Twitter als Attentäter bezeichnet werden. Einer der Beschuldigten will sogar juristisch dagegen vorgehen.

StadtHeidelberg (Baden-Württemberg)
Bevölkerung161.485 (Stand: 31. Dezember 2020)
Fläche108,84 km²
OberbürgermeisterProf. Dr. Eckart Würzner (parteilos)

Heidelberg: Schauspieler wird als Amokläufer bezeichnet und angefeindet

Es handelt sich um Schauspieler Tobias L., von dem es im Internet auch Bilder gibt, in denen er eine Waffe in der Hand hält. Aus bislang unbekanntem Grund bezeichnet ihn ein Twitter-User als Amokläufer von Heidelberg und postet dazu ein Bild, das den Schauspieler in Tarnuniform und mit Waffe zeigt. „Als Motivation für seine Tat gab er an, dass er als radikaler Veganer das Leid der Tiere rächen wollte, aber auch eine starke Abneigung gegenüber Studenten besäße“, schreibt der Twitter-User.

Der mittlerweile gelöschte Beitrag wird mehrfach geteilt und verbreitet sich in den sozialen Medien. Tobias L. erhält irgendwann Nachrichten und Beschimpfungen, weil Leute wirklich glauben, dass er der Attentäter sei. Daraufhin sieht sich der Schauspieler gezwungen, auf Instagram ein Video mit einer Gegendarstellung zu veröffentlichen. Etwa zu dieser Zeit wird auch langsam bekannt, dass der wahre Täter sich das Leben genommen hat. Besonders verheerend: ausländische Medien wie „Radio Sarajevo“ berichten darüber, dass Tobias L. wirklich der Mörder sei!

Heidelberg: „Hater“ machen „Drachenlord“ zum Amokläufer – erneut!

Der Vorfall erinnert an die Causa Rainer Winkler, im Internet besser als „Drachenlord“ bekannt. Dieser wird seit vielen Jahren aufgrund seiner Videos und Wutausbrüche von „Hatern“ ins Visier genommen. Diese belagern sein Haus, zerstören sein Eigentum und terrorisieren ihn auch online. Einige dieser Menschen haben sogar das Ziel, den „Drachenlord“ in den Selbstmord zu treiben. Als im Oktober 2021 ein Amoklauf in Norwegen stattfindet, machen sich ein paar der „Hater“ den Spaß, „Rainer Winklarsson“ als den Amokläufer zu bezeichnen. Auch in diesem Fall berichten ausländische Medien darüber und ahnen nicht, dass sie gerade auf Fake-News hereingefallen sind.

Prozess gegen Youtuber "Drachenlord"
Der „Drachenlord“ alias Rainer Winkler wird als Amokläufer von Heidelberg bezeichnet. (Symbolfoto) © Daniel Karmann/dpa

Auch kurz nach dem Amoklauf in Heidelberg verbreitet sich auf Twitter die Nachricht, dass der „Drachenlord“ der Täter sein soll. Sein Bild wird unter Hashtags wie „heidelberg“, „amoklauf“ oder „prayforheidelberg“ geteilt. Wer die Geschichte über den „Drachenlord“ nicht kennt und in den sozialen Medien zufällig auf eines der Bilder stößt, könnte wirklich glauben, dass es sie hier um den Amokläufer handelt.

Heidelberg: ntv-Überschrift bearbeitet und verbreitet

Neben diesen beiden Beispielen gibt es noch weitere Personen, die laut Twitter-Usern den Amoklauf in Heidelberg begangen haben sollen – keiner davon ist aber der wahre Täter. Über diesen hat die Polizei bislang keine Informationen herausgegeben und wird dies aufgrund der Persönlichkeitsrechte auch nicht tun. Wie so oft heißt es bei solchen nicht sofort erkennbaren Fake-News also erstmal ordentlich die Quellen checken, bevor man einen Beitrag teilt und damit zur Verbreitung beiträgt.

Das gilt übrigens auch bei vermeintlich seriösen Quellen wie ntv. Nach dem Amoklauf in Heidelberg ist auf Twitter ein Screenshot geteilt worden, der folgende Überschrift trägt: „Amokläufer in Heidelberg war wohl ungeimpft!“. Doch hierbei handelt es sich um ein bearbeitetes Bild, in dem das Wort „ungeimpft“ nachträglich eingeführt worden ist. Das Bild wird auch auf Telegram geteilt und dort als Beweis genommen, dass die Tat nur inszeniert sei, um Ungeimpfte als Verbrecher darzustellen. (dh)

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