Tierversuche ohne Genehmigung?

„Kein Tier hat das verdient“: Diskussion über Forschung am DKFZ

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Eine Ärztin führte Versuche mit Mäusen durch. Nun wird ermittelt, ob sie dafür eine Genehmigung hatte. (Symbolfoto)

Heidelberg - Eine Forscherin führt am Deutschen Krebsforschungszentrum Versuche mit Mäusen durch. Weil die so wohl nicht genehmigt waren, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft: 

UPDATE: 29. Januar, 12:15 Uhr

Die nicht genehmigten Versuche am DKFZ-Heidelberg sind ein weiteres Beispiel für ein System voller unzugänglicher Kontrollen“, sagt Anne Meinert von PETA Deutschland. In der Vergangenheit habe es Fälle in illegalen Tierversuchlabors gegeben, in denen es keine juristischen Konsequenzen gegeben hätte! Die Dunkelziffer solcher Missstände sei wohl weit höher. 

PETA äußert sich zu Tierversuchen

Es sei zudem empörend, dass das DKFZ den Vorfall nun nutze, um mehr Spielraum bei Experimenten zu erhalten. Der Genehmigungsprozess sei sowieso nur eine rein bürokratische Hürde, bei der Tierschutzvertreter in der Ethikkommission nur Berater seien. 

Kein Tier hat es verdient, Tumore implantiert zu bekommen und den schmerzhaften Krankheitsverlauf einer Krebserkrankung erleiden zu müssen“, erklärt Meinert. Bei der Krebserforschung an Mäusen würde zudem keine Relevanten Ergebnisse für Menschen herauskommen. Das belege eine Studie, laut der 93 Prozent dieser Medikamente beim Einsatz am Menschen scheitern würden!

Die PETA fordert, dass aufgedeckte Missstände juristisch geahndet werden und die Entwicklung tierfreier Testmethoden gefördert werden müssen.

Tierschutz-Verein erhebt schwere Vorwürfe gegen Ärztin

Seit Jahrzehnten werden Versuche an Tieren durchgeführt – so auch am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Vor allem Mäuse eigenen sich dafür sehr gut, da ihre Organismen denen des Menschen ähnlich sind. Dabei wurde schon immer der medizinische Nutzen über das Leben der Tiere gestellt. Auch weil der Nutzen für Patienten meist sehr groß ist.

Doch um Tierversuche durchzuführen, ist eine strenge Einhaltung von Regeln gefordert. An die soll sich eine Ärztin am DKFZ nicht gehalten haben – behaupten der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“! Denen ist eine Publikation der Ärztin in die Hände gekommen, in der sie über eine Virentherapie für das bösartige Ewin-Sarkom schreibt. Eine Krebsform, die vor allem Kinder befällt!

War das Projekt illegal?

Die Tierschützer zeigen die Forscherin daraufhin bei der Staatsanwaltschaft Heidelberg an. Die ermittelt nun und muss prüfen, ob es sich hier um eine Straftat oder eine Ordnungswidrigkeit handelt. Nach Ansicht der „Ärzte gegen Tierversuche“ sei das Projekt illegal und nur die Spitze des Eisbergs. 

Bei den Experimenten seien Mäuse qualvoll an Tumoren eingegangen – und das alles ohne einen Antrag auf Genehmigung! „Da hat das Kontrollsystem komplett versagt“, sagt Vereinsvize Corina Gericke. Die Ärztin habe einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetzt begangen.

Zeiten nicht eingehalten

Die DKFZ räumt ein, dass die Forscher den Versuchszeitrahmen um sechs Wochen überschritten hätten – erlaubt waren fünf Jahre. Zudem hätten sie eine andere Tumorzelllinie genutzt, als geplant gewesen sei und einige Mäuse auch zu spät eingeschläfert! An Tumoren sei aber keines der Tiere gestorben.

Zudem habe das Team selbstverständlich einen Antrag gestellt, in dessen Rahmen sie sich zu Bewegen wähnten. Das Regierungspräsidium Karlsruhe prüft nun, ob die Genehmigung unter diesen Umständen verwirkt ist.

Auch die Staatsanwaltschaft prüft nun die Umstände. Sollte es sich um eine Ordnungswidrigkeit handeln, wäre ein Bußgeld erforderlich. Im Falle einer Straftat könnte aber eine Strafe bis zu drei Jahren Haft möglich sein! Corina Gericke fordert die volle Härte des Gesetzes. „Das darf kein Kavaliersdelikt sein.“

Diskussion ausgelöst

Der Fall hat unterdessen zu einer erneuten Diskussion um Tierversuche geführt. Laut Andreas Trumpp, Leiter des Heidelberger Instituts für Stammzelltechnologie und Experimentelle Medizin am DKFZ, seien die Versuche unverzichtbar. 

Wer anders denke, verhöhne Millionen von Patienten, denen dadurch geholfen worden sei. „Solche Äußerungen sind menschenverachtend und widersprechen dem hippokratischen Eid“, erklärt Trumpp.

Tierärztin Gericke hält dagegen und spricht sich für so genannte Multiorganchips aus. Die bestehen aus menschlichen Stammzellen gezüchteter Miniorgane, die sogar einen Blutkreislauf haben. An ihnen könne man besser forschen als an Tieren!

Mehr Rechte bei Tierversuchen?

Doch noch immer fließen mehr als 99 Prozent der staatlichen Förderung in die Tierversuchforschung und nur weniger als ein Prozent in tierversuchsfreie Methoden“, sagt Gericke. 

Andreas Trumpp setzt sich für mehr Spielraum in der Tierforschung ein. Bislang müsse schon beim Antrag der Zeitplan für die nächsten fünf Jahre minuzös erklärt werden: welche Eingriffe werden durchgeführt, wie viel Blut wird entnommen und wann wird das Tier eingeschläfert? Bei einer kleinen Abweichung, auch wenn sie keinen Einfluss auf die Tiere hat, werde der Versuch nicht genehmigt. 

Dem widerspricht die Landestierschutzbeauftragte Julia Stubenbord. Diese Genauigkeit sei nötig, um eine wirksame Kontrolle zu ermöglichen – schließlich gehe es um empfindungsfähige Lebewesen! Das DKFZ reagiert auf den Vorfall und startet zusätzliche Pflichtkurse zu Tierversuchen.

Wie viele Tierversuche gibt es in Deutschland?

Im Jahr 2017 wurde im ganzen Land über 2,8 Millionen Tiere für Experimente eingesetzt – und davon 738.500 getötet! Das waren mehr als im Jahr davor. Mehr als drei Viertel der Versuchstiere sind Mäuse und Ratten. Rund zehn Prozent sind Fische, gefolgt von Kaninchen und Vögeln. Der Einsatz von Hunden und Affen findet kaum noch statt.

Etwa die Hälfte der Versuche dienen der Grundlagenforschung, 15 Prozent der Erforschung von Erkrankungen. Für der Herstellung und Qualitätskontrolle von medizinischen Produkten oder für toxikologische Sicherheitsprüfungen werden 27 Prozent der Tiere genutzt.

In den Niederlanden gibt es mittlerweile einen Plan für einen Ausstieg aus den Tierversuchen bis 2025. In Deutschland gibt es noch keine solchen Überlegungen.

dpa/dh

Quelle: Heidelberg24

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