Völlig absurd

Frankenthaler Amazon-Mitarbeiter packt aus: In der Firma Abstand halten – danach zwängen sich alle in den Bus!

Frankenthal - In Zeiten der Corona-Krise gelten Kontaktverbot und die Einhaltung von einem Mindestabstand zu anderen Menschen. Doch im ÖPNV sieht das ganz anders aus:

  • Um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, werden viele Maßnahmen ergriffen.
  • Personen sollen mindestens 1,5 Meter Abstand halten, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu vermeiden.
  • In vielen Bussen ist dies aber kaum möglich, wie ein Amazon-Mitarbeiter berichtet.
  • Amazon und rnv reagieren auf die Sorgen der betroffenen Fahrgäste.

Update vom 26. März: Es fahren mehr Busse! Das bestätigt uns ein Sprecher von Amazon am Donnerstagnachmittag. „Seitens Frankenthal werden bereits ab heute mehr Busse eingesetzt, um Abstände einhalten zu können. Die rnv zieht am Montag nach. Dadurch werden wir etwa eine Verdopplung der Busse für die Mitarbeiter haben. Diesbezüglich danken wir unseren Partnern (Stadt Frankenthal und der rnv) sehr für die schnelle Umsetzung“, so der Sprecher.

Erstmeldung vom 24. März: Den Kontakt zu anderen Menschen meiden, keine Hände schütteln und mindestens 1,5 Meter Abstand zueinander wahren – das sind nur drei der vielen neuen Regelungen, die die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen sollen. Schaut man auf öffentliche Plätze und Straßen, hat es den Anschein, als würden diese wichtigen Maßnahmen auch eingehalten werden. Allerdings gibt es eine große Ausnahme: Die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. 

Wie mehrere Leser berichten, sind Busse zur Zeit extrem überfüllt. Die Menschen stehen teilweise eng aneinander gedrückt im Fahrzeug. Der empfohlene Sicherheitsabstand von 1,5 bis 2 Metern kann so kaum eingehalten werden. Ein Amazon-Mitarbeiter schildert eine nahezu absurde Situation. 

Coronavirus: Amazon-Mitarbeiter berichtet – nach der Arbeit zwängen sich 100 Menschen in einen Bus

Der Mann arbeitet bei Amazon in Frankenthal. Im Geschäft selbst halte man sich strikt an die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu vermeiden. Auch ein Amazon-Sprecher bestätigt am Dienstag auf LUDWIGSHAFEN24-Nachfrage: „Seit Beginn dieser Situation arbeiten wir eng mit den lokalen Behörden zusammen, um proaktiv tätig zu sein und sicherzustellen, dass wir weiterhin für unsere Kunden da sind und uns gleichzeitig um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern. Wir haben proaktive Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Gebäuden ergriffen, darunter eine verstärkte Reinigung in allen Standorten und Maßnahmen um den Abstand am Arbeitsplatz sicherzustellen.

Ein überfüllter Bus nach dem Schichtende bei Amazon

Allerdings: Enden die Schichten der Mitarbeiter, sind all diese Bemühungen umsonst. Denn die Angestellten, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen und gehen, zwängen sich zusammen in wenige Fahrzeuge. „Zwei kleine Busse für 100 Personen“, berichtet uns ein Amazon-Angestellter. Man stehe eng beieinander, Abstand könne man so nicht halten. Die Gefahr einer möglichen Coronavirus-Ansteckung ist groß.

Coronavirus: Viele Menschen in einem Bus – Große Angst vor Ansteckung 

Man habe richtige Panik, sich mit dem Coronavirus anzustecken, erklärt uns der Amazon-Mitarbeiter. Auch ein weiterer Zeuge schildert auf Facebook die Situation: Circa 2.000 Personen, die bei Amazon in der Tag- und Nachtschicht arbeiten, seien auf die Öffentlichen angewiesen. „Da kommen halt leider nicht viele Busse, um die Leute zu holen. Dann gehen alle in einen Bus.“ Doch wie ist das in Zeiten des Coronavirus überhaupt möglich? 

Wie uns ein Sprecher von Amazon versichert, weiß das Unternehmen um die Bus-Problematik. „Die Situation hinsichtlich der Busse ist uns bewusst und wir sind entschlossen, schnellstmöglich eine Lösung zu finden. Dahingehend stehen wir in intensiven Kontakt mit den zuständigen Stellen der rnv und der Stadt Frankenthal, um zusätzliche Busse für die Mitarbeiter bereitzustellen“, versichert der Sprecher und macht im Gespräch noch einmal deutlich, dass Amazon keineswegs mit der aktuellen Situation zufrieden ist. Zusätzliche Kosten würde das Unternehmen übernehmen. 

Die Stadt Frankenthal nimmt zu dieser Problematik ebenfalls Stellung – allerdings nur kurz. Auf Nachfrage heißt es: „Die Situation ist uns bereits bekannt und wir arbeiten bereits an einer Lösung, dass eine Entzerrung stattfinden kann.“ 

Coronavirus: Volle Busse und Angst vor Ansteckung – Plan von Ministerium geht nicht auf

Auch die rnv hat von den überfüllten Bussen erfahren, da dieses Problem nicht nur die Amazon-Mitarbeiter betrifft, sondern auch viele Reisende in der gesamten Metropolregion Rhein - Neckar. Erst seit Montag fahren Bus und Straßenbahn nach einem Sonderfahrplan, um auf die Schulschließungen und die vielen Home-Office-Arbeiter zu reagieren. Dadurch fallen einige Fahrten aus und ab 22 Uhr geht vonseiten der Öffentlichen sogar überhaupt nichts mehr. Die rnv richtet sich mit dieser Maßnahme nach der Vorgabe des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg. In einem offiziellen Schreiben in Bezug auf das Coronavirus heißt es: „Wichtig ist die Aufforderung, nach Möglichkeit ausreichend Distanz von 1,5 Metern zu den Mitreisenden zu halten. Dazu werden die Fahrgäste aufgefordert, auf nicht erforderliche Fahrten zu verzichten und Stoßzeiten nach Möglichkeit zu meiden. Aufgrund der aktuell beobachteten Auslastung in den Fahrzeugen auch während der Stoßzeiten erscheint dies realistisch umsetzbar.“ Aber: Die Realität sieht anders aus! 

Coronavirus: Angst vor Ansteckung – rnv will Bus-Problem schnellstmöglich beheben

Diese Tatsache stellt die rnv jedoch erneut vor ein gewaltiges Problem. Wie ein Sprecher auf Nachfrage mitteilt, habe das Unternehmen in sehr kurzer Zeit einen Sonderfahrplan auf die Beine stellen müssen, der allen gerecht werden müsse. „Aufgrund der extrem kurzen Vorlaufzeit war das leider noch nicht überall möglich. Wir haben jetzt aufgrund von Rückmeldungen festgestellt, dass wir an einigen Stellen noch nachbessern müssen und ganz grundsätzlich in den Abendstunden länger fahren sollten. Dies werden wir jetzt schnellstmöglich umzusetzen. Solche massiven Fahrplanänderungen sind aber keineswegs trivial und für unsere Planer und unseren Fahrbetrieb eine echte Herkulesaufgabe.“

Die rnv muss also erneut einen neuen Fahrplan aufstellen – dass dies nicht von heute auf morgen geschieht, liegt auf der Hand. Dennoch: Das Unternehmen zeigt sich sehr bemüht. Man hoffe, dass bereits am Mittwoch oder Donnerstag ein neuer Fahrplan erstellt werden kann.  

Volle Busse in Zeiten von Coronavirus – rnv will schnellstmöglich handeln

Die rnv hat bereits erste „Sofortmaßnahmen“ ergriffen, die seit Dienstagmorgen greifen. „Gegen Ende der Woche möchten wir auch den Betrieb unserer Bahnen umstellen und gewährleisten, dass wir noch bis etwa 23 Uhr eine Verbindung zwischen den Zentren und dem Stadtteilen bzw. dem Umland anbieten“, verspricht der rnv-Sprecher. Aber es gibt noch weitere Hindernisse, die überwunden werden müssen. So komme es aktuell durch den Stundentakt der S-Bahn stoßweise zu einem großen Fahrgastaufkommen. „Hier reagieren wir mit einzelnen Zusatzfahrten, um dies abzufangen“, so der Sprecher. Abschließend appelliert er aber auch nochmal an alle Fahrgäste: Man solle doch nur aus dem Haus gehen und den ÖPNV nutzen, wenn dies unbedingt sein muss.

jol

Rubriklistenbild: © picture alliance / Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

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