Kritiker befürchten Eingriff in Privatsphäre 

Corona-App soll Pandemie stoppen – so funktioniert sie! 

Regierungen ergreifen immer drastischere Maßnahmen, um die Coronavirus-Pandemie einzudämmen. Dazu gehört auch die sogenannte Corona-App. Kritiker jedoch sehen einen massiven Eingriff in die Privatsphäre.

  • Europäische Regierungen ergreifen drastische Maßnahmen, um die Coronavirus-Pandemie einzudämmen.
  • Ausgangssperren, Reisebeschränkungen und Schulschließungen verändern den Alltag vieler Deutscher.
  • Jetzt soll eine Smartphone-App Abhilfe schaffen und die Ermittlung von Kontaktpersonen erleichtern.
  • Kritiker befürchten einen massiven Eingriff in die Privatsphäre.
Weltweit scheuen Regierungen keine Mühen und Kosten, um die Coronavirus-Pandemie einzudämmen. Von Ausgangssperren und Kontaktverboten bis hin zu Reisebeschränkungen und Schulschließungen greifen die aktuellen Regelungen massiv in den Alltag und in die Grundrechte der Bürger ein. In Deutschland erfreuen sich diese Maßnahmen bisher großer Akzeptanz, doch eine dauerhafte Lösung sieht anders aus. Ein nächster Schritt in Richtung Normalität könnte eine sogenannte Tracking-App für das Smartphone sein. Mit einer solchen Corona-App könnten Kontaktpersonen schneller und zuverlässiger ermittelt werden und Ausgangssperren somit obsolet werden. Datenschützer befürchten allerdings, dass die Corona-App missbräuchlich verwendet werden könnte und sie der erste Schritt auf dem Weg zum „gläsernen Bürger“ ist.

Coronavirus: Wie funktioniert die Tracking-App?

Die neue Corona-App soll anhand von Tracking (engl.: Verfolgung) die Coronavirus-Ausbreitung eindämmen. Nutzer werden nachträglich darüber informieren, wenn sie sich in den vergangenen Tagen in der Nähe eines bestätigten Corona-Infizierten aufgehalten haben. Dafür nutzt die Corona-App die Bluetooth-Technologie in Smartphones und registriert so alle Personen in einem Radius von rund 10 Metern, die ebenfalls die Corona-App aktiviert haben. Sobald eine Person positiv auf das Coronavirus getestet wird, werden alle Personen kontaktiert, die sich in den vergangenen 21 Tagen in der Nähe des Infizierten aufgehalten haben. 

Corona-Tracking: So funktioniert die App.

Wer die infizierte Person ist und wo man ihr begegnete, teilt die App allerdings nicht mit, denn das würde gegen europäische Datenschutzrichtlinien verstoßen. Sobald Nutzer erfahren, dass sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben, können sie sich sofort in Quarantäne begeben und ihren Hausarzt oder das Gesundheitsamt zur Klärung der weiteren Schritte kontaktieren.

Coronavirus-App: Wer entwickelt die App?

Die Corona-App ist durch und durch ein europäisches Gemeinschaftsprojekt. Wissenschaftler, Programmierer und Datenschutzrechtler aus den EU-Staaten arbeiten gemeinsam an der Entwicklung einer funktionalen aber auch datenschutzkonformen App. Derzeit sind es knapp 130 Mitarbeiter aus 17 europäischen Institutionen, Organisationen und Firmen, die auf Hochtouren an der App arbeiten. Das Konzept hinter der App heißt PEPP-PT und steht für „Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing“. Die App soll im gesamten europäischen Raum genutzt werden, da eine flächendeckende Nutzung entscheidend für den Erfolg ist.

So funktioniert das Konzept der Corona-App.

Corona-App: Was soll mit der App bezweckt werden?

Grundsätzlich soll die Corona-App die Suche nach Kontaktpersonen von Infizierten erleichtern und beschleunigen. Momentan müssen die Gesundheitsämter Kontaktpersonen durch langwierigen Interviews ermitteln. Bestätigte Covid-19-Infizierte werden befragt, wo sie sich in den letzten 21 Tagen aufgehalten haben und zu wem sie in dieser Zeit Kontakt hatten. Dazu zählen selbstverständlich auch die Sitznachbarin im Bus oder der Kassierer im Supermarkt, dessen Namen man oftmals nicht kennt. Der Infizierte muss sich also an jede Person erinnern und das Gesundheitsamt muss dann jede Person ausfindig machen. Logischerweise dauert das alles seine Zeit und es kommt zu großen Lücken, da Kontakte vergessen werden und man viele Personen schlichtweg nicht kennt. Im schlimmsten Fall können Infektionsketten dann nicht mehr nachvollzogen werden und das Coronavirus kann sich ungehindert ausbreiten.

Mit der App soll genau das verhindert werden. Dadurch, dass Bluetooth genutzt wird, registriert die App alle Nutzer in einem 10 Meter Radius und speichert diese auf dem Smartphone ab. Wenn sich innerhalb von 21 Tagen eine dieser Personen nachweislich infiziert, werden alle Kontaktpersonen sofort informiert. So wird wertvolle Zeit gespart und es werden keine Personen vergessen. Allerdings setzt das voraus, dass möglichst viele diese App tatsächlich benutzen.

Coronavirus-App: Muss ich die App benutzen?

Die Corona-App beruht zunächst auf Freiwilligkeit. Keiner wird gezwungen die App zu nutzen, jedoch erhoffen sich Politiker eine breite Annahme in der Bevölkerung. Schätzungen zufolge würden knapp 47 % aller wahlberechtigten Bürger in Deutschland eine solche App benutzen. In anderen Ländern, wie China und Russland, wurden ähnliche Apps eingeführt, die auch ohne Einverständnis ihrer Bürger Daten aufzeichnen. In China wird die App durchaus als erfolgreiche Maßnahme gegen die Ausbreitung des Coronavirus eingestuft. In demokratischen Rechtsstaaten, wie in Deutschland, ist das so allerdings nicht so einfach möglich. 

Kann die Corona-App die Pandemie stoppen?

Deshalb beharren Kritiker stets auf der Freiwilligkeit, der Anonymität und der dezentralen Speicherung der Daten. So sollen weder Namen noch Standortdaten oder andere Details zentral gespeichert werden. Immerhin werden empfindliche Gesundheitsdaten verarbeitet, die Nutzer unter normalen Umständen nicht einfach so preisgeben würden. Unter einer dezentralen Speicherung von Daten versteht man, dass Informationen nur auf den jeweiligen Smartphones gespeichert werden und nicht gebündelt auf den Servern einer Institution oder Organisation.

Coronavirus-App: Heiligt der Zweck jedes Mittel? Kritik an Tracking-App

Gesundheitsminister Jens Spahn war in den vergangenen Wochen in die Kritik geraten, weil er vorschlug die Handy-Standortdaten von Infizierten auszuwerten. Dies gehe aber zu weit, beanstandeten Datenschützer, und sei ein zu massiver Eingriff in die Privatsphäre. Auch bei der neuen Tracking-App gibt es legitime Kritikpunkte und Bedenken. So befürchten Experten, wie Felix Maschewski, dass die Corona-App der erste Schritt auf dem Weg zum „gläsernen Bürger“ sei. Nach der Coronavirus-Pandemie bestünde die Gefahr, dass die Regierung solche Tracking-Apps weiterhin benutzen würden, um Bürger zu überwachen.

Coronavirus-App: So geht es weiter

Nach Angaben des Fraunhofer Instituts könnte die Corona-App innerhalb Tage oder weniger Wochen einsatzbereit sein. Wenn die App dann tatsächlich auf Freiwilligkeit basiert, Daten dezentral speichert und Anonymität gewährleistet, könnte sie in Deutschland auch direkt benutzt werden, da sie dann mit dem Datenschutzrecht vereinbar wäre. Trotzdem fordert die FDP eine „Unbedenklichkeitserklärung“ des Bundesdatenschützers, der prüfen soll, ob dies auch der Fall sei. Die Corona-App wird besonders von Wirtschaftsverbänden propagiert, da sie sich erhoffen, dass Arbeitnehmer dann früher wieder zur Arbeit gehen können.

mw

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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