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BASF-Unglück in LU-Oppau: 561 Tote, 2.000 Verletzte – Chronik der Katastrophe

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Von: Peter Kiefer

Ludwigshafen – Vor genau 100 Jahren ereignete sich in Oppau das wohl schlimmste Chemie-Unglück auf deutschem Boden überhaupt. Ein Gänsehaut-Rückblick auf den 21. September 1921:

Update vom 21. September: Heute jährt sich das Explosionsunglück im Oppauer Werk der BASF zum 100. Mal. Vertreter von BASF und der Stadt Ludwigshafen gedachten gemeinsam der Opfer der Explosionskatastrophe vom 21. September 1921. Insgesamt haben drei Veranstaltungen an den Mahnmalen auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof, dem Oppauer und dem Edigheimer Friedhof stattgefunden.

Dr. Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender der BASF SE, Dr. Melanie Maas-Brunner, Vorstandsmitglied und Standortleiterin Ludwigshafen der BASF SE, und Prof. Dr. Cornelia Reifenberg, Bürgermeisterin Stadt Ludwigshafen (von rechts) auf der Gedenkfeier auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof.
Dr. Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender der BASF SE, Dr. Melanie Maas-Brunner, Vorstandsmitglied und Standortleiterin Ludwigshafen der BASF SE, und Prof. Dr. Cornelia Reifenberg, Bürgermeisterin Stadt Ludwigshafen (von rechts) auf der Gedenkfeier auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof. © BASF

Das Unglück von damals, aber auch jeder andere Unfall, der sich in einem BASF- Werk ereignet, ist für uns eine eindringliche Mahnung. Eine Mahnung, dass wir in der chemischen Industrie immer mit äußerster Umsicht arbeiten müssen. Eine Mahnung, dass wir alles Erdenkliche dafür tun müssen, damit solch ein Unglück nicht wieder geschieht“, sagte Dr. Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender BASF SE.

BASF-Unglück in Ludwigshafen: 561 Tote – Die Katastrophe in Bildern

Erstmeldung vom 20. September: Um genau 7:32 Uhr stand die Welt in Ludwigshafen für einen Moment still – am 21. September 1921. Vor genau 100 Jahren. Jetzt jährt sich eine der schlimmsten Katastrophen der (deutschen) Industriegeschichte überhaupt. Im BASF-Werk in Oppau ist es bei einer geplanten Lockerungssprengung zu einer verheerenden Explosion in einem Düngemittelsilo gekommen. Die Horror-Bilanz: 561 Tote und rund 2.000 teils Schwerverletzte!

Das Ausmaß der Zerstörung ist unvorstellbar! Das betroffene Werk Oppau selbst sowie die umliegenden Gemeinden wie Edigheim gleichen einer Trümmerlandschaft. Im angrenzenden Oppau (seit 1938 Stadtteil von Ludwigshafen) steht kaum noch ein Stein auf dem anderen: 1.036 Gebäude sind vollständig zerstört, weitere 1.000 stark beschädigt, wie LUDWIGSHAFEN24* berichtet.

StadtLudwigshafen am Rhein
BundeslandRheinland-Pfalz
Einwohnerzahl172.253 (Stand: 31. Dez. 2019)
Fläche77,55 km²
OberbürgermeisterinJutta Steinruck (SPD)

Die gewaltige Druckwelle war so stark, dass selbst in Oggersheim, Frankenthal, Mannheim, Worms, Heidelberg, Darmstadt und vereinzelt sogar im über 80 Kilometer entfernten Frankfurt Glasscheiben zersprungen, Mauern an Häusern gerissen und Dächer abgedeckt worden sind. Die Erschütterungen der Explosion sind noch in der über 350 Kilometer entfernten Erdbebenwarte München registriert worden, wo der Knall laut Ohrenzeugen sogar zu hören gewesen ist. 

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BASF-Explosion vor 100 Jahren: Reichspräsident Friedrich Ebert bei Trauerfeier in Ludwigshafen

Doch was war passiert? Die beiden Explosionen hatten sich in einem Silo ereignet, in dem 4.500 Tonnen Ammonsulfatsalpeter lagerten. Der von der Badischen Anilin- und Sodafabrik entwickelte Mischdünger hatte die Eigenschaft, bei der Lagerung zusammen zu backen und hart zu werden. Vor dem Verladen wurde er deshalb mit einem Sicherheitssprengstoff gelockert. Dieser sei zuvor getestet und bereits 20.000 Mal angewendet worden, hieß es. Doch am 21. September 1921 kommt es bei einer Routinesprengung um 7:32 Uhr zur Katastrophe.

Das Archivbild von 1921 zeigt das Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe. Am 21. September 1921 explodierte in dem BASF-Werk ein Silo mit Ammonsulfatsalpeter. Bei dem Unglück starben 561 Menschen.
Das Archivbild von 1921 zeigt das Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe. Am 21. September 1921 explodierte in dem BASF-Werk ein Silo mit Ammonsulfatsalpeter. Bei dem Unglück starben 561 Menschen. © picture alliance/dpa

Zum Zeitpunkt des Unglücks im heutigen Ludwigshafener Stadtteil Oppau gehört die Pfalz zu Bayern. Das Bundesland Rheinland-Pfalz existiert noch gar nicht. Der bayerische Staat gründet das Hilfswerk Oppau, auch die Anteilnahme der Bevölkerung ist groß. Obdachlose müssen versorgt werden. Helfer teilen Tausende Paar Schuhe, Decken und Mäntel aus. Zur Beerdigung am 25. September kommt Reichspräsident Friedrich Ebert auf das von Frankreich besetzte linke Rheinufer. Der abgedankte Kaiser Wilhelm II. kondoliert aus dem niederländischen Exil.

Bis Januar 1924 waren über 2.500 Gebäude in Oppau und Edigheim wiederaufgebaut oder neu errichtet worden. Über 10.000 Bauarbeiter aus ganz Deutschland bauten die zerstörten Fabrikanlagen wieder auf, so dass nach nur elf Wochen nach dem Unglück die Ammoniakproduktion wieder aufgenommen werden konnte.

100 Jahre BASF-Unglück in Ludwigshafen: Mehrere Gedenkfeiern erinnern an Opfer

Am Explosionsort klafft ein riesiger Krater – 96 Meter breit, 165 Meter lang und 18,5 Meter tief. „Das Unglück von damals, aber auch jeder andere Unfall, der sich in einem BASF-Werk ereignet, ist für uns eine eindringliche Mahnung“, erklärt BASF-Vorstandschef Martin Brudermüller anlässlich des 100. Jahrestags. „Eine Mahnung, dass wir in der chemischen Industrie immer mit äußerster Umsicht arbeiten müssen. Eine Mahnung, dass wir alles Erdenkliche dafür tun müssen, damit solch ein Unglück nicht wieder geschieht.

Der mit Grundwasser gefüllte Sprengtrichter im Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe. Am 21. September 1921 explodierte in dem BASF-Werk ein Silo mit Ammonsulfatsalpeter.
Der mit Grundwasser gefüllte Sprengtrichter im Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe. Am 21. September 1921 explodierte in dem BASF-Werk ein Silo mit Ammonsulfatsalpeter. © picture alliance/dpa/BASF Corporate History

Am Jahrestag am 21. September will Brudermüller mehrere Gedenkstätten für die Opfer besuchen. „Das Gedenken an die Opfer des
Explosionsunglücks führt uns einmal mehr vor Augen, wie verletzbar wir sind“, mahnt auch Bürgermeisterin Prof. Cornelia Reifenberg (CDU).

Zum 100. Jahrestag am 21. September 2021 finden gleich mehrere Gedenkfeiern an den Mahnmalen in Ludwigshafen statt:

Bei den Veranstaltungen sind die zum Veranstaltungszeitpunkt gültigen Corona-Schutzregeln wie das Abstandsgebot, die Maskenpflicht sowie die Hygieneregeln zu beachten. Für die Teilnahme besteht eine Vorausbuchungspflicht unter infocorona@ludwigshafen.de

BASF-Explosion vor 100 Jahren: Wäre so eine Katastrophe heute noch möglich?

Was sich 100 Jahre nach dem Unglück viele Bürger und speziell die direkten Nachbarn des Chemie-Riesen fragen, ist, ob eine solche Katastrophe auch heutzutage noch möglich wäre? „Die damalige Lage unterscheidet sich immens von der aktuellen Situation“, erklärt ein BASF-Sprecher dazu. In internationaler Übereinkunft habe man die Mischungen von Ammonnitrat und Ammonsulfat sowie anderen ammonnitrathaltigen Düngemitteln in Sicherheitsklassen eingeteilt. Der heute in Ludwigshafen produzierte Ammonsulfatsalpeter gehöre zur sichersten Klasse. „Er ist granuliert und mit speziellen Antibackmitteln vor einer Verhärtung geschützt.“ Auch Sprengstoff zur Lockerung von ammonnitrathaltigen Düngemitteln sei längst verboten.

NameBASF SE
HauptsitzLudwigshafen am Rhein
Gründungsjahr6. April 1865
Mitarbeiter110.302 (Stand: 2020)
Umsatz59,149 Mrd. Euro (Stand: 2020)

Doch trotz verstärkter Sicherung ist der Umgang mit Chemikalien nie risikolos! Jährlich fänden in Ludwigshafen mehr als 300 Vor-Ort-Termine mit Überwachungsbehörden statt – darunter auch rund 160 angekündigte und unangekündigte Inspektionen, betont der Sprecher der BASF. „In den vergangenen zehn Jahren wurde in jedem Jahr deutlich mehr in den Standort Ludwigshafen investiert als abgeschrieben.“ Dadurch habe das Unternehmen mehr als ein Drittel des Anlagevermögens am Standort erneuert und das Werk somit sicherer gemacht. „Darüber hinaus wurden im gleichen Zeitraum insgesamt rund zehn Milliarden Euro in die Instandhaltung investiert und die Anlagen auch unter Sicherheitsaspekten an den Stand der Technik angepasst.

Zerstört ist das Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe. Am 21. September 1921 explodierte in dem BASF-Werk ein Silo mit Ammonsulfatsalpeter.
Zerstört ist das Oppauer Werk der BASF nach der Explosionskatastrophe. Am 21. September 1921 explodierte in dem BASF-Werk ein Silo mit Ammonsulfatsalpeter. © picture alliance/dpa/BASF Corporate History

Letztendlich könne niemand könne Unfälle für alle Zeit ausschließen. Die Ursachen seien jedoch stets andere, erinnert der BASF-Sprecher. „Die Unglücke unterschieden sich. Aber: Wir untersuchen alle Vorfälle bis ins Detail – um so Lehren zu ziehen und Maßnahmen zu ergreifen.“ (dpa/pek) *LUDWIGSHAFEN24 ist ein Abgebot von IPPEN.MEDIA.

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