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Amoklauf in Heidelberg: Das ist über den Tatablauf bekannt

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Von: Florian Römer

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Heidelberg - Auch einen Tag nach dem Amoklauf auf dem Uni-Campus im Neuenheimer Feld sind die Hintergründe noch unklar. Wie die Polizei den Tatablauf schildert:

Blauer Himmel, vereinzeltes Vögelgezwitscher. Um die Mittagszeit am Montag (24. Januar) strahlt die Sonne über dem Campus-Areal der Universität Heidelberg im Neuenheimer Feld. Trotzdem wird der Tag als ein trüber in die Stadtgeschichte eingehen. Denn um kurz vor 12:30 Uhr betritt ein 18-Jähriger einen Hörsaal und schießt mit zwei Gewehren mehrfach um sich. Vier der 30 anwesenden Studierenden werden verletzt. Eine 23-Jährige so schwer, dass sie am Nachmittag im Krankenhaus stirbt. Der Täter, ein deutscher Biologie-Student aus Mannheim, nimmt sich kurz nach der Tat im nahe gelegenen Botanischen Garten das Leben.

StadtHeidelberg
BundeslandBaden-Württemberg
Einwohnerzahl148.038 (31.12.2020)
OberbürgermeisterProf. Dr. Eckart Würzner (parteilos)
Studierendeca. 39.000

Seitdem steht Heidelberg unter Schockstarre. Politiker reagieren fassungslos auf den Amoklauf. Ermittler versuchen derweil fieberhaft, die Hintergründe der Tat ans Licht zu bringen. Die Wohnung des 18-Jährigen wurde durchsucht, ebenso wie Räume in seinem Elternhaus. Dabei wurde „digitales Equipment“ sichergestellt. Dieses wird nun ausgewertet. Mit Hochdruck wolle man in den kommenden Tagen das Umfeld des Täters durchleuchten, heißt es.

Amoklauf in Heidelberg: Sieben Notrufe um 12:24 Uhr ‒ Was dann passierte

Was ist aktuell über den Ablauf der unfassbaren Amoktat im Neuenheimer Feld bekannt? „Um 12:24 Uhr gingen sieben Notrufe innerhalb von 43 Sekunden beim Führungs- und Lagezentrum des Polizeipräsidiums Mannheim ein“, beginnt Polizeipräsident Siegfried Kollmar auf einer Pressekonferenz zum Amoklauf seine Schilderung der noch lückenhaften Erkenntnisse zum Tathergang. Ein Täter sei in das Hörsaalgebäude INF 360 eingedrungen und habe mehrfach mit einer Langwaffe geschossen. „Für uns war klar, dass das kein Fake-Anruf ist, sondern dass wir von einer Ernstlage ausgehen müssen“, so Kollmar.

Sechs Minuten nach den Notrufen treffen bereits drei Streifenwagen vor dem Gebäudekomplex ein, in dem das „Centre for Organismal Studies“ beheimatet ist. Weil man von einer Amoktat ausging, haben sich die Polizisten „um 12:33 Uhr ‚aufmunitioniert‘‘“, erklärt der Polizeipräsident. Heißt: Die Polizeibeamten legen ihre Helme und Schutzausrüstung an, ehe sie in das Gebäude gehen. „Um 12:43 Uhr waren sie schließlich im Hörsaal angelangt, nachdem sie zuvor andere Räume und Flure durchsucht hatten“, schildert Kollmar.

Amoklauf auf Uni-Campus: Täter um 12:51 Uhr am Botanischen Garten tot aufgefunden

Wenige Minuten danach, um 12:51 Uhr, finden Polizeikräfte die Leiche des mutmaßlichen Täters in der Nähe des Botanischen Gartens. Nach Erkenntnissen der Ermittler war der 18-Jährige nach den Schüssen aus dem Hörsaal geflüchtet und hat sich selbst erschossen. Bei ihm werden ein heller Rucksack und zwei „Langwaffen“ gefunden. Konkret handelt es sich um eine Doppelflinte und ein Repetiergewehr. In dem Rucksack werden zudem über 100 Schuss Munition gefunden.

Blumen und Kerzen am Botanischen Gartens im Neuenheimer Feld am Tag nach der Amoktat an der Uni Heidelberg.
Blumen und Kerzen am Botanischen Gartens am Tag nach der Amoktat an der Uni Heidelberg. © PR-Video/Priebe/HEIDELBERG24

Zunächst musste man klären, ob noch ein zweiter Täter in Betracht komme, der den 18-Jährigen erschossen habe. Das Gelände und weitere Gebäude wurden durchsucht. Nach Aussagen der 29 Zeugen im Hörsaal konnte man einen zweiten Täter aber ausschließen. Die Studierenden berichteten, dass nur eine Person im Hörsaal geschossen und diesen danach auch wieder verlassen habe.

Vier Verletzte in Hörsaal ‒ Studentin stirbt wenig später in Klinik

Durch die Schüsse im Hörsaal werden drei Studierende leicht verletzt. Dabei handelt es sich um zwei Frauen (19 und 21 Jahre), sowie einen 20-jährigen Mann. Sie trugen Verletzungen am Bein, Rücken und im Gesicht davon.

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Eine 23-Jährige wird durch einen Kopfschuss so schwer verletzt, dass sie gegen 16 Uhr in einer Klinik stirbt. Bis Montagabend habe man drei Patronenhülsen gefunden. Die Untersuchungen des Tatorts dauerten aber an.

18-Jähriger kündigte Amoktat im Neuenheimer Feld per WhatsApp an

Kollmar berichtet, dass der Täter ‒ selbst Biologie-Student ‒ die Tat unmittelbar vor den Schüssen per Messenger angekündigt hat: In einer WhatsApp an seinen Vater schrieb der 18-Jährige, dass „Leute jetzt bestraft werden“ müssten. Zudem erklärte der junge Mann in der Nachricht, dass er nicht auf einem Friedhof beerdigt werden wolle, sondern eine Seebestattung wünsche. Diese Erkenntnisse müssten aber „noch verifiziert“ werden, betont Kollmar. Das Mobiltelefon wurde beschlagnahmt und wird jetzt ausgewertet.

Schüsse in Heidelberger Uni-Hörsaal ‒ Hintergründe noch unklar

Über die Motivationslage des Amokläufers habe man „noch keine belastbaren Informationen“, erläutert Andreas Herrgen von der Staatsanwaltschaft Heidelberg. Derzeit werde ermittelt, ob es eine „strafrechtliche Mitverantwortung Dritter“ gebe. Nach polizeilichen Erkenntnissen hat der 18-Jährige die Waffen im Ausland gekauft. Auch in diesem Zusammenhang stelle sich laut Herrgen die Frage nach einer „Mitverantworlichkeit Dritter“. Weder der 18-jährige Täter noch seine näheren Angehörigen seien im Besitz eines Waffenscheins.

In den kommenden Tagen werde man „mit Hochdruck das Umfeld des 18-jährigen Mannheimers durchleuchten“, erklärt Kollmar. (Anmerkung der Redaktion: Mittlerweile ist bekannt, dass der 18-Jährige in Berlin-Willmersdorf aufgewachsen ist. (26. Januar)). Um eine „komplettes Bild“ zu bekommen, werde man schauen, wo der Täter in den letzten Tagen gewesen sei und alle Gesprächspartner vernehmen. Es gebe Hinweise darauf, dass beim 18-Jährigen „lange zurückliegend eine psychische Erkrankung vorgelegen“ habe.

Man werde auch der Frage nachgehen, warum er nach den Schüssen im Hörsaal nicht nachgeladen habe. Genügend Munition und Zeit dazu habe der Täter gehabt. „Es wäre jetzt spekulativ zu sagen, dass er vielleicht den oder die getroffen hat, die er treffen wollte“, so Kollmar. Auch diesen Ansatz wolle man jetzt untersuchen. Die Leichen des 23-jährigen Opfers und des Täters werden obduziert. Auch hiervon verspricht man sich zusätzliche Erkenntnisse.

Polizisten im Neuenheimer Feld nach Amoktat in Heidelberg.
Polizisten im Neuenheimer Feld nach Amoktat in Heidelberg. © PR-Video/Priebe/HEIDELBERG24

Insgesamt 400 Polizisten waren am Montag im Neuenheimer Feld im Einsatz, davon 140 Spezialkräfte von MEK uns SEK. Auch eine Verhandlungsgruppe vom Landeskriminalamt wurde angefordert.

Hinweis: Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Du unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leidest oder eine Dir bekannte Person es tut, kontaktiere bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. (rmx)

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