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Lanz geht bei „Letzte Generation“-Sprecherin Rochel auf die Palme: „Das ist doch lächerlich!“

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Markus Lanz und seine Gäste am 09.11.2022.
Markus Lanz und seine Gäste am 09.11.2022. © ZDF Mediathek (Screenshot)

Midterms in den USA und Klimastreit: In der Diskussion um neue Protestformen von Klimaaktivisten kochen die Emotionen in der „Markus Lanz“-Runde hoch.

Hamburg – Die „Markus Lanz“-Runde blickt am Mittwochabend zu Beginn der Sendung auf die Midterms in den USA. Zum Zeitpunkt der Aufzeichnung stehen die Mehrheiten noch immer nicht fest, weshalb der aus Washington zugeschaltete Elmar Theveßen Lanz nur im Konjunktiv antworten kann. Sollten die Republikaner die Mehrheit stellen, sei damit zu rechnen, dass US-Präsident Joe Biden noch vor Weihnachten ein großes Hilfspaket für die Ukraine auf den Weg bringt, bevor er im neuen Jahr die Unterstützung aus dem Kapitol möglicherweise verliert.

Zwar hätten die „Trumpisten“ nicht das Ergebnis eingefahren, das sie sich gewünscht hätten, erklärt Theveßen, dennoch vertiefe sich die Spaltung der USA immer weiter. Insbesondere knappe Ergebnisse für die Demokraten würden bei Republikanern emotional aufgenommen, wodurch die Gefahr für gewaltsame Ausschreitungen gegeben sei. Dass Präsident Biden sich in zwei Jahren noch einmal zur Wahl stellt, glaubt Theveßen nicht, der Druck innerhalb der Demokraten, einen Generationenwechsel umzusetzen, sei zu groß.

Midterms in den USA – Trittin rügt bei „Lanz“ auch DeSantis: „Zutiefst rassistisches Programm“

Deutschlands ehemaliger Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) glaubt dagegen, dass Biden wieder antreten könnte, wenn auch Trump noch einmal kandidiert. „Man muss ja einmal der Wahrheit ins Auge blicken“, meint Trittin. „Das, wofür Trump und DeSantis stehen, ist, trotz der Unterstützung der Latinos in Florida, die Vorherrschaft des weißen Mannes. Das ist ein zutiefst rassistisches Programm“. Dagegen stehe ein vielfältiges Amerika, das sich nun bei der Wahl gewehrt habe.

Die RND-Journalistin Eva Quadbeck befürchtet, dass die USA nach einer möglichen Wiederwahl Trumps 2024 die Ukraine im Ringen mit Russland im Stich lassen könnten. Trittin widerspricht: Die Frage der nationalen Sicherheitsstrategie sei bei den Republikanern noch nicht abschließend beantwortet. Gastgeber Lanz wirft ein, dass auch die Demokraten über das Ausmaß der Ukraine-Unterstützung debattierten. Daher sagt Trittin: „Wir müssen uns auf eine Situation einstellen, wo wir als Europäer mehr Verantwortung übernehmen müssen.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 9. November

„Mehr Verantwortung übernehmen“ gelte auch für andere Bereiche, etwa den Klimaschutz, meint Trittin. Sollte es zu einer Wahl Trumps kommen, würden die USA ihre Zusagen zu Klimaschutzabkommen nicht mehr erfüllen. Talkmaster Lanz hakt ein und fragt Trittin, ob er es für möglich halte, dass die USA in zwei Teile zerfallen und es zu einem Bürgerkrieg kommt. Trittins Antwort beruhigt nicht direkt: Der Grüne antwortet, er sei „unentschieden“ und „zurückhaltend“. Einerseits habe er nicht für möglich gehalten, dass es „in der Wiege der Demokratie“ zu einem Putschversuch wie am 6. Januar 2021 kommen könne, andererseits wisse er aber um die demokratische Stärke des Landes.

Lanz schlägt einen provokanten Bogen zur „Letzte Generation“-Aktivistin Carla Rochel. Er stellt seine Gästin in eine Reihe mit den Angreifern auf das Kapitol – schließlich nähmen beide Gruppen für sich in Anspruch, im Dienst einer großen Sache zu kämpfen. Sie habe bereits mehrere Nächte in Polizeizellen verbracht, berichtet Rochel. „Das ist nicht schön“, sagt sie und erklärt ihre Motivation: „Wir gehen auf die Straße, weil wir das Unrecht der Klimakatastrophe einfach nicht mehr aushalten können und weil wir gerade dabei sind, alles zu verlieren.“

„Letzte Generation“ bei „Markus Lanz“ - Sprecherin Rochel stellt Forderungen, Lanz platzt fast der Kragen

Die Antwort der Regierung auf die jahrelangen Proteste von Fridays For Future sei ein verfassungswidriges Klimapaket gewesen, sagt Rochel und fügt an: „Das Grundgesetz wird einfach durch den Dreck gezogen. An dem Punkt habe ich verstanden, dass es nicht mehr reicht, mit bunten Schildern auf die Straße zu gehen, es wird einfach ignoriert.“ Ende Januar habe sie sich zum ersten Mal auf einer Berliner Autobahn festgeklebt, zusammen mit Menschen aller Altersgruppen. „Ich verstehe auch, dass das skurril ist“, sagt Rochel. Das Ankleben habe aber den Zweck, die Aktion in die Länge zu ziehen.

Carla Rochel (Klimaaktivistin) zu Gast bei „Markus Lanz“.
Carla Rochel (Klimaaktivistin) zu Gast bei „Markus Lanz“. © ZDF Mediathek (Screenshot)

„Was fordern Sie, was ist das, was Sie wollen?“, fragt Talkmaster Lanz Rochel. Die antwortet ohne zu überlegen: „Wir wollen ein Zeichen von der Bundesregierung, dass sie verstanden hat, was diese Klimakatastrophe bedeutet.“ Lanz ist das nicht genug, er fragt nach konkreten Maßnahmen. Rochel nennt die Fortsetzung des im September ausgelaufenen Neun-Euro-Tickets und ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen: „Wenn diese beiden Forderungen erfüllt sind, gehen wir von der Straße.“ Der Gastgeber zeigt sich fassungslos: „Ernsthaft?! Dafür kleben Sie sich fest?“

Markus Lanz erhebt schwere Vorwürfe gegen Klebe-Aktivisten: „Sie erpressen damit das Land“

Alle wüssten, führt Rochel aus, dass es „damit nicht getan ist“. Die Gesellschaft müsse umstrukturiert werden, doch man wolle nicht weiter dabei zusehen wie selbst einfache Dinge nicht umgesetzt würden. „Sie erpressen damit das Land, das ist Ihnen klar?“, echauffiert sich Lanz. Rochel lässt den Vorwurf nicht auf sich sitzen. Es könne keine Erpressung sein, weil die Aktivisten die Forderungen nicht zu ihrem Vorteil stellen. „Darum geht es nicht“, widerspricht Lanz, doch Rochel beharrt auf ihrem Punkt: „Doch, darum geht es bei Erpressung. Es geht auch um Gewalt. Wenn man sich die juristische Definition davon anschaut, ist die mit einem Übel oder Gewalt verbunden. Aber wir setzen uns dort friedlich auf die Straße.“

Lanz belächelt die Argumentation der Aktivistin und konfrontiert sie mit Umfragen, die besagen, dass 80 Prozent der Bevölkerung die Aktionen der „Letzten Generation“ ablehnen. Rochel beeindruckt das wenig: „Keine Protestbewegung war am Anfang beliebt.“ Quadbeck hält Rochel vor, dass durchaus von Erpressung zu sprechen sei, schließlich liege der Tatbestand der Nötigung vor. Sie verweist auf Trittin als Positivbeispiel, dem der Marsch durch die Institutionen gelungen sei, um sich sinnvoll in die Gesellschaft einzubringen. Rochel entgegnet, dass zwei bis drei Jahre verbleiben würden, um die Klimakatastrophe zu verhindern – und damit nicht genug Zeit, um als Politikerin aktiv zu werden.

Markus Lanz erklärt die Forderungen der „Letzten Generation“ für „lächerlich“

Trittin klinkt sich erst in die Diskussion ein, als der Gastgeber ihn dazu auffordert. Ziviler Ungehorsam habe am Anfang jeder politischen Bewegung gestanden, erklärt der ehemalige Umweltminister und pflichtet Rochel bei, dass das Zeitfenster „sehr eng“ sei, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Fridays For Future wolle er in Schutz nehmen, denn deren Druck habe zu Veränderungen in Berlin geführt und etwa das 200-Milliarden-Klimapaket mit ermöglicht. Rochel reicht das nicht, Fridays For Future habe zwar dazu beigetragen, das Klimaschutz-Thema groß zu machen und Aktivistinnen wie Luisa Neubauer seien medial präsent, doch: „Was hilft uns das, wenn nur darüber gesprochen und nichts entschieden wird?“

Lanz ist immer noch auf Betriebstemperatur und wirft Rochel vor, die Apokalypse herbeizureden und die Bemühungen der Regierung zu ignorieren: „Wenn es um das große Ganze geht, reden wir doch nicht über ein Neun-Euro-Ticket, das ist doch lächerlich!“ Auch Trittin widerspricht dem Befund, dass „nichts“ geschehen sei. So sei die Stromerzeugung in Deutschland bereits zu 50 Prozent dekarbonisiert, bis 2030 wolle man bei 100 Prozent angekommen sein. Rechne man das in CO2-Tonnen um, kämen wesentlich größere Einsparungen heraus als bei der Forderung nach einem Neun-Euro-Ticket oder dem Tempolimit. Rochel verweist auf die Vereinten Nationen, die unlängst festgestellt hätten, dass kein Land der Welt genug unternehme, um dem Klimawandel angemessen zu begegnen.

„Letzte Generation“: Jürgen Trittin bei „Markus Lanz“ – „Auch wir mussten Rückschläge hinnehmen“

Dass Rochel außerdem die Aktionen verteidigt, bei denen Kartoffelbrei und Tomatensoße auf Kunstwerke geworfen wurde, versetzt Talkmaster Lanz erneut in Rage: „Das ist ein van Gogh! Das ist doch nicht irgendwas!“ Rochel und Trittin verweisen darauf, dass das Gemälde durch eine Glasscheibe geschützt gewesen und unbeschädigt geblieben sei. Das habe das Aktionsbündnis vorab recherchiert, weil es nicht in seinem Interesse sei, Kunst zu zerstören. Lanz moniert daraufhin, dass die Aktionen dennoch Sicherheitsmaßnahmen nach sich ziehen würden, die dafür sorgen, „dass die Menschen weiter von den Bildern weg stehen müssen“.

Rochels Antwort darauf, warum die Aktionen dennoch richtig seien, fällt eher pathetisch aus: „Weil all diese Kunst dann nichts mehr wert sein wird. Weil sie in den Fluten versinken wird. Wenn meine Kinder keine Chance mehr haben werden, im Museum zu stehen, weil sie sich um Essen prügeln müssen.“ Trittin versucht, die Atmosphäre zu beruhigen. Gesellschaftliche Veränderung lasse sich nicht mit einzelnen Aktionen erreichen, auch seine Generation habe schmerzhafte Rückschläge hinnehmen müssen.

„Wir haben versucht, Bauplätze zu besetzen, um zu verhindern, dass Atomkraftwerke gebaut werden. Die sind gebaut worden und in Betrieb gegangen. Wir haben uns damals auslachen lassen müssen, weil wir gesagt haben, man kann Strom auch mit Windrädern produzieren. Das ist heute eine Industrie, die im sechsstelligen Bereich in Deutschland Menschen beschäftigt. Das findet heute überall in der Welt statt, es hat aber über 20 Jahre gedauert.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Bei „Markus Lanz“ entsteht am Mittwochabend eine hitzige Diskussion zwischen der Klimaaktivistin Carla Rochel, Talkmaster Markus Lanz, dem Grünen-Minister a.D. Jürgen Trittin und der Journalistin Eva Quadbeck. Insbesondere Lanz ist anzumerken, dass ihn die Aktionen der „Letzten Generation“ aufregen. Damit, dass Rochel keine anderen konkreten Forderungen als die Fortführung des Neun-Euro-Tickets und ein Tempolimit auf Autobahnen nennt, tut sie sich in der Debatte keinen Gefallen. Trittin verteidigt die Aktivisten zwar gegen Vergleiche mit Terroristen, kritisiert aber, dass die Umsetzung von Rochels Forderungen nur Symbolcharakter haben könne. (Hermann Racke)

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