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Klimakiller Bauen: So soll die Branche sauber werden

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Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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Die Calwer Passage in Stuttgart ist ein Beispiel für klimagerechtes Bauen. Die denkmalgeschützte Passage blieb bestehen und wurde saniert. Der Anbau wurde mit einer begrünten Fassade versehen, um das Gebäude vor Überhitzung zu schützen.
Die Calwer Passage in Stuttgart ist ein Beispiel für klimagerechtes Bauen. Die denkmalgeschützte Passage blieb bestehen und wurde saniert. Der Anbau wurde mit einer begrünten Fassade versehen, um das Gebäude vor Überhitzung zu schützen. © Arnulf Hettrich/Imago

Die Standardantwort auf Wohnungsnot heißt oft: Bauen, bauen, bauen. Doch der Bausektor ist ziemlich klimaschädlich. Ein Ausweg liegt in der sogenannten Kreislaufwirtschaft.

Köln – Bauen ist eine dreckige Angelegenheit. Im Jahr 2021 stieß der Bausektor 115 Millionen Tonnen CO₂ in die Luft. Die zulässige Jahresemissionsmenge wurde so um zwei Millionen Tonnen überschritten. Damit ist der Bausektor einer der Hauptverursacher von Ressourcen- und Energieverbrauch. Doch in Zeiten der Klimakrise muss die Baubranche klimagerecht gedacht – und vor allem bis 2045 klimaneutral werden. Bisher tut Deutschland nicht genug, um das Steuer herumzureißen.

Gerade Städte sind von den Folgen des menschengemachten Klimawandels betroffen – und tragen durch ihre Treibhausgasemissionen immens dazu bei. Gleichzeitig findet eine große Wanderung statt, ziehen immer mehr Menschen in die Ballungsräume, und brauchen dringend den dort kaum mehr vorhandenen bezahlbaren Wohnraum. Neubauten erscheinen da als einfache Lösung. Diese werden aber auch heute noch größtenteils mit Beton errichtet, dessen Produktion sehr viel Kohlenstoffdioxid emittiert. Zudem muss für neue Wohnhäuser Fläche um Fläche versiegelt werden. Böden und Humus, zentral bei der Absorption von CO₂, gehen dadurch verloren. Und so wird Wohnen nicht nur zur sozialen Frage der Gegenwart, sondern auch zur Klimafrage der Zukunft.

Wohnungsnot: 400.000 neue Wohnungen jährlich – es braucht Visionen für klimagerechtes Bauen

Das neue Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen unter Klara Geywitz (SPD) will klimagerechtes Bauen vorantreiben. Jährlich sollen 400.000 neue Wohnungen geschaffen werden, davon 100.000 Sozialwohnungen – und zwar klimagerecht. Für 2022 wurde dieses Neubauziel bereits verfehlt, auch für 2023 sieht es nicht rosig aus. Bisher also vor allem: Ankündigungen. Noch im August 2021 sagte die Bauministerin: „Die Häuser der Zukunft werden anders aussehen. Wir werden mit anderen Materialien bauen, wir werden unsere Häuser anders beheizen müssen.“ Der Satz unterstreicht: klimagerechtes Bauen ist eine notwendige Zukunftsvision. Nur wie?

Eine, die sich mit solchen Fragen auseinandersetzt, ist Angelika Hinterbrandner. „Es geht nicht allein um die Gestaltung des Wohnbaus. Man muss die Gestaltung mit Klimagerechtigkeit und finanzieller Leistbarkeit zusammen denken – und das passiert noch immer in den wenigsten Fällen“, betont sie im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Für nachhaltige Lösungen der Wohnungsnot müsse soziale Wohnungspolitik bereits jetzt klimapolitisch betrachtet werden. Heißt: Schnell hochgezogene Wohnblöcke, bei denen Klimagerechtigkeit und räumliche Qualität keine Rolle spielen, mögen die Wohnungsnot vielleicht akut mildern, jedoch schaffen sie zugleich eine Hypothek für die Zukunft.

Das unterstreicht Björn Weber vom Deutschen Institut für Urbanistik. „Das Ziel der nachhaltigen Stadtentwicklung sollte es sein, den Bestand umzubauen. Das kann den Abriss oder den Neubau bedeuten. Aber vor allem geht es darum, Bestandsgebäude aufzuwerten und Flächen, die sowieso schon bebaut und versiegelt sind, nutzbar zu machen. So können aus alten Gebäuden neue, energieeffiziente Bebauungen entstehen und altes Material recycelt werden“, sagt der Geograf der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Gerade mit Blick auf die Wohnungsnot sei es notwendig, bestehenden Bestand so umzubauen und nachzuverdichten, dass zusätzliche Wohneinheiten entstehen. Etwa in dem man Freiflächen und Brachen nutzt oder Quartiere aus den 60er und 70er-Jahren so umbaut, dass mehr Wohneinheiten mit hohen Energieeffizienzstandards entstehen. Als Beispiele für den Bestandsumbau nennt Weber etwa die Lincoln-Siedlung in Darmstadt oder den Stadtteil Vauban in Freiburg im Breisgau.

So wohnt Deutschland: unsere Serie zu Wohnungsnot und Mietenwahnsinn

Gut bezahlter Job, unbefristete Anstellung: Beste Voraussetzungen, um eine schöne Wohnung zu finden? Nicht in Berlin, sagt der Mieterbund. Letzte Möglichkeit: Bestechung.

Wer heute baut, braucht starke Nerven. Die Zinsen steigen, Fachkräfte gibts keine und Material fehlt auch. Wer es doch versucht, benötigt auch ein Quäntchen Glück – und finanziellen Puffer.

Deutschland ist ein Land der Mieter. Und das ist ein Problem. Denn die Mieten steigen unaufhaltsam. Was dagegen hilft: Eigentum. Zu teuer? Nein, sagt Michael Voigtländer. Der Staat soll mit Darlehen helfen.

Wohnen in Deutschland wird immer teurer. Die Politik setzt auf Neubau, Mietervertreter auf staatliche Eingriffe. Ein Experte sagt: Beides reicht nicht. Er hat eine andere, radikalere Idee.

Klimakrise, bezahlbarer Wohnraum, Neubau: Wie gelingt der Weg in die klimaneutrale Zukunft?

Der Wechsel auf klimagerechtes Bauen ist also kein lästiges Add-on, sondern ein notwendiger Schritt für die Baubranche. Projekte wie „Stop Construction“ oder „Abriss-Moratorium“ entwickeln ebenfalls Ideen, wie Wohnraum erschaffen werden kann – ohne unbedingt neu zu bauen. Auch sie setzen auf den Ausbau oder die Umnutzung von bereits existierendem Bestand, die Weiterverwendung von Ressourcen, energetischen Verbesserungen und Sanierung.

Für diese sogenannte Kreislaufwirtschaft gibt es positive Beispiele, vor allem in der Schweiz. Das Pilotprojekt K118 in Winterthur verwendet für die dreistöckige Aufstockung einer bestehenden Industriehalle möglichst viele gebrauchte Materialien. Das ist aufwendig, doch so konnten nach eigenen Angaben 60 Prozent an Treibhausgasemissionen und 500 Tonnen neues Baumaterial im Vergleich zu neuen Bauprojekten gespart werden. Oder ein altes Toblerone-Lagerhaus in Bern, das die Genossenschaft Warmbächli in ein Wohn- und Gewerbeareal umwandelte und damit zu neuem Leben verhalf. Projekte wie diese sind in Deutschland noch die große Ausnahme, aber sie gibt es. Im hessischen Korbach wurde das alte Rathaus selektiv rückgebaut, das Abbruchmaterial recycelt und damit das neue Gebäude erschaffen. Die Notwendigkeit solcher Ansätze, vor allem auch im Wohnsektor, ist da. Ansonsten bleibt das Bauen weiterhin eine der dreckigsten Branchen des Landes.

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