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Hungersnöte in aller Welt durch Ukraine-Krieg? Selenskyjs Berater warnt: „Uns bleibt eine Woche“

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Eine Frau weint bei der Evakuierung der ukrainischen Vorstadt Irpin.
Eine Frau weint bei der Evakuierung der ukrainischen Vorstadt Irpin. © Aris Messinis/AFP

Durch den Ukraine-Russland-Krieg droht eine weltweite Hungersnot, warnen Experten. Die Agrarminister der G7-Staaten ringen nach Lösungen.

Berlin/Kiew - Der eskalierte Ukraine-Konflikt* bringt nicht nur Leid, Zerstörung und Blutvergießen, er könnte auch dramatische Folgen für die Ernährung in Teilen der Welt haben. Oleg Ustenko, der Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj*, warnte am Freitag vor einer Hungersnot, sollte der Krieg in der Ukraine andauern. „Uns bleibt maximal eine Woche für die Saat. Wenn der Krieg bis dahin nicht aufhört, dann hat die Welt ein Nahrungsproblem“, sagte Ustenko der Wirtschaftswoche.

Die Ukraine ist wie Russland einer der größten Weizenexporteure der Welt. Es gibt Schätzungen, dass wegen der Kriegsfolgen drei Millionen Tonnen weniger Weizen aus Russland und vier Millionen Tonnen weniger Weizen aus der Ukraine exportiert werden. Schon jetzt gibt es deutliche Preissprünge. „Wenn wir nicht liefern können, dann wird der Preis an den internationalen Märkten anziehen“, sagte Ustenko. „Die Welt muss entscheiden, wie sie die Menschen ernähren will, besonders in afrikanischen Ländern.“

Ukraine-Krieg: Wird der Weizen knapp? Selenskyjs-Berater fordert weitere Sanktionen für Russland

Der Wirtschaftsberater forderte ein sofortiges Embargo auf russisches Öl und Gas, um Russlands Präsident Wladimir Putin die Mittel für seine Invasion in die Ukraine zu entziehen. Deutschland und andere EU-Staaten lehnen das bisher ab.*

Die Agrarminister der sieben großen Industrienationen (G7) beraten am Freitag über die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die weltweite Ernährungssicherung. Die Effekte können Experten zufolge weitreichend sein. Ein Überblick:

Hungersnot durch Ukraine-Krieg? Diese Lebensmittel könnten knapp werden

Die Organisation Germanwatch warnt vor Engpässen bei der globalen Versorgung mit Getreide und Ölsaaten. Die Ukraine gilt als eine „Kornkammer Europas“. In der EU sind einzelne Länder wie Frankreich oder Deutschland zwar ebenfalls große Akteure auf dem internationalen Getreidemarkt, doch die geernteten Mengen in und Exporte aus der Ukraine können die Preise weltweit beeinflussen. Weitere wichtige Agrarexporte aus der Ukraine sind Mais, Raps und Sonnenblumen.

Hungersnot durch Ukraine-Krieg? Diese Regionen sind am meisten in Gefahr

Vor allem in der arabischen Welt und in einigen Ländern Asiens und Afrikas dürfte der Krieg in der Ukraine spürbare Auswirkungen haben. Ägypten, Tunesien, Marokko etwa oder auch Bangladesch importieren große Teile ihres Weizens aus Russland und der Ukraine. Germanwatch warnt daher davor, dass es in ärmeren Ländern zu Hungersnöten und gesellschaftlichen Verwerfungen kommen könnte.

Auch die Lage in den ohnehin schon von Krisen und Hunger geplagten Ländern Jemen, Syrien und Libanon wird sich nach Angaben der Weltbank nun noch einmal deutlich verschärfen. Sie sind ebenfalls dringend auf Weizenimporte aus der Ukraine und Russland angewiesen. Die Welthungerhilfe rechnet mit einer zunehmenden Zahl Hungernder. Indonesiens Präsident Joko Widodo warnte unter anderem vor Lebensmittelknappheit wegen des Kriegs. Allerdings: „Die Ukraine wird mit Abstand am meisten betroffen sein“, sagte Agrar-Expertin Verena Laquai vom bundeseigenen Thünen-Institut.

Hungersnot durch Ukraine-Krieg? In Deutschland könnten Preise steigen

Ernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) hat schon klargemacht, dass die Lebensmittelversorgung in Deutschland und der EU sicher sei. Preise im Supermarkt könnten aber weiter steigen. Dabei haben Rohstoffkosten etwa bei Brot und Brötchen kleinen Anteil am Preis, steigende Energiepreise sind bei anderen Produkten deutlich relevanter. Ackerbauern können bei hohen Weltmarktpreisen derzeit mehr für ihr Getreide bekommen - damit wird aber auch Tierfutter teurer. Sorgen machen vielen Höfen zudem drastische Preissprünge für Stickstoffdünger.

Hugersnot durch Ukraine-Krieg? Das könnte helfen

Kurzfristig könnten mögliche Versorgungslücken durch große Exporteure gedeckt werden, sagte Expertin Laquai. Längerfristig gehe dies durch eine erhöhte Produktion in allen Teilen der Welt. Es gebe Schätzungen, dass wegen der Kriegsfolgen drei Millionen Tonnen weniger Weizen aus Russland und vier Millionen Tonnen weniger Weizen aus der Ukraine exportiert würden. „Insbesondere Australien und Argentinien hatten eine sehr gute Ernte und können somit mehr exportieren“, so die Expertin. Auch die EU könnte durch gute Ernten mehr exportieren. Umweltorganisationen und Politiker kritisieren zudem, dass Getreide in sehr großen Mengen in Futtertrögen landet.

Der zweitgrößte Weizenproduzent der Welt, Indien, exportiert bislang nach Regierungsangaben weniger als ein Prozent der Ernte. Grund: Die indische Regierung legt einen Minimalpreis für Weizen fest, der lange über dem internationalen Weizenpreis lag. Dies sei jetzt allerdings angesichts der wegen der Ukraine-Krise gestiegenen Preise anders, sagte der Chef der Agricultural and Processed Food Products Export Development Authority, Tarun Bajaj, der dpa.

Hungersnot durch Ukraine-Krieg? Frieden auch anderswo gefährdet

Auf Ernährungsunsicherheit folgt häufig politische Instabilität. Steigende Lebensmittelpreise gelten auch als einer der Auslöser des sogenannten Arabischen Frühlings. Im Irak und der Türkei protestierten in den vergangenen Wochen bereits viele Menschen gegen die Preiserhöhungen für Lebensmittel. Experten halten auch neue Fluchtbewegungen als Folge des zunehmenden Hungers für möglich.

Hungersnot durch Ukraine-Krieg? Deutschland muss eventuell Agrarpolitik ändern

Der Krieg hat den Streit über eine ökologische Wende der Landwirtschaft neu entfacht. Die oppositionelle Union im Bundestag forderte, Versorgungssicherheit müsse einen höheren Stellenwert haben - und dazu gehöre, dass man die begrenzte Agrarfläche in Europa intensivieren müsse. SPD-Expertin Susanne Mittag warnte etwa mit Blick auf Dünge-Auflagen: „Der Krieg in der Ukraine darf nicht zum Anlass für eine Rolle rückwärts in der Agrarpolitik missbraucht werden.“ Ähnlich sieht das EU-Kommissar Frans Timmermans. Die Agrarpolitik in der EU wird auch maßgeblich in Brüssel gestaltet.

Hungersnot durch Ukraine-Krieg? Darüber sprechen die G7-Agrarminister

Özdemir will im Rahmen der deutschen G7-Präsidentschaft über die weitreichenden Auswirkungen beraten. Konkret geht es um die weltweite Ernährungssicherung und die Frage, wie die Märkte weiter offengehalten und stabilisiert werden können. An der Videokonferenz teilnehmen sollen auch der ukrainische Ressortchef Roman Leschenko und internationale Organisationen. Bauernpräsident Joachim Rukwied appellierte an die G7, dass die Ernährungssicherheit in betroffenen Ländern gewährleistet bleiben müsse. (dpa/afp) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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