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Söder bügelt Lanz ab: „Sorry, schlechte Recherche“ – Nur einmal wird der CSU-Chef kleinlaut

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Markus Söder zu Gast bei Markus Lanz
Markus Söder zu Gast bei Markus Lanz © Markus Hertrich/ZDF

Markus gegen Markus: Söder lässt sich bei Lanz nicht festnageln. Und wer nicht aufpasst, dem nimmt der bayerische Ministerpräsident sogar die ganze Sendung weg.

Markus Lanz erlebt am Donnerstag seinen persönlichen Aha-Moment. Kaum hatte Markus Söder das Wort ergriffen, war klar, dass dieser Abend anders laufen würde als (fast) alle anderen Late-Night-Runden im ZDF: Willkommen beim „Talk mit Markus Söder“.

Mit Markus Lanz diskutierten diese Gäste:

Mit wohlwollenden, aber auch entlarvenden Worten stellt Lanz seinen Gast vor. „Keiner in der deutschen Politik erfindet sich so radikal, aber auch so kreativ immer wieder neu. In der Flüchtlingskrise war er Anti-Merkel. Als das nicht so richtig klappte, ergrünte er fast über Nacht, umarmte Bäume, küsste Bienen. Er war mal sehr gegen Atomkraft, jetzt ist er sehr dafür. Wer ist dieser Mann?“ Söder reagiert gelassen. Er will Rede und Antwort stehen. Und das tut er. Rede zumindest, weniger Antwort. Wann immer er mit Kritik konfrontiert wird, windet er sich wie ein Aal von brummbärenhafter Gestalt.

Bayern habe „zu oft nein gesagt“ bei den notwendigen Energiereformen, beim Bau von Stromtrassen oder Windkraftanlagen, kritisiert Wirtschaftswoche-Journalistin Cordula Tutt. Es wird eine ihrer wenigen Wortmeldungen bleiben. Söder lässt ihr Argument nicht gelten. Er lobt, wie weit vorn sein Land sei, auch bei Photovoltaik. Nächste Woche wolle er auf einer Konferenz in Kroatien sogar diskutieren, ob man Süd-Pipelines bauen kann.

Tutt will „mal etwas die Luft rauslassen“. Bayern sei „ganz hinten“. Söder antwortet mit einem Späßchen. „Bei Wind auf See sind wir ziemlich schlecht.“ Lanz versucht es mit Zahlen: „17 zu 534 – wissen Sie, was das ist?“ Er meint die genehmigten Windräder in Nordrhein-Westfalen (534) und Bayern (17). Aber auch dies nimmt Söder nicht ernst. Was das ist? „Ihre Sympathiekurve zu mir?“

Lanz kriegt Söder nicht zu fassen: „Sorry, schlechte Recherche.“

Der Ministerpräsident greift sofort in die Kiste mit den großen Bildern. Er warnt vor einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ bei den Energieformen. Er will den Propeller-Ideologen den Wind aus den Rotoren nehmen und lässt die Sonne aufgehen: „Bei Photovoltaik ist Bayern besser als Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zusammen.“ Lanz hakt nach: „Wir sind ja gerade bei Wind, Herr Söder.“ – „Nee, Sie! Ich bin bei Photovoltaik.“ – Lanz: „Nee, ich bin bei Wind.“ – Söder: „Na dann bleiben Sie bei Wind, und ich bleibe bei Photovoltaik.“

Lanz stellt eine gewagte These auf: „Physikalisch ist es doch so: Wind ist das, was wir zur Grundlast wirklich brauchen. Photovoltaik is nice to have.“ Ein Eigentor, das Söder umgehend verwandelt: Grundlast? „Sorry, schlechte Recherche.“ Lanz knickt ein: „Okay, ich ziehe den Begriff zurück und sage: Die Lastentiere der Energiewende, das sind die großen Windkraftanlagen.“ Söder bleibt dabei: „Stimmt nicht. Wer nur auf Wind setzt, steht im Wind. Wir brauchen alles. Ohne Photovoltaik im Süden hilft der Wind im Norden auch nichts.“

Tutt thematisiert die Stromtransport: In den Süden der Republik müsse der nun mal durch „Stromautobahnen“, und da habe Bayern stets geblockt. Söder unterstellt Tutt, sie habe Nord-Süd-Stromtrassen und regionale Netze in einen Topf geworfen. Die widerspricht nicht. Söder redet unbeirrt weiter und endet erneut in einem Bayernlob: „Wir sind das einzige Bundesland, das sein eigenes Wasserstoff-Tankstellennetz selbst finanziert.“ Tutt erinnert vorsichtig an Horst Seehofer, der die Stromtrassen einst als „Monster- und Mördertrassen“ bezeichnet habe. Söder blockt: „Na, des glaub ich net. Da weiß ich nix von.“ Er wendet sich Lanz zu und warnt eindringlich vor „Fake-News“.

Söder attackiert Ramelow: „Dass sich ein kommunistischer Ministerpräsident über uns aufregt: Mag ja sein.“

Gemeinsam erinnern Lanz und Tutt an die Reaktion des Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) aus Thüringen. Das Land habe die Überlandleitungen wie vereinbart aufgestellt, während Bayern sich eine Sonderbehandlung gesichert und auf Erdverlegung bestanden habe. „Herr Ramelow regt sich tierisch auf über Markus Söder, kann das sein?“, fragt Lanz. Der kontert: „Dass sich ein kommunistischer Ministerpräsident über uns aufregt. mag ja sein.“

Lanz kiekst vor Freude. Und holt eine weitere Zahl aus dem Hut: Bayern hätte im vergangenen Jahr eigentlich 125 Anlagen zur Wasserstoffherstellung aufstellen müssen. „Wie viele haben sie wirklich aufgestellt?“ Söder stockt: „Wir stellen das jetzt auf.“ Lanz muss die Frage wiederholen. Und es folgt der einzige Moment der Sendung, in dem Markus Söder ansatzweise kleinlaut wird: „Ein Großes ist in Betrieb gegangen in Wunsiedel. Das größte in Deutschland.“

Lanz lässt das sacken: „Eins…“ wiederholt er. Söder wiederholt sich ebenfalls: „Aber das Größte in Deutschland.“ Und schon findet er zurück auf den eingeschlagenen Weg: „Als einziges Land geben wir pro Jahr eine Milliarde für den Klimaschutz aus. Der Wasserstoff ist ein Teil davon.“ Dazu gehörten auch natürliche CO2-Speicher. So seien vergangenes Jahr in Bayern 15 Millionen Bäume gepflanzt worden.

Söder: „Man darf die Bayern nicht unterschätzen, wir powern da ganz schön“

Lanz wirft ein, dass Bayern bei Windrädern nur fünf Prozent der nötigen Anlagen genehmigt habe, bei Photovoltaik nur 40 Prozent. Söder kontert mit Slogans: „Man kann uns viel unterstellen, aber wenn wir mal was machen, dann sind wir nicht schlecht dabei. Man darf die Bayern nicht unterschätzen, wir powern da ganz schön.“

Fast nebenbei kündigt er noch eine Klage an. „Wenn wir was ändern, dann ändern wir zunächst mal den Länderfinanzausgleich. Wir werden da wahrscheinlich auch eine Klage einreichen. Wir zahlen so ein Übermaß an Geld, das ist völlig aus dem Ruder.“ Bayern habe mehr als 100 Milliarden Euro bezahlt. „Sorry, da ist die eigentliche Unwucht drin.“

Beim Thema Energie stellt er die Generalfrage: „Wie geht das jetzt eigentlich weiter?“ Er warnt vor einem „Abwärtsszenario für die Wirtschaft“. Man müsse die Kernkraftwerke mindestens bis 2024 weiterlaufen lassen. Absurd sei auch, dass der Bund als Besitzer des Energieriesen Uniper gerade neue Kernkraftwerke in Schweden plane – was allerdings eigentlich bereits dementiert ist. Lanz erinnert ihn an vergangene Zeiten: „Sie haben mit Rücktritt gedroht wegen der Kernkraft.“ Söder. „Das stand vielleicht in der Zeitung. Das muss ja nicht stimmen, nur weil das ein Journalist geschrieben hat. Jetzt machen sie mal bitte nicht auf Naivchen.“

Fazit des Talks bei Markus Lanz

Söder nutzt jede Chance und reißt die ganze Sendung an sich. Die beiden Journalistinnen bügelt er bei Bedarf mit jovial-lautstarker Art einfach nieder. Auch Lanz hat seine liebe Mühe. Selten kam er in der eigenen Sendung weniger zu Wort. Am Ende bleibt das Gefühl, die gesamte Sendung über habe nur ein einziger Gast gesprochen: Markus Söder. Für eine Aussage zur Präventivhaft für Klima-Protestierende erntet er allerdings heftigen Gegenwind auf Twitter. (Michael Görmann)

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