1. Mannheim24
  2. Politik & Wirtschaft

„Unsozialer Bullshit“: Scharfe Kritik an Vorschlag zu Rente mit 70

Erstellt:

Von: Patricia Huber

Kommentare

Die Renten-Debatte reißt nicht ab: Der Gesamtmetall-Chef schlägt aktuell eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre vor – und sorgt damit für heftige Reaktionen.

Berlin – Vor allem auf Arbeitgeberseite gibt es Fürsprecher für eine Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre. Gewerkschaften sind jedoch strikt dagegen. Auch der Sozialverband VdK wandte sich am Montag gegen einen entsprechenden Vorstoß des Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Stefan Wolf. Dieser hatte sich im Gespräch mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe für eine längere Lebensarbeitszeit ausgesprochen und dies unter anderem mit einer immer älter werdenden Gesellschaft begründet.

Rente: Wegen steigendem Lebensalter auch späterer Renteneintritt?

„Schaut man sich die demografische Entwicklung und die Belastungen der Sozial- und Rentenkassen an, dann sind die Reserven aufgebraucht. Wir werden länger und mehr arbeiten müssen“, sagte Wolf. „Stufenweise werden wir auf das Renteneintrittsalter von 70 Jahren hochgehen müssen – auch weil das Lebensalter immer weiter steigt.“ Ansonsten werde das System mittelfristig nicht mehr finanzierbar sein.

Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und der Gewerkschaften IG Bau und IG Metall widersprachen. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel erklärte, der Vorstoß sei „nichts anderes als eine Rentenkürzung mit Ansage“. Viele Beschäftigte würden es schon heute nicht mehr schaffen, „gesund bis zur Rente durchzuhalten“, sagte sie. „Für diejenigen, die in der Pflege, auf dem Bau oder in Fabriken arbeiten, ist längeres Arbeiten keine Option.“

Wer hart arbeite, habe ohnehin eine „deutlich geringere Lebenserwartung“ und beziehe somit auch kürzer Rente, sagte Piel. Auch bei einer älter werdenden Gesellschaft sei die Bundesregierung in der Verantwortung, „eine gute und ausreichende Rente als Sicherheitsversprechen zu setzen“.

VdK-Präsidenten Bentele: Auch Beamte, Selbstständige und Politiker sollen einzahlen

VdK-Präsidentin Verena Bentele schlug vor, die gesetzliche Rentenversicherung auf eine solidere Finanzgrundlage zu stellen. „Statt lebensferner Überlegungen, das Renteneintrittsalter weiter heraufzusetzen, müssen wir die gesetzliche Rentenversicherung stärken. Das bedeutet: Perspektivisch müssen alle dort einzahlen – neben Angestellten auch Beamte, Selbstständige und Politiker“, sagte Bentele. Eine solche „Rente für alle“ stärke das System und führe zu mehr Gerechtigkeit, sagte die Verbandschefin. In Österreich sei das längst Realität.

Aktuell ist hierzulande geplant, die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre anzuheben. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) lehnt eine weitere Erhöhung ab. Bereits im Mai hatte er nach einem Vorstoß von Ökonomen zur Rente mit 70 erklärt: „Wir haben in der Koalition vereinbart, dass wir das gesetzliche Renteneintrittsalter nicht erhöhen. Und daran wird sich nichts ändern.“

Unser kostenloser Renten-Newsletter versorgt Sie regelmäßig mit allen relevanten News aus der Wirtschaft. Hier geht es zur Anmeldung.

IG-Bau-Chef warnt vor neuer „Klasse der Altersarmut“

Der IG-Bau-Bundesvorsitzende Robert Feiger warf den Metall-Arbeitgebern vor, eine neue „Klasse der Altersarmut“ bei Handwerkern und Industriearbeitern provozieren zu wollen. „Je schwerer einer schuftet, desto früher fällt er ins Rentenloch“, sagte Feiger den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Für Berufsgruppen wie Zimmerer, Dachdecker oder Gerüstbauer sei selbst die Rente mit 65 „schon zu lang“, argumentierte der Gewerkschaftschef.

Auch Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch reagierte empört. „Vorschläge wie die Rente erst ab 70 oder eine 42-Stunden-Woche sind unsozialer Bullshit“, sagte Bartsch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Arbeitgeberverbände müssten in dieser Ausnahmesituation mit explodierenden Preisen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen. „Zündeln am sozialen Frieden darf es nicht geben.“

Genau wie VdK-Chefin Bentele verwies auch Bartsch auf das Beispiel Österreich. „Statt einer Rente erst ab 70 zahlen dort alle Bürger ein – auch Politiker und Manager“, sagte der Linken-Politiker. „In Österreich liegt die durchschnittliche Rente 800 Euro höher als hierzulande und sie wird ab 65 Jahren ausbezahlt. Was Österreich kann, muss auch Deutschland können.“ (ph/dpa)

Auch interessant

Kommentare