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Medien im Ukraine-Krieg zu einseitig? Lanz-Talk mit Precht gerät zum Stellungskampf

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Markus Lanz lädt Richard David Precht und Harald Welzer zum Streitgespräch. Die beiden werfen den Medien in ihrem neuen Buch „Selbstangleichung“ vor.

Hamburg – Es hätte eine interessante Runde zur Rolle und Verantwortung von Medien und Journalismus werden können. Doch die Fronten waren schon zu Beginn der Donnerstagsausgabe von „Markus Lanz“ verhärtet. „Das ist keine einfache Runde heute Abend“, stellt auch Lanz schon zu Beginn seines ZDF-Talks fest.

Von links: Markus Lanz, Richard David Precht, Dr. Melanie Amann, Prof. Harald Welzer, Robin Alexander
Von links: Markus Lanz, Richard David Precht, Melanie Amann, Harald Welzer, Robin Alexander © Cornelia Lehmann/ZDF

Stein des Anstoßes ist das neue Buch des Philosophen Richard David Precht und des Sozialpsychologen Harald Welzer. Titel: „Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird“. Die beiden Geisteswissenschaftler attestieren den deutschen Leitmedien darin eine „Meinungsbildung“ und eine ungesunde Personalisierung im Politikjournalismus, die durch die Darstellung von Journalisten unter anderem in den sozialen Medien noch befeuert werde. Der Vorwurf der beiden: Die Berichterstattung der Medien sei schuld am schwindenden Vertrauen vieler Leser, die ihre Meinung zu wenig repräsentiert sehen.

„Markus Lanz“ - diese Gäste diskutierten mit:

Vom Ansatz her spannend - doch die Beiträge der beiden Autoren lassen schnell eine emotionale, aber kaum eine argumentative Begründung erkennen. Precht und Welzer hatten sich kurz nach dem Einmarsch des russischen Militärs in die Ukraine in einem offenen Brief in der Zeitschrift „Emma“ gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen.

Außerdem hatten sie durchklingen lassen, die Ukraine solle sich ergeben und den russischen Annexionsansprüchen entsprechen, da eine militärische Chance gegen die übermächtigen Russen nicht bestehe. So klingt ihre Kritik nun selbstbezogen, wenn die beiden Männer monieren, in der Berichterstattung über den von Russland ausgelösten Krieg sei der Warnung vor Waffenlieferungen zu wenig Platz eingeräumt worden.

Lanz (ZDF): Medienkritiker erzürnen Medienleute

Das Problem des Talks: Der Forderung von Amann und Alexander nach harten Fakten können die Autoren im weiteren Verlauf der Sendung argumentativ nicht allzu viel entgegensetzen. Obwohl Precht das Buch als „Rekonstruktion der Medienentwicklung“ sieht – und explizit nicht etwa als „Streitschrift“, wie er betont. Die Debatte bleibt jedenfalls bei „gefühlten Wahrheiten“ und erweckt den Eindruck, dass die beiden Autoren ein „Meinungswerk“ verfasst haben. Inhaltlich wäre das Thema damit durch gewesen, doch die Sendezeit musste gefüllt werden. So werden die Zuschauerinnen und Zuschauer Zeuge eines zermürbenden Wortstreits. Die Fronten verhärteten sich schnell..

Die beiden geladenen Journalisten kämpfen demonstrativ mit ihrer Geduld. Der stellvertretende Chefredakteur der Welt, Robin Alexander schüttelt vielsagend den Kopf und blickt mehrfach zur Studiodecke gen „Himmel“. Bei Spiegel-Redakteurin Melanie Amann brodelt es sichtlich innerlich.

Die größte Kritik an Precht und Welzer: Ihre Darstellungen seien an keiner Stelle empirisch belegt worden. Amann meint: „Sie haben ja nicht systematisch ausgewertet, wie wir über den Krieg berichtet haben. Sondern Sie haben beschrieben, wie Sie wahrnehmen, wie wir über den Krieg berichtet haben.“ „Das geht ja gar nicht!“, kontert Precht die Forderung nach einer systematischen Auswertung. „Doch, das geht“, sagt Amann. „Das dauert halt ein bisschen länger.“

Markus Lanz diskutiert mit Richard David Precht (Philosoph).
Markus Lanz diskutiert mit Richard David Precht (Philosoph). © Cornelia Lehmann/ZDF

Paradox wirkt, dass Precht besonders pikiert reagiert, als Robin Alexander vier Bespiele aus seiner Redaktion vorträgt, in denen Kollegen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven den Krieg und die Folgen kommentierten. „Ja, vier zu 500, ein eindrucksvolles Argument“, moniert Precht, und erhöht die Zahl gleich noch pauschal auf „2000“, ohne auf die Argumentation Alexanders einzugehen.

Lanz liefert Medien-Zoff: „Haben wir uns mit Scholz geeinigt oder treiben wir ihn?“

Der macht seine Haltung nochmal anhand eines möglichen Widerspruches im Buch deutlich: Dort werde Journalisten einerseits ein Gemauschel mit der Macht vorgehalten und gleichzeitig kritisiert, sie würden Politiker zu Entscheidungen treiben. Alexander wendet sich an Precht: „Haben wir uns mit Scholz geeinigt oder treiben wir ihn?“.

Als eine wirkliche Antwort auf die Frage ausbleibt, verweist Alexander darauf, dass in einer Mitteilung der Verlags zum Buch in NS-Duktus von „Gleichschaltung“ die Rede gewesen sei. Seine These: Dass deutsche Medien weitgehend alle das Gleiche schrieben, sei „einfach falsch“. Wer das erzähle, so Alexander scharf, sage „die Unwahrheit“.

Auch die These, die Medien trieben die Politik in gefährlichen Aktionismus, sei nicht wahr, meint Alexander. Als die Ukraine etwa zu Beginn des Krieges eine Flugverbotszone gefordert habe, sei davor gewarnt worden. Einig sei man sich auch, dass ein Konflikt zwischen Nato und Russland vermieden werden müsse. Es bleibe nur die Frage, warum die eine schwere Waffe geliefert werde – und die andere nicht. Precht entgegnet, es gehe nicht um die Übernahme aller Forderungen der Ukraine, sondern um eine Angleichung der Positionen von Regierung und Medien. „Das ist sozialpsychologisch begründet“, meint der Philosoph, es gehe gar nicht um „Küngelei“.

Harald Welzer (Sozialpsychologe) und Robin Alexander (stellvertretender „Welt“-Chefredakteur) zu Gast bei „Markus Lanz“.
Harald Welzer (Sozialpsychologe) und Robin Alexander (stellvertretender „Welt“-Chefredakteur) zu Gast bei „Markus Lanz“. © Cornelia Lehmann/ZDF

Fazit des „Markus Lanz“-Talks

Trotz des recht zähen Talks schlug die Sendung Wellen in den sozialen Medien. Filmproduzent und Grünen-Politiker Peter Heilrath kommentierte unter anderem dort: „Precht & Welzer haben in ihrem Buch die alte rechts- und linkspopulistische Legende der Mediengleichschaltung vertreten und werden gerade von @MelAmann und @robinalexander_der Lüge überführt. Tatsächlich ein wenig sehenswert.“ So kann man es auch sehen. (Verena Schulemann)

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