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Ukraine-Diskussion bei Lanz: Kretschmer fordert „breite Debatte“ - und gerät mit Journalisten aneinander

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Die Talkrunde bei „Markus Lanz“ (ZDF) am 24.08.2022.
Die Talkrunde bei „Markus Lanz“ (ZDF) am 24.08.2022. © ZDF Mediathek (Screenshot)

Bei Markus Lanz ging es um den Ukraine-Krieg und die Energiewende. Zwischen Sachsens Ministerpräsident Kretschmer und den anderen Gästen kommt es zu einer hitzigen Debatte.

Hamburg – Es dauert keine fünf Minuten, bis bei Markus Lanz die Lanzen ausgerichtet sind. Alles auf Konfrontation. Der Moderator erinnert Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer an ein altes Zitat: „Russland braucht mehr Respekt“, habe Kretschmer einmal gesagt. „Wie fühlen Sie sich heute mit dieser Aussage?“

Kretschmer dreht die Lanze um: „Ich glaube, dass es ein großes Problem ist, dass wir eine Verengung haben auf eine Sichtweise mit einer Argumentationslinie.“ Der Ministerpräsident vermisst die Diskussionskultur. „Wir brauchen eine breite Debatte, ein Wägen von Argumenten, ein Für und Wider. Gerade bei einer so großen Frage wie Krieg und Frieden ist das extrem wichtig.“

Lanz reicht es schon. Er mag den Politiker gar nicht mehr zu Wort kommen lassen und reagiert damit exakt so, wie Kretschmer es gerade kritisiert hat. Vor wenigen Monaten hatte er Ulrike Guérot, die sich ähnlich wie Kretschmer äußerte, fast eine ganze Sendung lang am Reden gehindert und dafür erhebliche Kritik geerntet. Diese Taktik versucht er nun auch bei Kretschmer. Er lässt ihn buchstäblich links liegen und richtet sich stattdessen an Nadine Lindner: „Warum redet Herr Kretschmer so wie er redet?“ Die Angesprochene reagiert wie aufs Stichwort. Sie wirft dem Politiker Opportunismus vor. Er würde offenbar bewusst so reden, damit er Szenenapplaus bekomme.

Markus Lanz: Diese Gäste diskutierten in der Sendung

Kretschmer lässt sich nicht so leicht ins Abseits stellen wie die zurückhaltende Professorin Guérot. Er reißt das Wort wieder an sich, will erklären, warum er im Krieg in der Ukraine auf Mäßigung und Diplomatie setzt statt auf Eskalation. Aber Lanz unterbricht ihn schon wieder. Er stellt Kretschmer Fragen, die dieser gerade eben bereits beantwortet hat. „Ist Putin ein Kriegsverbrecher? Will er Verhandlungen?“ Die ZDF-Redakteurin Katrin Eigendorf, ein Urgestein des Journalismus, übernimmt die Wiederholung der Antworten. Nein, Putin sei selbstverständlich der Böse, er würde „keine Diskussionsgrundlage für Verhandlungen“ bieten, beobachtet Eigendorf. Die 60-Jährige, eine Senior-Reporterin vom alten Schlag, ist durch vier Jahrzehnte an vorderster Studiofront gestählt. Sie gerät sofort in Streit mit Kretschmer.

Markus Lanz: Kretschmer plädiert für Kriegsende durch Verhandlungen – „je eher, desto besser“

Irgendwann wird der Sachsen-Ministerpräsident ungehalten: „Wir müssen dafür sorgen, dass aus einem heißen Krieg ein eingefrorener Konflikt wird.“ Dies ginge „nur durch Verhandlungen, je eher desto besser“. Doch wer so einen Standpunkt vertrete, der werde als naiv oder als „Putin-Versteher“ gebrandmarkt. Eigendorf reagiert entsprechend. „Was bedeutet denn Einfrieren?“, fragt sie betont naiv. „Ich kann irgendwie ein Lebensmittel in meiner Kühltruhe einfrieren.“ Einfrieren im Krieg bedeute, den Maximalforderungen Putins nachzugeben. Diplomatie sei keine Option, Verhandlungen eine Niederlage.

Markus Lanz: Kretschmer warnt - „Wir stürzen die gesamte Welt ins Chaos“

Bevor Kretschmer reagieren kann, unterbricht ihn Lanz. „Ich kann da nicht ganz folgen. Sie tragen etwas vor, was Basiskonsens ist. Niemand ist der Meinung, dass dieser Krieg nicht enden sollte.“ Das allerdings hatte Kretschmer gar nicht behauptet. Er lässt sich von Lanz nicht so leicht unterbrechen wie höfliche Professorinnen, er unterbricht ihn seinerseits. „Wir haben einen furchtbaren Krieg, und wir stürzen die gesamte Welt ins Chaos.“

„Stopp“, ruft Lanz. Fünfmal. „Wer ist wir? Wer stürzt die Welt ins Chaos? Wer?“ Doch Kretschmer mag langsam nicht mehr. „Herr Lanz, man kann solche Gespräche so führen und dem anderen versuchen, immer so eine Karte beizuschieben… „Nein“, sagt Lanz leise, doch Kretschmer gibt Gas. „Sie haben eine andere Meinung als ich, das respektiere ich. Und ich erwarte, dass meine Meinung in gleicher Weise gelten kann. Natürlich hat Russland als Aggressor die erste Verantwortung für alles. Aber wir alle sind Handelnde.“

Markus Lanz: Eigendorf und Kretschmer mit Wortgefecht - „längst im Krieg mit Russland“

Jetzt kommen die Attacken von allen Seiten. „Wie verhandeln Sie mit jemandem, der nicht verhandeln will?“, fragt Lanz. Und Eigendorf wirft ein: „Putin weicht von seiner Position kein My ab!“ Als Kretschmer sie festnagelt, wird sie leise. „Was ist denn jetzt ihr Ziel?“, fragt er die Journalistin. „Das kann ich Ihnen nicht sagen“, antwortet Eigendorf. Sie weiß, dass nur eine konsequente Fortführung des Kriegs zum Ziel führt. „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“, sagt Kretschmer fassungslos. Eigendorf antwortet kurz und knapp: „Doch.“ Und sie setzt noch einen drauf: „Es geht hier nicht nur um die Souveränität der Ukraine. Wir befinden uns doch längst im Krieg mit Russland!“

Etwas überraschend wirft Kretschmer ein, wie wichtig ihm der Klimaschutz sei. Der argumentative Spagat kommt der Runde wie gerufen, wirkt wie vor der Sendung abgesprochen. Dort sitzt gleich der richtige Gesprächspartner: der bisher stumme Klima-Professor Quaschning. Der Wissenschaftler, der am liebsten bis 2025 alle Verbrenner-Autos verbieten möchte, schlägt nun von einer neuen Seite auf Kretschmer ein. Sachsen sei Schlusslicht in Deutschland in Sachen Solar und Windenergie. Journalistin Lindner wirft Kretschmer sogar eine „Verhinderungsplanung“ vor.

Markus Lanz: Klima-Diskussion in der Sendung - Kretschmer spricht von „Backup-Strategie“

Kretschmer scheint vorbereitet: „Diese Diskussion lässt sich prima führen, wenn man in Berlin-Mitte wohnt“, kontert er süffisant. Dass bei Leipzig mit dem Energiepark Witznitz eine der größten Solaranlagen Europas entsteht, muss er nicht einmal erwähnen. Kretschmer vermisst allerdings eine „Backup-Strategie“, die neben Kohle und Gas auch Biomasse, Wasserkraft und Fracking umfasst. „Ein Energiesystem wird nicht funktionieren nur mit Sonne und nur mit Wind. Wir brauchen eine grundlastfähige Energieform.“ Die Grünen würden die Explosion der Energiepreise „billigend in Kauf nehmen. Diese Energiewende wird so nicht laufen!“

Quaschning entwickelt ein Horrorszenario: „Wir brauchen in Deutschland 50.000 Windräder.“ Wo die alle stehen sollen und wo die Rotorblätter deponiert werden, wenn sie später Sondermüll sind, bleibt offen. Aber Tausende Windräder müssten nach Sachsen. Das Bundesland habe 2021 nur eine einzige Windkraftanlage gebaut. Kretschmer hat andere Prioritäten. „Wir erleben gerade eine Verteuerung, die bei vielen Menschen pure Angst erzeugt. Wir haben den Stillstand von Industrieanlagen. Wir müssen die Energiepreise nach unten bekommen. Das ist toxisch für unser Land.“

Markus Lanz: Fazit des Talks

Die Sendung war im Wesentlichen ein Schlagabtausch zwischen Markus Lanz und Michael Kretschmer. Die beiden lieferten sich ausgedehnte Duelle, in denen Lanz diverse Male eine für den Zuschauer recht unangenehme Block-Mentalität zeigte, die er im Frühjahr entwickelt hatte. Das kann er offenbar auch nach der Sommerpause nicht abstellen. Doch Kretschmer war kein so leichtes Opfer wie Ulrike Guérot, die Lanz konsequent zum Schweigen brachte. Kretschmer gab Kontra. Und ließ Lanz diverse Male konsterniert zurück. (Michael Görmann)

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