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WM-Boykott für Katar? Bei Lanz beharken sich Bundesliga-Duzfreunde – „Marcel, nenn mir mal ein Beispiel!“

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Moderator Markus Lanz mit seinen Gästen Fußballkommentator Marcel Reif und Sportjournalistin Lena Cassel.
Moderator Markus Lanz mit seinen Gästen Fußballkommentator Marcel Reif und Sportjournalistin Lena Cassel. © Cornelia Lehmann/ZDF

Einen Monat vor der WM in Katar will Markus Lanz einen Boykott debattieren. Dabei sind auch die Bundesliga-Kumpels Marcel Reif und Andreas Rettig nicht immer einer Meinung.

Hamburg – In einem Monat beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Zeit für Markus Lanz, sich nach Sinn und Unsinn von Boykottforderungen zu erkundigen. Sportfunktionär Andreas Rettig ist klar für einen Boykott, denn „da können wir jeder im Kleinen dazu beitragen“. Er selbst schaut die WM-Eröffnung nicht und geht stattdessen lieber „in eine Kölner Kneipe, um ganz bewusst über andere Dinge zu philosophieren bei einem guten Kölsch“.

Rettig will ein Zeichen gegen Scheinheiligkeit des Fußball-Weltverbandes FIFA setzen. Und er freut sich über Mitstreiter. „Es gibt ja mittlerweile eine Bewegung bundesweit, dass viele Wirte gesagt haben, bei mir gibt’s kein Fußball während der WM. Das trifft diejenigen, die das ‚Sportswashing‘ betreiben.“

Sportkommentator Marcel Reif gibt seinem Duz-Freund Rettig Recht. „Einschaltquoten sind hilfreich in dem Geschäft“, sagt Reif, „und mangelnde Einschaltquoten sind ganz besonders hilfreich“. Aber „das ist die persönliche Entscheidung eines jeden“. Rettig muss zugeben, dass seine eigene Verweigerungshaltung Grenzen hat. „Ich bekenne mich schuldig, dass meine Fußball-Leidenschaft größer sein wird als die Vernunft“, sagt er. Die deutschen Spiele werde er sich ansehen – „es ist nicht ganz konsequent“, räumt er ein. Und wenn Deutschland ins Finale komme, fahre er dann vielleicht sogar nach Katar, will Lanz wissen. Rettig: „Nein, also so weit geht die Fußballliebe dann doch nicht.“

Kritik am Weltfußballverband FIFA

Journalistin Lena Cassel fordert „einen lauten Protest“. Sie überlegt, bei ihrem Podcast „einen Spendentopf einzurichten, um den Entrechteten und den Opfern was zurückzugeben“. Es sei „das Mindeste, dass man einen Entschädigungsmechanismus findet“. Rettig erklärt: „Es wird da immer mit dem Deckmäntelchen gearbeitet: Ja, durch die Weltmeisterschaft wird etwas passieren. Was soll da passieren?“ Es seien viele Tote zu beklagen durch den Bau der Stadien, „und sie sind nur deshalb ins Bewusstsein gerückt, weil eben viele laut waren und die Öffentlichkeit hingeschaut hat“. Seine Kritik richtet sich gegen die FIFA und den Vergabeprozess. Katar sei „die schlechteste Bewerbung“ gewesen, hinzu kämen Korruption und die klimatischen Bedingungen. „Sie können bei 50 Grad keinen Fußball spielen, das ist ausgeschlossen“, klagt Rettig.

Eines der Grundprobleme in Katar sei das „Kafala“-System, das in der arabischen Welt gilt. Islamismus-Experte Sebastian Sons erklärt, dieses Vormundschaftssystem ermögliche es den Kataris, ihren Leiharbeitern die Pässe abzunehmen und ihre Ausreise unmöglich zu machen. Sie müssten „17, 18 Stunden arbeiten, sieben Tage die Woche“. Immerhin gebe es einen Mindestlohn von 2,50 Euro die Stunde, das sei zehnmal so viel wie in den armen Heimatländern. Die Lebenshaltungskosten in Katar seien allerdings ähnlich wie in Europa.

Mit Markus Lanz diskutierten diese Gäste

Rettig: „Was soll ich in Katar? Beckenbauer hat da auch keine Sklaven gesehen.“

Weil Rettig so resolut gegen die Missstände das Wort erhebt, will Lanz ihn festnageln: „Wie oft waren sie in Katar?“, will er von ihm wissen, doch der nimmt den Ball volley: „Ich war noch nie in Katar. Aber ich war auch noch nie in Nordkorea. Was soll ich in Katar? Beckenbauer hat da auch keine Sklaven gesehen.“ Lanz lässt das nicht gelten. „Sie urteilen hier, obwohl Sie noch nie da waren.“ Reif appelliert indes, man solle jetzt nicht die Toten gegeneinander aufrechnen. „Jeder Tote ist einer zu viel.“

Sons gibt zu bedenken, wie viele der Arbeiter tatsächlich gestorben sind, lasse sich seriös nicht herausfinden. Die Zahlen schwankten zwischen einem Dutzend und etwa 15.000. Aber sicher sei: „Von dem Kafala-System profitieren unglaublich viele Menschen, die damit wahnsinnig viel Geld verdienen.“ Man könne auf dem Markt Migranten rekrutieren „und transferieren für eine Vermittlungsgebühr, und damit verdient man Geld“.

„Es ist modernes Sklaventum“, urteilt Lanz, der offenbar selbst schon in Katar war. Ja, sagt Sons, und der Sport habe eine Verantwortung, darauf aufmerksam zu machen. Reif sieht den Zug dafür abgefahren. Die FIFA habe während des Vergabeprozesses die Macht gehabt, „zu sagen: Ihr wollt es? Ihr kriegt es, wenn… und dann müsste es einen Katalog geben“, der auch die Menschenrechte umfasse.

„Marcel, nenn mir mal ein Beispiel, wo ein Großereignis in einem Land irgendetwas verbessert hätte“, will Rettig wissen. „Nicht Großereignis“, kontert der, „steter Tropfen.“ Rettig überzeugt das nicht. „Es geht um Machtinteressen und um Kohle und um nix anderes.“ Die FIFA sei in der Lage, Steuerprivilegien auszuhandeln, aber vergesse die Menschenrechte.

WM in Katar: Fußballgeschäft ein „verkommenes System“?

Lanz erinnert daran, dass die FIFA überhaupt erst im Jahr 2015 die Menschenrechte in ihre Statuten aufgenommen habe, und Cassel sieht ihre ganze Fußball-Begeisterung in Frage gestellt: „Was da jetzt in Katar passiert, das konterkariert alles, was der Kern des Fußballs für mich persönlich ist.“ Der Moderatorin fehlt das bayerische „Mir san mir“- Gefühl. „Für mich ist eine Fußball-Weltmeisterschaft auch immer ein Brennglas dafür, was für eine Wirkmacht der Fußball im ganz positiven Sinne hat. Eine Strahlkraft, Menschen hinter einer Idee zu versammeln.“ Sie kritisiert den Zynismus in der Debatte. „Ab wann gucken wir denn die WM nicht mehr? Ab drei Toten? Ab 50, ab 60, ab 1000? Allein, dass wir darüber reden müssen, zeigt ja, wie verkommen das System ist.“

Lanz übt sich in Selbstkritik: „Wir sind ja als Medien manchmal auch Klischeemaschinen und ein sich selbst erhaltendes System.“ Es sei wichtig, nicht immer nur die Zahl zu kolportieren, sondern „zu fragen woher kommt denn eigentlich diese Zahl“. Cassel sieht die zentrale Frage ganz unabhängig davon: „Was hat Katar dem Fußball gebracht? Let’s break it down: Bisher sehr viele Tote.“

Fazit des Talks bei Markus Lanz:

Fußball verbindet die Menschen, aber er kann auch für kontroverse Diskussionen sorgen. Moderator Markus Lanz präsentiert Marcel Reif als Helden und Ikone – „der gute Geist, der über trüben Wassern schwebt“. Das ist vielleicht ein Fehler, denn nun übt sich Reif die ganze Sendung über in salvatorischer Nüchternheit und sucht den Ausgleich, wo er doch kaum zu finden ist. (Michael Görmann)

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