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Aktivistin glaubt bei „Lanz“ an Katar-Wandel – Strack-Zimmermann zieht Parallele zu Hitlers Olympia

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Markus Lanz mit seinen Gästen Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Jochen Breyer (Sportjournalist), Sylvia Schenk (Ex-Leichtathletin) und Mark Schieritz (Journalist).
Markus Lanz mit seinen Gästen Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Jochen Breyer (Sportjournalist), Sylvia Schenk (Ex-Leichtathletin) und Mark Schieritz (Journalist). © ZDF Mediathek (Screenshot)

Fußball-WM in Katar, Scholz’ Reise nach Peking und Deutschlands Abhängigkeiten in der Welt. Markus Lanz‘ Runde diskutiert am Dienstag die große Weltpolitik.  

Hamburg – Bei „Markus Lanz“ steht am Dienstagabend über weite Strecken die Sport-Politik im Mittelpunkt. FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann lässt gleich zu Beginn wissen, dass sie bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar nur einschalten werde, wenn Deutschland „gut spielt“. Dass der Sportjournalist Jochen Breyer sie daraufhin einen „Erfolgsfan“ nennt, kontert sie mit Humor: „Wer Mitglied bei den Freien Demokraten ist, wer Mitglied bei Fortuna Düsseldorf ist und Mitglied der katholischen Kirche, weiß, dass er viele Opfer bringen muss, um dabei zu bleiben.“

Der Journalist Mark Schieritz findet, die WM hätte nie an Katar vergeben werden dürfen „und jetzt sollte man nicht den Veranstaltern den Gefallen tun, auch noch einzuschalten“. Das sieht die ehemalige Profi-Leichtathletin Sylvia Schenk, heute Sportchefin bei Transparency International, ganz anders: „Ich fahre am 28. November als Volunteer auf eigene Kosten hin.“ Sie wolle das Ereignis vor Ort erleben und prüfen, wie Menschenrechtsfreiwillige vor Ort wahrgenommen würden, ihr Einsatz sei „ein großes Experiment der FIFA“.

Fußball-WM in Katar bei „Markus Lanz“: So hat Journalist Breyer den Skandal-Moment im ZDF erlebt

Breyer, der für eine Dokumentation über die WM in Katar dieses Jahr zwei Mal vor Ort war, berichtet von der Schwierigkeit, sich als Reporter frei zu bewegen. Er habe zu jeder Zeit eine Begleitung an die Seite gestellt bekommen: „Ein Pressesprecher, der natürlich sagt, er wird uns begleiten, er wird uns helfen. Aber in Wahrheit kontrolliert er uns natürlich auch. Der war auch bei allen Interviews vor Ort und hat geguckt, dass wir nicht links und rechts abbiegen.“ Katar sei eine „Fassadengesellschaft“ und hinter diese Fassade zu blicken, sei „enorm schwierig“.

Im Doku-Interview mit Katars WM-Botschafter sei diese Fassade ins Bröckeln geraten: Als Khalid Salman seine Sicht auf homosexuelle Menschen kundtat und forderte, dass sie sich in Katar (wo Homosexualität unter Strafe steht) an Katars Gesetze zu halten hätten. Strack-Zimmermann findet, Salman sei immerhin ehrlich, auch Breyer sagt, er habe die Situation als „Moment der Wahrhaftigkeit“ empfunden. Schenk findet gut, dass Breyer die Situation habe einfangen können – so ergebe sich möglicherweise die Chance auf eine Änderung der Situation für die queere Community Katars, etwa bei der Schärfe des Strafrechts. Breyer fragt beinahe mitleidig, ob Schenk wirklich glaube, dass das passieren könne. Die lenkt ein: „Kurzfristig natürlich nicht, aber da wird ja weiter dran gearbeitet werden.“

Katar: Ex-Sportlerin Schenk sieht bei „Markus Lanz“ eine „noch nicht perfekte“, aber positive Veränderung

Schieritz zweifelt an der von Schenk erhofften Entwicklung. Es habe schon genug Sportgroßveranstaltungen gegeben, durch die sich im jeweiligen Land nichts zum Positiven verändert habe. Schenk verteidigt ihre Sicht, von einer einfachen Kausalität gehe sie ebenfalls nicht aus. Die FIFA habe aber seit 2016 „Prozesse angestoßen“ und etwa den Verband ILGA (International Lesbian and Gay Association) punktuell in die Vorbereitung der WM einbezogen. Schenk meint: „Da sind Dinge gelaufen, die vor zwei, drei, vier Jahren noch undenkbar gewesen wären.“

Zwar handele es sich dabei um „klitzekleine Schritte“, doch eine systematische Arbeit biete dennoch die Chance auf Veränderungen. Schenk ist sich sicher, dass die internationale Gemeinschaft und die FIFA auch über die WM hinaus auf die Entwicklungen in Katar blicken werde. Gastgeber Lanz zeigt sich skeptisch: „Was haben wir denn in Peking gemacht? Was haben wir denn in Russland gemacht? Ist da irgendjemand bei dem Thema drangeblieben?“

Katar kommt bei Aktivistin überraschend gut weg, Strack-Zimmermann greift zu Hitler-Vergleich

Lanz kommt auf einen Artikel des britischen Guardian zu sprechen, der einst die Zahl von 6.500 Toten im Zusammenhang mit der WM-Vorbereitung in Katar kolportiert hatte. Schenk erklärt, dass der Fakt bis heute falsch zitiert werde und rechnet vor: Wenn in acht Jahren 6.500 Bauarbeiter beim Bau der Stadien gestorben wären, bedeute das bei einer Sechs-Tage-Woche zwei bis drei Tote täglich. Schenk sagt: „Glauben Sie ernsthaft, dass dann noch jemand die WM dort ausführen würde? Glauben Sie wirklich, dass Human Rights Watch, Amnesty International, die Gewerkschaften und all die Journalisten, die in den letzten Jahren dort waren, nicht gemerkt hätten, dass dort jeden Tag zwei bis drei Arbeiter sterben? Das ist eine völlig absurde Zahl.“ In Wahrheit, glaubt Schenk, habe Katar deutlich weniger Baustellen-Tote zu verzeichnen.

Nach so viel Katar-Fürsprache grätscht Strack-Zimmermann ins Gespräch. Sie finde die Theorie der scheibchenweisen Veränderung zwar spannend, hält aber für ersichtlich, dass Sportgroßveranstaltungen wie Olympische Spiele oder die Fußball-WM keine nachhaltige Veränderung bringen könnten: „Die traurigste Geschichte ist 1936, wo die Spiele in Berlin waren, und trotzdem hat Hitler drei Jahre später Krieg vom Zaun gebrochen.“ Breyer klagt zugleich, die FIFA halte sich nicht an ihre eigenen Statuten halte und sehe bei Regelbrüchen weg. So sei für eine WM-Bewerbung zwingend notwendig, dass das Bewerber-Land eine Frauen-Nationalmannschaft unterhalte. Diese sei in Katar 2009 gegründet worden, habe jedoch bereits 2014 ihr letztes Länderspiel absolviert und erscheine mittlerweile nicht einmal mehr in den Ranglisten der FIFA.

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 8. November

Schenk bleibt bei ihrer Sichtweise. Inzwischen werde „völlig anders an den Themen gearbeitet“, es habe sich im Ansatz der Auseinandersetzung auch bei den größten Akteuren etwas geändert. Darüber hinaus sei es besser, wenigstens Kleinigkeiten auf den Weg zu bringen als „gleich zu kapitulieren“.

Lanz moniert daraufhin eine Doppelmoral, die mit Blick auf Katar von Deutschland aus um sich greife: „Wenn wir das wirklich ernst meinen mit Menschenrechten, mit Dumpinglöhnen und so weiter, dann müssen wir morgen alle aufhören, immer wieder neue Klamotten zu kaufen, bei ganz bestimmten Ketten zu kaufen, dann müssen wir sofort aufhören mit unserer Art zu leben.“

Schieritz, der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auf der Reise nach Peking als Journalist begleitet hat, berichtet, das Thema Menschenrechte sei während der Reise durchaus besprochen worden. Dennoch erkennt die Runde an, dass große deutsche Konzerne, die einen beträchtlichen Teil ihrer Gewinne in China erwirtschaften, „kaum eine andere Wahl“ (Lanz) hätten, als dem Land entgegenzukommen. Strack-Zimmermann fordert dennoch, Teilhaben wie die der chinesischen Reederei Cosco am Hamburger Hafen künftig auf 24,9 Prozent zu beschränken und über parlamentarische Kontrolle zu genehmigen.

Energiekrise, China und die Rolle der FDP – Strack-Zimmermann bei „Markus Lanz“: „Natürlich haben wir das mitgetragen“

Schenk appelliert für eine umfassende internationale Kooperation: „Wenn wir zum Beispiel den Klimawandel in den Griff kriegen wollen, dann müssen wir zusammenarbeiten, dann wird man auch mit Russland wieder zusammenarbeiten müssen“, fordert sie. „Das muss alles zusammen gedacht werden und da werden wir nicht immer die Superlösung finden, wo wir alle Menschenrechte wunderbar befriedigen.“ Strack-Zimmermann entgegnet, dass das zwar niemand erwarte („Ich habe noch keine Lust, im Paradies anzukommen“), dass aber dennoch eine Diskussion darüber stattfinden müsse, um der „Überforderung der Menschen“ Rechnung zu tragen.

Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar sei das „deutsche Erfolgsmodell“ der Absatzmärkte im Ausland ins Wanken geraten, erklärt Strack-Zimmermann. Wirtschaftliche Abhängigkeiten seien zu hinterfragen – auch in ihrer eigenen Partei: „Wenn jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen ist, Dinge zu hinterfragen! Wir tun das sehr intensiv, es ist jetzt auch eine andere Generation. Natürlich haben wir als Freie Demokraten mit Wirtschafts- und Außenministern das mitgetragen.“ Die Politik müsse jedoch immer „aus der Lage heraus entscheiden“ und wenn die Lage sich verändere, müsse auch über eine neue Bewertung nachgedacht werden.

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Die „Markus Lanz“-Runde um FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Menschenrechtsfunktionärin Sylvia Schenk sowie den Journalisten Jochen Breyer und Mark Schieritz schlägt einen Bogen vom Sport über die Menschenrechte hin zur Geopolitik. Die Gäste diskutieren sich von der Fußball-WM in Katar zur wirtschaftlichen Abhängigkeit von China und dessen Macht in der Welt, die auch Russland wieder in die internationale Gemeinschaft einhegen könne. Strack-Zimmermann: „Die Chinesen könnten diesen Krieg, weil sie großen Einfluss auf Russland haben, mit beenden. Wenn die Chinesen heute die Hand wegziehen, bleibt Putin gar nichts anderes mehr übrig.“ (Hermann Racke)

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