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Weil beklagt „zu Tode bürokratisierte“ Energiewende: Hitzige Debatte zu Fracking – „Das ist Lobbyismus!“

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Bei „Markus Lanz“ kommt es zu einem Wortgefecht über Fracking in Deutschland. Ministerpräsident Weil sieht nur wenig Chance für die Alternative.

München – Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil attackiert CDU-Chef Friedrich Merz bei „Markus Lanz“. Dessen Kritik am neu geplanten Bürgergeld sei unglaubwürdig, da er sich noch vor kurzem vehement gegen eine Erhöhung des Mindestlohns gewehrt habe. Die Reformierung des Hartz-IV-Systems biete die Chance auf Fortbildung und Qualifikation. „Wir haben Fachkräftebedarf in Deutschland, und zwar wachsenden“, sagt Weil.

Da könne man sich keine weiteren „Drehtüren-Effekte“ leisten, bei denen Erwerbslose nur kurz aus Hartz-IV herauskämen und dann sofort wieder im Jobcenter vorstellig würden. „Was der Herr Merz hier hochgezogen hat, das waren wirklich Nebenthemen. Ob ich das sogenannte Schonvermögen bei 40, 50 oder 60.000 Euro habe, das ist nun wirklich eine Geschmacksfrage“, sagt Weil. Wichtig sei: „Es ist wesentlich mehr.“ Es sei „empirisch erwiesen: Die meisten Leute beziehen Hartz IV, weil sie krank sind, oder aber, weil die Qualifikation nicht stimmt.“

„Markus Lanz“: Weil spricht sich für weitere Erhöhung des Mindestlohn aus

Stephan Weil zu Gast bei Markus Lanz am 24.11.2022.
Stephan Weil zu Gast bei Markus Lanz am 24.11.2022. © Cornelia Lehmann/ZDF

Zwei Milliarden Euro, rechnet Moderator Lanz vor, gebe der Staat jedes Jahr für Fortbildungsmaßnahmen aus. „Und trotzdem schaffen wir es nicht, die Leute zu qualifizieren. Das System ist eigentlich komplett gescheitert.“ Weil geht das zu weit: „Also das ist mir jetzt zu drastisch.“ Doch Lanz setzt noch einen drauf: „Wie können wir sicherstellen, dass jemand, der morgens aufsteht und zur Arbeit geht, signifikant mehr verdient als jemand, der es nicht tut? Der kann von seiner Arbeit schlicht und ergreifend nicht leben. Das ist doch zutiefst ungerecht, und das bringt viele Leute auf die Palme.“ Weil stimmt zu: „Beim Mindestlohn noch weiter hochzugehen, das finde ich eine sehr berechtigte Forderung.“

Mit Markus Lanz diskutierten diese Gäste

Beim Thema Fracking schlägt die Stunde der beiden Hauptduellanten des Abends. Geologe Prof. Hans-Joachim Kümpel erklärt, wo genau die deutschen Gasvorkommen liegen - bei Münster - und wie sauber und problemlos man es aus dem Boden holen könnte. Keine Erdbebengefahr, kein verseuchtes Grundwasser, entsprechende Videos aus den USA mit brennenden Wasserhähnen seien falsch. Dennoch, so klagt er, sei Fracking „für die Allgemeinheit Sodom und Gomorrha“. Aber: Schiefergas nicht zu nutzen, sei geradezu unverantwortlich für Deutschland.

Doch der ehemalige Präsident des Bundesamts für Geowissenschaften und Rohstoffe erhält einen herben Dämpfer. Als Journalistin Petra Pinzler zur Gegenrede ansetzt, dreht sie der schönen neuen Fracking-Welt den Gashahn zu. „Man kann die Geschichte auch andersherum erzählen“, setzt sie an. Kümpels Behörde habe sich schließlich von der industriefinanzierten „Martini-Stiftung“ beraten lassen, „die Fracking gut fand“. Die Behörde habe das Endlager als ungefährlich eingestuft und die Windkraft durch Schlagworte wie Infraschall diskreditiert. Lanz ist überrascht und stellt Kümpel zur Rede: „Es klingt so, als seien sie befangen. Gibt’s da etwas, was wir nicht wissen?“

„Markus Lanz“: Streitfrage Fracking – Journalistin Pinzler macht Druck auf Geologe Kümpel

Der Geologe bebt innerlich. „Interessanter Schwenk“, sagt er und will erklären, woher das Geld der Stiftung kam. „Wer war das? Wo ist das hergekommen?“, fragt Kümpel langatmig sich selbst und schaut intensiv an die Studiodecke. Schließlich führt er unter den „Stiftungsmitgliedern“ neben „Leuten aus Forschungsinstituten und von Behörden“ auch solche „aus der Industrie“ auf.

Pinzler piekst jedoch weiter: „Wenn die Wirtschaft eine Stiftung organisiert, die dann eine Behörde darin bestärkt, bestimmte Studien zu machen, würde ich sagen, ist das Lobbyismus.“ Sie bringt den Ex-Entscheider sichtlich in Bedrängnis. Der zieht sich schließlich aufs „Scholzen“ zurück „Ich habe nie den Eindruck gehabt, dass da Lobbyismus betrieben wurde.“ Pinzler dreht das Messer in der Wunde: „Die Stiftung ist finanziert worden aus der Wirtschaft.“

Geologe Kümpel kritisiert Flüssiggas aus den USA: „Hoher Co2-Rucksack“

Inmitten der Diskussion sieht Ministerpräsident Weil generell wenig Chancen für Fracking in Deutschland. Es gebe kein Thema, das „die Leute vor Ort“ so auf die Palme bringe wie Fracking: „Allein das Wort, und es bilden sich Bürgerinitiativen.“ Kümpel erwidert: Gasförderung durch Fracking sei in Deutschland bereits nächstes Jahr möglich. Außerdem habe Flüssiggas aus den USA „einen hohen Co2-Rucksack von 20 bis 25 Prozent“. Er kritisiert die Medien. „Was da alles geschrieben wird. Die sollten mal ein Praktikum machen, bei einem Bergamt.“

Pinzler hält mit Generalkritik dagegen: „Was ich im Moment erlebe, ist ein permanentes Kleinreden der Risiken.“ Sie stellt die FDP an den Pranger und die CSU gleich mit, „die sowieso alle Nase lang eine andere Energiepolitik will, aber vor allem immer eine, die irgendwie bei den Nachbarländern stattfindet“. Lanz freut sich über die klaren Worte: „Sie machen heute keine Gefangenen.“

Für Weil ist überteuertes Flüssiggas aus den USA keine wirkliche Alternative: „Es verbessert noch nicht mal unsere Klimabilanz, sondern verschlechtert sie.“ Immerhin: Die neuen Tankerterminals würden in Rekordzeit fertig und seien „alle H2-Ready“, also fit für den Import klimaneutralen (grünen) Wasserstoffs. Ein willkommenes Stichwort für Kümpel. Er schlägt die Weiternutzung von Fracking-Bohrlöchern für Erdwärme vor. Die lasse sich über Jahrzehnte nutzen, sei grundlastfähig und klimaneutral: „Das ist doch ‚ne tolle Sache.“ Kümpel: „Ich habe immer das Gefühl, alles wird wegargumentiert. Wir suchen überhaupt nicht nach Lösungen, wie wir aus dieser Klemme rauskommen.“ Den Ball nimmt Weil dankend auf: „Tiefengeothermie ist in der Tat eine richtig gute Perspektive und spätestens an der Stelle werden wir uns beide auch sehr schnell einig werden.“ Die Energiewende sei seit 2017 „zu Tode bürokritisiert worden. Jetzt werden wir, denke ich, bis 2024 brauchen, bis es wieder spürbar losgeht.“

Fazit des Talks bei Markus Lanz:

Pinzler und Kümpel gaben als engagierte Diskutanten dem Abend Würze. Daneben glänzte Ronny Blaschke mit beeindruckender Expertise. Der Journalist beschäftigt sich mit der politischen Seite des Sports. Sein Blick auf die Fußball-WM in Katar lieferte spannende Details. Dass etwa „auf Bitten der USA“ ein Büro der Taliban in Katar eingerichtet wurde, dürfte nicht nur Markus Lanz überrascht haben. (Michael Görmann)

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