1. Mannheim24
  2. Politik & Wirtschaft

„Erstes Opfer russischer Propaganda“? Lanz will Wagenknecht packen – kurz vor Schluss weicht sie aus

Erstellt:

Kommentare

Dr. Sahra Wagenknecht (Die Linke) im Gespräch mit dem Berater des inhaftierten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny Leonid Wolkow bei „Markus Lanz“.
Sahra Wagenknecht (Die Linke) im Gespräch mit dem Berater des inhaftierten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny Leonid Wolkow bei „Markus Lanz“. © Cornelia Lehmann/ZDF

Sahra Wagenknecht darf bei Markus Lanz ihre Ansichten zu Putin verkünden. Flankiert vom Nawalny-Vertrauten Wolkow will er die Linken-Politikerin in die Zange nehmen.

Hamburg – Während AfD-Parteichefin Alice Weidel zum Interview in der ARD bei Sandra Maischberger saß, fühlte im ZDF Markus Lanz der Linken-Abgeordneten Sahra Wagenknecht auf den Zahn. Dabei zeigten sich so einige inhaltliche Parallelen zwischen den beiden - für Provokationen bekannten - Politikerinnen vom linken und rechten Spektrum der Bundestagsparteien.

Stein des Anstoßes sind bei Lanz zwei Sätze, die Wagenknecht in der Haushaltsdebatte vor knapp zwei Wochen der Ampel-Regierung entgegengeschleudert hatte. Wagenknecht hatte das deutsche Kabinett als „dümmste Regierung in Europa“ bezeichnet und zudem behauptet, Deutschland habe „beispiellosen Wirtschaftskrieg gegen unseren wichtigsten Energielieferanten vom Zaun gebrochen“ – gemeint war natürlich Wladimir Putins Russland. Viele Mitglieder der AfD-Fraktion im Bundestag hatten daraufhin beherzt geklatscht.

„Wo kommen wir hin, wenn wir etwas nicht benennen, weil die AfD applaudieren könnte?“, wehrt sich Wagenknecht bei Lanz gegen Kritik. Und bekräftigt nochmal wiederholt ihre Forderung nach einem Ende der „fatalen Wirtschaftssanktionen“, die ihr zufolge allein Deutschland schadeten, nicht aber Putin. Wagenknecht liegt damit auf Kurs mit Weidel, aber nicht unbedingt mit Wirtschaftsexperten. Sie fügt hinzu, dass von den Sanktionen - angeblich als „objektives Ergebnis“ - allein die „USA profitieren“. 

„Markus Lanz“ - diese Gäste diskutierten mit:

Wagenknecht verweist auf die Atommacht Russlands und lässt die westlichen Staaten schwach aussehen: „Wo haben Sanktionen schon mal einen Regimewechsel bewirkt?“. Lanz geht da so langsam – aber deutlich erkennbar – der Puls in die Höhe. Er versucht dennoch seiner Rolle als Moderator gerecht zu werden: „Sie sagen, was die einen machen, ist schlimm. Aber was die anderen machen, ist auch schlimm.“ Dann verweist er darauf, dass Aktion und Reaktion – „Täter und Opfer“ – nicht gleichzusetzen seien: „Krasse Umkehr der Logik“ und „krude“, befindet Lanz schließlich und stellt klar: „Es gibt nur eine Macht und die sitzt im Kreml und heißt Wladimir Putin.“

Wagenknecht bleibt beim Vorwurf der „Putinversteherin“ ruhig

Auch der Deutsch sprechende Leonid Wolkow, Vertrauter des inhaftierten russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, befindet trocken in Richtung Wagenknecht: „Alles, was Sie sagen, ist Putins Traum.“ Die deutsche Politikerin bediene genau die Stoßrichtung der russischen Propaganda im Ukraine-Krieg. Lanz setzt nach: „Dass das erste Opfer russischer Propaganda“ eine „kluge Frau“ wie Wagenknecht sei, verwundere ihn. Doch Wagenknecht lassen beide Kommentare unberührt. Vielsagend ist auch ihr eiserner Gesichtsausdruck als Wolkow später sagt, dass er glaube, dass Nawalny eines Tages russischer Präsident sein werde - und lächelnd hinzufügt: „Er hat es verdient.“

Von links: Markus Lanz, Dr. Sahra Wagenknecht, Leonid Wolkow, Kerstin Münstermann.
Von links: Markus Lanz, Dr. Sahra Wagenknecht, Leonid Wolkow, Kerstin Münstermann. © Cornelia Lehmann/ZDF

Wolkow, der seit 2019 im litauischen Exil lebt, erklärt, warum er Wagenknechts Haltungen und Ideen für falsch hält: „Ein Waffenstillstand“, so Wolkow, sei „Putins Traum“. Das würde eine weiter nach Westen vorgerückte „grüne Linie auf der Karte bedeuten“ und die Annexion der bereits eroberten Gebiete. „Eine neue Realität“ und die Fortführung einer Strategie von 2014, als Putin erstmalig ukrainische Gebiete besetzen ließ.

Westliche Politiker könnten dann zwar sagen: „Wir haben Frieden gemacht. Die ukrainischen Flüchtlinge fahren wieder nach Hause. Es gibt keinen Krieg mehr und wir verdienen wieder Geld.“ Aber Wolkow ist sich sicher, es wäre bloß ein kurzfristiger Stillstand: „Putin wird diese Pause benutzen, um wieder zu bewaffnen, die Armee wiederaufzubauen und es kommt dann zu einer nächsten Runde.“

„Lanz“: Nawalny-Berater sagt Mobilmachung und Atomwaffen-Erpressung voraus

Wagenknecht tut die Argumentation schnell ab. Weder Russland noch die Ukraine könnten den Krieg gewinnen, so Wagenknecht, und Deutschland könne der Ukraine nicht helfen. Wir schadeten nur „uns selber“, wenn Deutschland die wirtschaftlichen Sanktionen nicht beende, so die Linke: „Das Kernproblem ist doch, dass wir mehr auf russische Rohstoffe angewiesen sind, als Russland darauf angewiesen ist, dass wir das kaufen.“ Und: „Wir lassen uns immer mehr in diesen Krieg hineinziehen. Das ist gefährlich.“

Auch Wolkow sieht durchaus eine Verschärfung der Situation: Nach den „Erpressungsversuchen“ durch den Stopp der Getreide- und der Gaslieferungen folge nun, so ist sich Wolkow sicher, die „Atomwaffen-Erpressung“. Außerdem vermutet er bereits in absehbarer Zeit eine Mobilmachung in Russland - am Mittwochmorgen ordnete Putin tatsächlich eine Teilmobilmachung an.

Wagenknecht glaubt nicht, dass die Ukraine gegen Russland siegen kann. Auch Russland sieht Wagenknecht, die in Bezug auf den Einmarsch der russischen Truppen komplett danebenlag und noch am Vortag der russischen Invasion dieses Szenario überzeugt abtat, nicht in der Lage, seine militärischen Ziele zu erreichen. Egal, ob der Westen die Ukraine unterstütze oder nicht. Sie fordert erneut einen Rückzug aus dem Konflikt und Verhandlungen. Gibt aber auch zu, dass Russland diese von sich aus wohl nicht wolle.

Wagenknecht wirft der deutschen Regierung „Doppelmoral“ im Ukraine-Konflikt vor

Politik-Journalistin Kerstin Münstermann ist diese Sichtweise unverständlich: „Schaden wir uns nicht viel mehr, wenn wir Putin gewähren lassen?“, hinterfragt sie Wagenknechts Aussagen. Schließlich gehe es um die Verteidigung „demokratischer Werte“. Lanz stimmt mit ein: „Finde ich auch“. Wagenknecht sieht das anders: „Mit Waffen und Moral kann man keinen Krieg gewinnen.“ Dieses Mal gibt Wolkow Kontra: „Doch.“ Und Lanz packt Wagenknecht nun bei der Ehre: „Wir sind geradezu verpflichtet, einem Land, das überfallen wird, zu helfen“, sagt er.

Wagenknecht meint, Deutschland habe in vielen anderen Kriegen die Augen verschlossen und mit Waffenexporten dazu beigetragen, dass diese sich sogar verschärft hätten. Die Linke fängt sich allerdings einen Moderatoren-Konter als sie von „Doppelmoral“ spricht.

Was sei denn, „wenn Sie mit Moral argumentieren“, wenn Sie in Bezug auf Russland die Einstellung der Sanktionen fordere. „Ist das dann moralisch verkommen?“, fragt Lanz. Da fällt Wagenknecht nichts ein, sie lenkt ab. „Kein Whataboutism“, warnt Lanz. Eine Antwort gibt’s trotzdem nicht. „Ich bedanke mich bei Sahra Wagenknecht, streitlustig wie eh und je“, schließt Lanz die Sendung.

Fazit des „Markus Lanz“-Talks

Das war Bildungsfernsehen - allerdings im Sinne des Versuchs der Weiterbildung der Sahra Wagenknecht. Lanz gab alles. Erfolg hatte er trotzdem nicht. (Verena Schulemann)

Auch interessant

Kommentare