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„Düstere“ Aussichten: Tausende Menschen könnten dieses Jahr ihren Job verlieren

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Von: Helena Gries, Moritz Serif, Nail Akkoyun

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Der Gas-Notfallplan der EU ist in Kraft getreten. Im Winter sollen freiwillig 15 Prozent Erdgas eingespart werden. Die IW gibt eine Prognose ab.

Update vom Donnerstag, 11. August, 12.00 Uhr: Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat vor dem Verlust von hunderttausenden Jobs sowie zweistelligen Inflationsraten durch hohe Gaspreise gewarnt. In einer am Donnerstag (11. August) veröffentlichten Studie simulierten die Forschenden die Folgen für Arbeitsmarkt und Konjunktur, wenn der Gaspreis im dritten Quartal verglichen mit dem zweiten Quartal um 50 Prozent steigt sowie für den Fall, dass er sich verdoppelt.

Grundannahme sind die Folgen des Ukraine-Kriegs, besonders die Energiekrise. Russland hat seitdem seine Rohstofflieferungen drastisch gekürzt, weshalb Importeure teure Alternativen einkaufen müssen, um die Verträge bedienen zu können. Zugleich streben Deutschland und auch die anderen EU-Länder an, ihre Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu reduzieren, was ohnehin mit hohen Kosten verbunden ist.

Aufgrund der Energiekrise könnten alleine in diesem Jahr noch 30.000 Menschen ihre Jobs verlieren. (Symbolfoto)
Aufgrund der Energiekrise könnten alleine in diesem Jahr noch 30.000 Menschen ihre Jobs verlieren. (Symbolfoto) © Elmar Gubisch/Imago

Das Ergebnis der simulierten Entwicklungen seien „düstere“ Aussichten, warnte das IW-Team. Bei einem Anstieg der Gaspreise um 50 Prozent dürfte die Inflationsrate um 0,9 Prozentpunkte im Jahresdurchschnitt und um 1,3 Prozentpunkte im kommenden Jahr steigen. Bei einer Verdopplung der Gaspreise, was ein derzeit „realistisches“ Szenario sei, würde die Inflation um einen Punkt in diesem Jahr und um fast vier Prozentpunkte im nächsten Jahr wachsen.

Energiekrise: 30.000 Menschen könnten noch dieses Jahr ihren Job verlieren

Zuletzt lag die durch die Energiekrise angetriebene Inflation im Juli bei 7,5 Prozent. Nahrungsmittel wurden um fast 15 Prozent teurer. Die Inflation wurde zugleich durch staatliche Maßnahmen wie das Neun-Euro-Ticket abgebremst. Bei einer Verdopplung der Gaspreise könnten den IW-Berechnungen zufolge noch in diesem Jahr 30.000 Menschen ihren Job verlieren. Im kommenden Jahr könnte das bei diesem Szenario schon 307.000 Menschen treffen.

Das IW berechnete auch die Folgen für das Bruttoinlandsprodukt bei einer Verdopplung der Gaspreise im dritten Quartal von Juli bis September: Dann könnte die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr immerhin um 0,2 Prozent schrumpfen und im kommenden Jahr dann um zwei Prozent einbrechen. Das entspricht einem Verlust von 70 Milliarden Euro.

Noch gar nicht mit berücksichtigt in den Berechnungen sind Auswirkungen von Produktionsausfällen bei einem Stopp der Gaslieferungen, gibt das IW zu bedenken. „Das würde zusätzliche hohe Preisschocks in den Wertschöpfungsketten auslösen“, erklärte Studienautor Thomas Obst. Viele Experten rechneten derzeit noch mit einem Aufschwung im kommenden Jahr, jedoch: „Es kann aber sein, dass daraus nichts wird.“

Energiekrise: Kanzler Scholz optimistisch – „Wenn es gut läuft, schaffen wir das“

Update vom Mittwoch, 10. August, 21.00 Uhr: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat sich trotz der Probleme bei der Energieversorgung zuversichtlich geäußert, dass Deutschland eine Gaskrise bewältigen kann. „Wir haben früh entschieden. Wir bereiten uns darauf vor, dass es ganz arg kommen kann“, sagte Scholz bei einem Wahlkreisgespräch vor rund 150 Bürgerinnen und Bürgern am Mittwochabend (10. August) im brandenburgischen Michendorf.

Mit Blick auf den Fall, dass Deutschland kein Gas mehr bekomme, sagte der Kanzler: „Deshalb haben wir sehr, sehr weitreichende Entscheidungen getroffen, die jetzt dazu beitragen, dass es zwar haarig und eng werden kann, aber wir eine Chance haben, durch diese schwierige Situation durchzukommen.“

Scholz nannte als Beispiele für Maßnahmen der Bundesregierung den Bau von Pipelines an die norddeutschen Küsten, den Bau von Flüssiggasterminals und das Füllen der Gasspeicher. Mehrere Maßnahmen sollten dazu beitragen, diese schwierige Phase durchzuhalten. „Wenn es gut läuft, schaffen wir das auch.“ Angesichts hoher Energiepreise versicherte Scholz, die Bevölkerung zu entlasten und verwies auf bereits beschlossene Entlastungspakete der Bundesregierung.

Energiekrise: CDU-Politiker Haselhoff fordert Mitbestimmung — Netzagentur widerspricht

+++ 15.57 Uhr: Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) fordert angesichts einer möglichen Gasknappheit mehr Mitbestimmung der Länder bei der Verteilung. Momentan liegt die Verantwortung bei einer Verschärfung der Lage bei der Bundesnetzagentur. „Das kann‘s alleine nicht sein, das muss politisch begleitet werden.“ Aus seiner Sicht spielt dabei insbesondere die Binnenkenntnis der Länder über Ketten und strategische Abhängigkeiten der Wirtschaft eine wichtige Rolle.

Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller sagte am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin, dass die Länder aus seiner Sicht ausreichend in die Erarbeitung der Notfallpläne eingebunden seien. Sie seien von Anfang an am Krisenteam Gas beteiligt gewesen, Anregungen und Kritik nehme die Netzagentur gerne auf, sagte Müller. Transparenz sei wichtig, allerdings müsse in Krisensituationen schnell gehandelt werden.

Energiekrise: IG Metall warnt vor Folgen bei Gaseinsparungen

+++ 13.35 Uhr: Die IG Metall warnt mit Blick auf die kältere Jahreszeit vor ganz konkreten Folgen möglicher Gaseinsparungen für Arbeitnehmer. Diese müssten vor gesundheitlichen Risiken bei zu niedrigen Temperaturen am Arbeitsplatz geschützt werden, sagte Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. „Die Absenkung der Raumtemperatur unter die Mindestgrenze von 20 Grad bei Büroarbeit würde die Infektions- und Erkältungsgefahren in den Betrieben erhöhen, was zu weiteren Ausfalltagen und erhöhten Kosten für die Unternehmen führen würde.“ 

Über die richtige Vorbereitung auf eine mögliche Gasknappheit wird in Deutschland noch diskutiert. Mehrere Bundesländer pochen auf mehr Mitsprache bei der Erstellung von Notfallplänen. Die Debatte um die Gasumlage geht indes ebenfalls weiter. Die entsprechende Verordnung für die Umlage trat am Dienstag in Kraft. Sie wird ab Herbst zu Preissteigerungen für Gaskunden führen und ermöglicht es den Gasversorgern, Mehrkosten an die Verbraucher weiterzugeben.

Gas-Notfallplan in Kraft: Deutschland muss Gas-Verbrauch drastisch reduzieren

Erstmeldung, 09. August: Brüssel – Der Gas-Notfallplan der EU zur Vorbereitung auf einen möglichen Stopp russischer Erdgaslieferungen ist in Kraft getreten. Nach seiner Veröffentlichung im Amtsblatt der EU am Montag (8. August) erlangte der Plan am Dienstag Gültigkeit. Die Verordnung sieht freiwillige Erdgas-Einsparungen von Anfang August bis März nächsten Jahres in Höhe von 15 Prozent pro Land vor, verglichen mit dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre dieser Periode.

Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine hat Russland seine Lieferungen an die EU bereits drastisch reduziert. Insgesamt müssen nach Zahlen der EU-Kommission 45 Milliarden Kubikmeter Gas gespart werden. Deutschland müsste etwa 10 Milliarden Kubikmeter Gas weniger verbrauchen, um das 15-Prozent-Ziel zu erreichen.

Energiekrise: Deutschland muss voraussichtlich deutlich mehr Gas sparen

Wie die 27 EU-Länder ihre Nachfrage senken, bleibt ihnen überlassen. In der Verordnung sind zahlreiche Ausnahmen für Staaten sowie „kritische Wirtschaftszweige“ wie etwa die Lebensmittelindustrie vorgesehen. Ob das geplante Einsparziel von insgesamt 45 Milliarden Kubikmeter Gas so erreicht werden kann, ist unklar.

Die Ausnahmen bedeuten, dass Deutschland in diesem Winter voraussichtlich deutlich mehr Gas sparen muss als andere Länder, um bei einem möglichen russischen Gaslieferstopp massive Probleme für die Industrie oder sogar eine Rezession zu verhindern. Das hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nach der Einigung auf den Gas-Notfallplan Ende Juli in Brüssel gesagt.

Falls nicht genug gespart wird und es weitreichende Versorgungsengpässe gibt, kann im nächsten Schritt ein EU-weiter Alarm mit verbindlichen Einsparzielen ausgelöst werden. Die Hürde dafür ist allerdings hoch: Nötig wäre die Zustimmung von mindestens 15 EU-Ländern, die zusammen mindestens 65 Prozent der Gesamtbevölkerung der Union ausmachen. Zugleich haben mehrere Länder - etwa Spanien und Italien - für diesen Fall Ausnahmen von den verbindlichen Sparzielen ausgehandelt und wollen weniger als 15 Prozent sparen. Der Notfallplan gilt zunächst für ein Jahr. (hg/mes/nak mit dpa/AFP)

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