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Von „Blackout“ zu „Hand-Präservativ“: Giffey stimmt Lanz auf Teil-Stromausfälle ein – dann übernimmt der Ulk

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Die regierende Bürgermeisterin von Berlin Franziska Giffey (SPD) zu Gast bei „Markus Lanz“.
Die regierende Bürgermeisterin von Berlin Franziska Giffey (SPD) zu Gast bei „Markus Lanz“. © Cornelia Lehmann/ZDF

Der Winter steht vor der Tür und Markus Lanz malt düstere Szenarien an die Wand. Franziska Giffey gerät unter Druck – ehe die Runde in Ulk abzugleiten droht.

Hamburg – Markus Lanz geht in seinem ZDF-Talk auch am Donnerstag hart in den Verbalkampf mit der SPD: Die Regierende Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey, kommt in der Runde stellvertretend für die Bundesregierung in Erklärungsnotstand – und lehnt sich beträchtlich weit aus dem Fenster.

Der Vorwurf: Wahlkampf-Politik im Ukraine-Krieg. Publizist Hajo Schumacher kommentiert mit Blick auf die Landtagswahlen in Niedersachsen, Robert Habeck halte sich bis dato in Sachen Atomstrom und Christian Lindner in Sachen Schuldenbremse zurück – und Giffey gibt zu: „Das spielt natürlich eine Rolle, das muss man ganz klar sagen“. Sie liefert auch eine These für die Hintergründe: Der „Kampf gegen die Atomkraft“ sei immerhin ein „Gründungsmythos der Grünen“. Lanz gibt sich überrascht: „Ich würde mich nicht trauen, das so zu sagen“.

„Markus Lanz“ - diese Gäste diskutierten mit:

Erneut geht es bei Lanz um das Thema Energiekrise. Dieses Mal fährt der Moderator ordentlich auf und schildert vor einem Studio-Hintergrund mit Wort „Blackout“ in dicken roten Lettern, was Deutschland bei eben diesem drohen könnte: nicht nur fehlende Wärme und Licht. Auch Klärwerke liefen nicht mehr, das Bahnnetz würde zusammenbrechen, keine Möglichkeit mehr für Evakuierungsmaßnahmen, keine Benzinversorgung, keine Nachrichten und Informationen mehr. „Auch kein Markus Lanz mehr“, ergänzt Schumacher ironisch die Apokalypse-Darstellung des Moderators, die ein wenig zu sehr an einen Hollywood-Thriller erinnert.

„Ein Horrorszenario“, fasst Expertin Lamia Messari-Becker dennoch die Darstellungen zusammen. Die Professorin für Gebäudetechnologie hält die Gefahr einer Kettenreaktion für nicht ganz unrealistisch: „Wir brauchen Strom an Stellen, wo wir es uns nicht vorstellen können“, mahnt sie. Und stellt klar: Auch eine Ölheizung brauche Strom, genauso wie die Trinkwasserversorgung in den Haushalten. Doch um vorzubeugen, gebe es dafür auch in allen Kommunen „Evakuierungspläne“ und bei den zuständigen Ministerien Notfallpläne. Messari-Becker macht aber auch nochmal deutlich: Momentan sei man davon noch sehr weit entfernt.

Berlins Bürgermeisterin Giffey schließt Stromausfälle von zwei, drei Stunden nicht aus

Auch Giffey ist wenig begeistert von Lanz’ Schreckensszenario: Bilder wie diese schürten bloß Angst in der Bevölkerung, das sei wenig förderlich, sagt die Regierende Bürgermeisterin. Sie gibt aber zu, dass Berlin dieses Szenario - bei einer Verkettung vieler Umstände - theoretisch drohen könne. Es liefen daher hierzu die Vorbereitungen, um die Hauptstadt vor einem totalen Stromausfall zu schützen. Die Schädigung der Anlagen zu vermeiden, sei der „wichtigste Punkt“, so Giffey und schloss partielle und angekündigte Stromausfälle für „zwei bis drei Stunden“ nicht aus.

Lanz bohrt weiter und Giffey sieht sich nun in der Defensive: Nur weil es Pläne für den Notfall gebe, bedeute es nicht automatisch, „dass morgen so ein Zustand eintritt“, betont die Politikerin. Man tue „alles dafür“, dass es nicht passiere. Lanz lässt nicht locker und greift bei Giffey von anderer Seite an. Als Giffey von einem Bäckerbetrieb berichtet, dessen monatliche Energiepreise zuletzt von rund 2000 auf 12.000 Euro monatlich gestiegen seien, will Lanz wissen, ob sie dem Unternehmen versprechen könnte: „Dich retten wir!“

Giffey reagiert säuerlich: „Ich kann das nicht garantieren, Herr Lanz, das wissen Sie auch“ und verweist auf die „Bundesebene“ und die Ministerpräsidentenkonferenz am 28. September. Die SPD-Politikerin fordert sowohl den „Energiespardeckel“ als auch die dafür notwendige Auflösung der „Schuldenbremse“. Giffey mit einem verzweifelt klingendem Tonfall: „Wir haben eine Ausnahmesituation!“

Als Lanz Giffey - deren Umfragewerte derzeit auf einem Tiefstand angekommen sind - auf mögliche Neuwahlen in Berlin wegen verfassungswidriger Umstände bei den letzten Landeswahlen anspricht, wischt sie das Thema beiseite: „Das Thema Nachwahlen wird irgendwann im März wichtig sein, aber nicht jetzt. Jetzt müssen wir erstmal die Bevölkerung entlasten und dafür sorgen, dass die Menschen schneller in Sicherheit kommen.“

Beim Thema „Waschlappen“ kommt Freude auf: Psychologe spricht von „Hand-Präservativ“

Als die Frage aufkommt, was die Bürger selber unternehmen können, um die Folgen der Energiekrise abzumildern, sinkt das Besorgnis-Niveau in der Runde merklich. Dafür wird es aber auch unterhaltsamer. Der Psychologe und Marktanalyst Stephan Grünewald kommentiert den Sparvorschlag von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, statt zu duschen auf Waschlappen zurückzugreifen. Grünewald erklärt, dass solche Aussagen von weiten Teilen der Bevölkerung als „Bevormundung“ aufgefasst würden.

Das „Hand-Präservativ“, so Grünwald weiter - und erntet damit zumindest von Lanz Lacher - vermiese uns die sinnliche Erfahrung durch das morgendliche, erfrischende Duschen. Es entstehe beim Zuhörer ein Bild von einem „dunklen, kalten Winter“, bei dem man sich noch nicht mal mehr „mit sich selbst in Berührung kommen dürfe“, so der Psychologe. Der „kratzige Lappen“ wecke zudem bei vielen unangenehme Kindheitserinnerung an die Zeit, als man als Kind von den Eltern „abgeschrubbt“ worden sei.

Weniger lustig ist Grünwalds Prognose im Hinblick auf die Solidaritätsbereitschaft der Menschen: Die sei im Sinken begriffen, so der Experte. Derzeit sei eine Entwicklung zum Einzelkämpfertum zu erkennen. Bei den multiplen Krisen, die wir derzeit als Gesellschaft erfahren, sollte der Bewahrung des „sozialen Friedens“ mehr Beachtung beigemessen werden, mahnt Grünwald.

Fazit des „Markus Lanz“-Talks

Könnte, hätte - die Vokabeln der Talkrunde. Könnte es einen Blackout in Berlin geben? Könnte der Hälfte der Bevölkerung nach diesem Winter die berufliche und private Pleite drohen? Könnte die Versorgung des Landes zusammenbrechen? Lanz greift tief in die Horror-Szenarien-Kiste und betont: „Wir wollen hier niemanden Angst machen“, malt aber weiter den Teufel an die Wand - teilweise erstaunlich vergnügt. Das holt wohl kaum jemanden ab. (Verena Schulemann)

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