1. Mannheim24
  2. Politik & Wirtschaft

Bundesnetzagentur: Gas-Vorräte reichen bei Lieferstopp keine drei Monate

Erstellt:

Von: Lisa Mayerhofer

Kommentare

Die Gasspeicher in Deutschland sind besser gefüllt als erwartet. Doch Grund zur Entwarnung ist das nicht, mahnen Experten - im Gegenteil.

Berlin – Das gute Wetter sorgt für eine bessere Befüllung der Gasspeicher in Deutschland: Trotz der seit Wochen deutlich reduzierten Liefermengen aus Russland sind die Speicher wieder zu mehr als 75 Prozent gefüllt. Das klingt zwar erst einmal sehr beruhigend – doch das bedeutet noch lange nicht, dass das Gas den ganzen Winter reichen wird, warnen Experten.

Gasspeicher: Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller zweifelt an Zielerreichung

„Wir haben das erste Zwischenziel vor der Zeit erreicht. Das ist erfreulich“, sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller. „Nun gilt es, nicht nachzulassen beim Befüllen der Speicher. Das Gas, das jetzt in die Speicher fließt, kann uns im Winter helfen.“ Die nächsten Ziele seien ambitioniert.

Die Verordnung sieht vor, dass die deutschen Speicher am 1. September zu mindestens 75 Prozent gefüllt sein müssen. Am 1. Oktober sollen es mindestens 85 Prozent und am 1. November mindestens 95 Prozent sein. Die Speicher gleichen Schwankungen beim Gasverbrauch aus und bilden damit eine Art Puffersystem für den Gasmarkt. Sollte Russland seine Gaslieferungen weiter reduzieren oder sogar einstellen, wäre vorgesorgt – allerdings nur für kurze Zeit. Die Gasmenge bei einem Füllstand von 95 Prozent entspricht etwa dem bundesweiten Verbrauch im Januar und Februar 2022.

Das bestätigt auch Müller gegenüber der US-Nachrichtenagentur Bloomberg: Wenn die Gasspeicher bis November zu 95 Prozent gefüllt sind, „würde das nur etwa zweieinhalb Monate des Heizungs-, Industrie- und Strombedarfs abdecken, wenn Russland die Lieferungen vollständig einstellt“, sagte er Bloomberg.

Er bezeichnete es gegenüber dem Magazin außerdem als „schwierig“, das November-Ziel von 95 Prozent überhaupt zu erreichen, da einige Gasspeicher mehr Zeit für die Befüllung benötigen würden. „Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass alle Speicher in Deutschland im November zu 95 Prozent gefüllt sein werden, selbst bei guten Angebots- und Nachfragebedingungen“, sagte Müller. „Im besten Fall werden drei Viertel von ihnen das Ziel erreichen.“

Top-Ökonom: „Fehlinformationen auf hoher Ebene bei den Grünen“

Deutschland ist stark von russischen Gaslieferungen abhängig und versucht seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs nach Alternativen – die aber in den kommenden Jahren einen Ausfall von Gasimporten aus Russland nicht ersetzen werden können. Geplant sind unter anderem der beschleunigte Ausbau von Flüssiggas-Anlagen und eine Reaktivierung der Kohlekraftwerke.

Darüber hinaus ist eine Diskussion um einen Weiterbetrieb der Atomkraftwerke in Deutschland entbrannt. Sie sollen einen Baustein dabei sein, Engpässe in der Energieversorgung zu verhindern. In der Ampel-Koalition ist aber allein die FDP für einen Weiterbetrieb der AKWs, Grüne und SPD sprechen sich weiterhin für eine Stilllegung der Atomkraftwerke aus.

So nutzt Christian Meyer, Spitzenkandidat der niedersächsischen Grünen für die kommende Landtagswahl, auch die Nachricht von den gut gefüllten Gasspeichern, um sich gegen eine Laufzeitverlängerung der AKWs auszusprechen. Dazu postete er auf Twitter unter anderem den Slogan: „Bye, bye, AKWs.“

Das wollte Top-Ökonom Volker Wieland, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt und ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrates, nicht so stehen lassen. Er warnt auf Twitter: „Fehlinformationen auf hoher Ebene bei den Grünen. Der aktuelle Füllstand von 73 Prozent deckt nur 21 Prozent des Jahresverbrauchs. Und der Verbrauch ist vor allem im Winter. Auch wenn die Speicher voll sind, reicht das bei weitem nicht, so wie Putin die Lieferungen drosselt.“

Die Debatte ist also noch lange nicht beendet. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat aktuell einen Stresstest angeordnet, um zu klären, wie im Winter die Energieversorgung sichergestellt werden kann. Dabei werden Szenarien durchgerechnet, darunter mit und ohne Kernenergie. (dpa/lma)

Auch interessant

Kommentare