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Hass-Kommentare im Netz: Die Gegenwelle kommt angerollt

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Von: Luca von Prittwitz

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Hoffnung, Empathie, Humanismus, Toleranz, Partizipation, Dialog, Mut, Demokratie, Vernunft und Fakten: Dafür steht die Facebook-Gruppe #ichbinhier. © Facebook Screenshot

München - Sie sind für Respekt und Mitgefühl, für konstruktive Diskussion und Fakten. Sie sind verdammt viele und fluten gerade Facebook-Kommentarspalten: Die Mitglieder der Gruppe #ichbinhier.

Eine kleine Woge kann nicht viel ausrichten. Sie schwappt vielleicht kurz hin und her. Aber jeder weiß, welche Kraft eine Welle entwickeln kann, wenn sie an Masse gewinnt. Mit der Facebook-Gruppe „#ichbinhier“ verhält es sich ein bisschen so. Am Anfang, vor wenigen Wochen, bestand #ichbinhier aus ein paar hundert Mitgliedern. Gegen den Hass, der derzeit gefühlt aus allen Computer- und Smartphone-Öffnungen quillt, konnten sie nicht viel ausrichten. Doch es verändert sich etwas. Und jeder kann dabei zusehen. 

Für ein sachliches, konstruktives Miteinander

#ichbinhier entstand ursprünglich in Schweden. Zwei Journalisten hatten dort die Idee, sich durch die Beiträge auf Facebook zu klicken und immer dann, wenn sie ausufernde Kommentare der rassistischen oder sexistischen Art entdecken, den jeweiligen Artikel in der schwedischen Facebook-Gruppe „#jagär“ zu teilen. Dort werden die anderen Gruppenmitglieder darauf aufmerksam gemacht, wo es gerade notwendig ist, die Stimmung umzukehren. Das Ziel ist eine bessere Diskussionskultur in den sozialen Medien. Statt Hass, Beleidigungen und Lügen wollen sie ein sachliches, konstruktives Miteinander. 

Die Regeln: keine persönlichen Angriffe, keine Abwertung, keine Rechtschreibkorrekturen bei anderen Usern. Die Meinung soll entschieden, aber sachlich zum Ausdruck gebracht werden. Argumente sollen nach Möglichkeit mit Fakten, eventuell unterstützt durch einen Link, geäußert werden. Das „ichbinhier“ zeigt: Ich bin auch hier und werde dir mit deinen feindlichen, rassistischen oder sexistischen Äußerungen das Feld nicht überlassen. Die Mitglieder hauen also in die Tasten, was das Zeug hält.

Mittlerweile mehr als 15.000 Mitglieder

Hannes Ley, 42, hat die Idee nach Deutschland geholt. Innerhalb kürzester Zeit ist die Anzahl der deutschen Aktivisten auf mehr als 15.000 Menschen angewachsen. Alles Menschen, die sich ein gutes Miteinander wünschen. Sie kreieren einen positiven Gegenwind, einen „Lovestorm“, eine im positiven Sinne mitreißende Flutwelle. Wie eine Armee aus fleißigen, flauschigen Bienen, die den Hatern süßen Honig ums Maul schmieren. Und sie machen vor allem eines: Hoffnung darauf, dass das Gute in der Gesellschaft noch vorhanden ist.
Inzwischen sind es so viele, dass sie mit ihrem Hashtag #ichbinhier regelmäßig die Kommentarspalten pflastern. Immer zur Stelle, sobald auf Facebook wieder irgendwo der Tonfall eskaliert. Am vergangenen Sonntagabend war das wieder sehr gut zu beobachten.  

Mit den Worten „Liebe Gruppe, wir sind sprachlos. Und müssen deswegen eine zweite Aktion an diesem Abend starten. In Berlin wurde ein Flüchtling ermordet und auf Focus Online ist leider soeben das Niveau von Kommentaren ins Bodenlose gefallen“, richtete sich einer der Gründermoderatoren an die Gruppenmitglider. „Ihr werdet starke Nerven brauchen, denn was einige Menschen dort schreiben ist schlicht und ergreifend unmenschlich. Bitte lasst uns gemeinsam diesem Schock etwas entgegensetzen und in dieser Kommentarspalte wieder für Humanismus sorgen.“ Er hatte kein bisschen untertrieben, denn in den Kommentaren amüsierten sich Menschen tatsächlich darüber, dass ein Flüchtling umgebracht worden war.
Auch mussten die Mitglieder der Gruppe feststellen, dass Focus erst sehr spät auf die ausgearteten Kommentare reagierte. Und auch die Facebook-Betreiber selbst rühmen sich nicht gerade damit, Shitstorms oder dergleichen unter Kontrolle zu bringen, oder in schlimmen Fällen sogar Kommentare zu löschen. Niemand fühlt sich für das Problem verantwortlich. Einer der Gründe, weshalb sich „#ichbinhier“ gründete. 

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Eine Userin, die nicht zu #ichbinhier gehört, klinkte sich unter einem Artikel ein und kommentierte ihre Meinung auf vernünftige Art und Weise, wofür sie Lob von #ichbinhier erhielt. © Screenshot Facebook

Bevor man der Gruppe beitreten kann, wird das Profil von den Administratoren gescannt, weshalb es etwas dauert, bis man akzeptiert wird. Wovor aber auch die Mitglieder nicht gewappnet sind ist, wenn ihr Hashtag missbraucht wird. Fest steht aber, dass der Hashtag „ichbinhier“ zu einer eigenen Marke geworden ist. Es fällt auf, wenn er in Kombination mit Beleidigungen genutzt wird. Und falls diese Person unglücklicherweise ein Mitglied ist, wird sie wieder aus der Gruppe entfernt. „#ichbinhier“ besteht eben aus Mitgliedern, die ernsthaft etwas verbessern wollen. Es ist eine Masse an Menschen, die eine widerstandsfähige Welle ins Rollen gebracht hat...

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Ein Mitglied von #ichbinhier bedankt sich für einen Kommentar, in dem eine Frau zur Vernunft appellierte. © Screenshot Facebook

Weitere Möglichkeiten, sich mit anderen gegen Hass und Hetze einzusetzen:

Nicht nur die Menschen von „#ichbinhier“ wollen etwas verändern, die Aktivisten kommen von allen Seiten:

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