Verschwörungsmythen auf dem Prüfstand

Der Xavier-Naidoo-Faktencheck: Deutschland ein „Unrechtssystem“?

Die Verbreitung von Verschwörungs-Mythen untergräbt das Vertrauen in die Demokratie in Deutschland. Der MANNHEIM24-Fakten-Check stellt die Aussagen von Xavier Naidoo auf den Prüfstand:

  • „Raus aus dem Reichstag“ – Antisemitismus-Vorwurf gegen Xavier Naidoo
  • „Deutschland ein besetztes Land“ – Nähe zu rechtsextremen Reichsbürgern?
  • Zugewanderte als mordlustige „Wölfe“ – Rassismus-Skandal um Xavier Naidoo  
  • Von „Bilderbergern“, „Kanzlerakte“ und dem „Unrechtssystem“ – Xavier Naidoos Verschwörungstheorien im Fakten-Check: 

Freier Informationsaustausch ist für eine Demokratie überlebensnotwendig! Daher kommt den Massenmedien innerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung eine ganz besondere Aufgabe zu: Die Öffentlichkeit sowohl über Fakten zu informieren, als auch Entscheidungen aus Politik und Wirtschaft kritisch zu kontrollieren. Auf diesem Weg soll das Grundrecht auf Informationsfreiheit gewahrt werden. In Zeiten von Fake-News-Kampagnen autoritärer Staaten und Meinungsrobotern im Internet wird die Glaubwürdigkeit der Massenmedien gezielt angegriffen – offenbar mit Erfolg. In sozialen Medien erfreuen sich Verschwörungstheorien zunehmender Beliebtheit und liefern einfache Erklärungen für eine komplexe Welt. Auch der deutsche Soul- und R&B-Sänger Xavier Naidoo hat sich in der Vergangenheit wiederholt als Anhänger unterschiedlicher Verschwörungserzählungen bekannt und diese auch in seine Liedtexte einfließen lassen.

NameXavier Kurt Naidoo
Geboren2. Oktober 1971 in Mannheim
Größe1,76 m
Bekannte AlbenNicht von dieser Welt, Hin und Weg
ElternEugene Naidoo, Rausammy Naidoo
EhefrauJulia 

Xavier Naidoo: „Mainstreammedien“ als Handlanger einer „Geheimregierung“ 

Die Mainstream-Medien leisten keine große Hilfe bei der Aufklärung der Menschen“, so der Vorwurf des Mannheimers in einem Youtube-Video. Gemäß der Vorstellungswelt Naidoos sind Journalisten und andere Medienschaffende Teil eines „Unrechtssystem“, dem es sich zu widersetzen gilt. 

So lässt sich das Weltbild des Prominenten auf eine einfache Formel reduzieren: Nichts ist so wie es scheint! Es ist ein Totschlagsargument, das jeglichen Austausch im Keim erstickt. Als sogenannte „Systempresse“ sind die „Mainstreammedien“ demnach lediglich die Handlanger einer undurchdringlichen „Geheimregierung“. 

Diese feindliche Haltung gegenüber Medienschaffenden resultiert aus einem Missverständnis seitens der Verschwörungstheoretiker und rechten Populisten: Es ist nicht die Aufgabe der Medien, beklatschte Vorurteile wiederzugeben und zu bestärken. Vielmehr sollen Tatsachen vorgestellt und Argumente abgewogen werden, um so an der Bildung der öffentlichen Meinung mitzuwirken. MANNHEIM24 nimmt sich diese Aufgabe zum Anlass, Xavier Naidoos Argumente genauer unter die Lupe zu nehmen:

Xavier Naidoo: Der Vorwurf des Antisemitismus 

Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“, lautet es in Artikel 5 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. 

Doch die Meinungsfreiheit hat auch ihre Grenzen: Beispielsweise, wenn jemand völlig undifferenziert eine Gruppe von Menschen wegen ihrer Religion, ihres Aussehens oder ihrer Herkunft beschimpft und andere zum Hass gegen diese Gruppe aufstachelt

Diese Grenzüberschreitung begeht Naidoo erstmals im 2009 veröffentlichten Song „Raus aus dem Reichstag“. Darin heißt es: „Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock ist'n Fuchs und ihr seid nur Trottel.“ Für eine Referentin der Heidelberger Amadeu Antonio Stiftung ist der Fall klar. Aus diesen Liedzeilen lässt sich ihrer Meinung nach belegen: Xavier Naidooist Antisemit“. 

Doch wie kann das sein – das Wort Jude kommt hier doch gar nicht vor? Nach dem Völkermord an den europäischen Juden wird Volksverhetzung in der Bundesrepublik unter Strafe gestellt. Dennoch werden in rechtsradikalen Internet-Foren weiter antijüdische Verschwörungstheorien verbreitet. Der listige, im Verborgenen handelnde Strippenzieher ist hierbei ein beliebtes Motiv. 

Um den Strafbestand der Volksverhetzung zu umgehen, wird mit gleichbedeutenden Codes gehetzt. Beispielsweise, wird der Nazi-Propaganda-Begriff „Internationales Finanzjudentum“ durch die Bankiers-Familie Rothschild ersetzt, deren Mitglied Baron Rothschild gewesen ist. 

Der wachsende Antisemitismus in Deutschland wird vermehrt auch durch judenfeindliche Songtexte aus der Hip-Hop-Szene verstärkt (Symbolbild).

Neben dem schlitzohrigen „Fuchs, Baron Totschild“ fällt noch eine weitere Wortwahl des Liederschreibers ins Auge: Der Jiddische (Jüdisch-Deutsche-Sprache) Begriff „Schmock“. Dieser Ausdruck wird zur Abwertung unangenehm hochnäsiger Menschen verwendet. 

Gegen den Vorwurf des Antisemitismus hat sich Xavier Naidoo zur Wehr gesetzt und erfolgreich dagegen geklagt, als ein solcher bezeichnet zu werden. Vor Gericht verweist er auf seinen jüdischen Konzertveranstalter Marek Lieberberg und ein Söhne-Mannheims-Konzert in Israel. Außerdem verteidigt sich Naidoo damit, nichts von der Bedeutung der Wörter gewusst zu haben. 

Die Richterin am Landgericht Regensburg schenkt dem Mannheimer Glauben. Damit darf der Sänger trotz der Verwendung „lupenreiner antisemitischer Klischees und Codesöffentlich nicht als Judenhasser bezeichnet werden, kritisiert Andreas Borcholte im SPIEGEL.

Xavier Naidoo: Von „Wölfen“ die „täglich an den Gästen einen Mord begehen“

„Raus aus dem Reichstag“ sollte nicht der letzte Song gewesen sein, bei dem der Vorwurf der Volksverhetzung im Raum steht. Mitte März 2020 wird ein Video ins Netz gestellt, in dem Xavier Naidoo folgende Zeilen singt:

 „Ihr seid verloren. Ihr macht nicht mal den Mund für euch auf. So nehmen Tragödien ihren Lauf. Eure Töchter, eure Kinder sollen leiden. Sollen sich mit Wölfen in der Sporthalle umkleiden.” Und weiter: „Ich habe fast alle Menschen lieb, aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt?

Die Interpretation seines Songs legt nahe, dass er Zugewanderte mit mörderischen Raubtieren gleichsetzt, die täglich einen Mord an Deutschen begehen. Die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts belegen diesen Vorwurf nicht – im Gegenteil:

Insgesamt halten sich 1.632.789 Asylsuchende in Deutschland auf (Stand: September 2019). In den ersten drei Quartalen 2019 werden „42 vollendete Straftaten gegen das Leben“ durch Zuwanderer registriert – dieser Straftatbestand schließt Selbsttötungen mit ein. 

Bei den Opfern handelt es sich um 23 Zuwanderer, 14 deutsche Staatsangehörige, drei Drittstaatsangehörige sowie zwei Staatsangehörige aus dem europäischen Ausland. So stellt das Bundeskriminalamt fest, dass „der überwiegende Teil der seit 2015 in Deutschland registrierten Asylsuchenden strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten ist“. Ganz anders sieht das Bild bei den sogenannten Intensivtätern und der Organisierten Kriminalität aus. Hier ist Anteil von Zuwanderern im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich hoch.

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Zunächst rudert Xavier Naidoo zurück und bemüht sich um Schadensbegrenzung: „Ich setze mich seit Jahren aus tiefster Überzeugung gegen Ausgrenzung und Rassenhass ein. Liebe und Respekt sind der einzige Weg für ein gesellschaftliches Miteinander“, so der Musiker auf seinem Instagram-Account bevor er für zwei Wochen von der Bildfläche verschwindet.

Xavier Naidoo präsentiert Verschwörungstheorien bei Oliver Janich auf Youtube 

Ende März 2020 meldet sich Xavier Naidoo wieder in einem Video zu Wort. Diesmal steht er den Fragen des rechtspopulistischen Bloggers Oliver Janich Rede und Antwort. 

Gleich zu Beginn präsentiert sich der Mitbegründer der Söhne Mannheims als selbsternannten „Vollprofi“, der die Mechanismen des Showbusiness durchschaut. Dabei verweist er darauf, dass ihm wohl bewusst ist, mit seinem neuen „patriotischen“ Album auf Widerstand zu treffen. 

Der Juror Xavier Naidoo sitzt beim Finale der RTL-Castingshow "Deutschland sucht den Superstar 2019" (27. April) auf der Bühne.

Ich wusste, dass mit dem Album das ich da habe, nicht mehr die Chance bekomme in so einer Show (Anm.d.Red.: Deutschland sucht den Superstar) mitzumachen“, reagiert der Musiker auf seinen Rausschmiss bei DSDS. Vielmehr habe er sich die Reichweite des Privatsenders RTLzunutze gemacht“. 

Mit dieser Aussage widerspricht Naidoo seinen eigenen Verlautbarungen aus der Vergangenheit, wonach ihm volksverhetzende Inhalte in seinen Songs nicht bekannt oder lediglich eine Fehlinterpretation seien. 

Schließlich äußert sich Xavier Naidoo in Janichs Video zu unterschiedlichen Verschwörungstheorien, wie der „Kanzlerakte“ oder die Rolle der „Bilderberger“. Nicht zum ersten Mal legt er in diesem Zusammenhang seine Weltsicht offen. Auffallend dabei: Die Demokratie-verachtenden Gemeinsamkeiten mit den Ansichten rechtsextremer Verschwörungstheoretiker.

Xavier Naidoo und die Reichsbürger 

Wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land!“ 2011 gewährt Xavier Naidoo im ARD-Morgenmagazin einem Millionenpublikum vor dem Fernseher Einblick in seine Sicht der Dinge. Demnach sei Deutschland trotz Wiedervereinigung sowie „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ zwischen BRD, DDR und den Siegermächten weiterhin dem Willen der USA unterworfen. 

Für viele Beobachter fallen die Worte des Mannheimers aus heiterem Himmel. Doch es ist nicht das erste Mal, dass sich Naidoo in diese Richtung äußert. Über ein Jahrzehnt zuvor gibt der Sänger dem Fachmagazin Musikexpress ein umstrittenes Interview. Darin beschreibt er sich nach seinem musikalischen Durchbruch im Jahre 1999 als einen „Rassisten ohne Ansehen der Hautfarbe“ und erklärt seinen Stadtpatriotismus: „Bevor ich irgendwelchen Tieren oder Ausländern Gutes tue, agiere ich lieber für Mannheim.“ 

Auch das Feindbild wird klar umrissen: Der Liberalismus. „Ich kann konkret aus der Bibel herauslesen: Amerika geht unter“, ist der Sänger überzeugt und fügt hinzu: „Babylon ist überall. Aber Amerika und Tokio sind ganz oben auf der Abschussliste.“ In der christlichen Vorstellungswelt ist die „Hure Babylon“ (Offenbarung des Johannes 17 und 19) gleichzusetzen mit der Sünde an sich. Es ist ein Ort des Unglaubens und der Unzucht. 

Vor dem Hintergrund dieses Interviews ist die Sympathie Naidoos mit den rechtsextremen „Reichsbürgern“ wenig überraschend. Beide sprechen der Bundesrepublik Deutschland ihre Rechtmäßigkeit ab und begründen dies mit Verschwörungstheorien.

Sichergestellte Waffen von "Reichsbürgern" im Polizeipräsidium in Wuppertal (17. November 2016).

Am Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober) 2014 tritt Xavier Naidoo auf einer Veranstaltung der „Reichsbürger“ auf und sorgt damit bundesweit für Empörung. 

Xavier Naidoo: Die „Kanzlerakte“ ein gefälschtes Dokument der Verschwörungstheoretiker 

Ein zentrales Dokument zur Stützung der „Deutschland ist ein besetztes Land“-Verschwörungstheorie ist die sogenannte „Kanzlerakte“. In dem vermeintlichen Schriftstück des Bundesnachrichtendienstes wird vom Verlust eines Exemplars des „geheimen Staatsvertrages“ berichtet – für die „Verschwörer“ eine Gefahr mit großer Sprengkraft, denn das Dokument hat es in sich: 

Die Aktenfälschung wird von Reichsbürgern als „Beweis“ für die Illegitimität der Bundesrepublik herangezogen.

Unmittelbar vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland sollen sich die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges für die folgenden 150 Jahre die Kontrolle über die Medien gesichert haben. 

Ihren Namen hat die „Kanzlerakte“ durch einen im Schriftstück enthaltenen Vorgang: Es wird beschrieben, dass jeder deutsche Bundeskanzler vor Ablegung des Amtseides den „geheimen Staatsvertrag“ zu unterzeichnen habe. Es ist eine Art Verpflichtungserklärung gegenüber den Alliierten – insbesondere der Besatzungsmacht USA

Für den Historiker Dr. Holger Berwinkel, Leiter der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek, ist das alles Unfug: „Das Stück ist eine grobe Fälschung. Der Fälscher ist mit beträchtlichem Fleiß, aber geringem Wissen ans Werk gegangen, wobei manche Elemente auf eine ziemlich piefige Vorstellungswelt hinweisen,“ so der Wissenschaftler auf aktenkunde.hypotheses.org

Unter der Redaktion von Berwinkel wird die Fälschung auf der Fach-Website für Aktenkunde Stück für Stück auseinander genommen. Obwohl Fachleute die „Kanzlerakte“ als „groteske Aktenfälschung“ einstufen, wird sie von Anhängern der Reichsbürger oder deren Sympathisanten, wie Xavier Naidoo, als „Beweis“ der mangelnden Souveränität Deutschlands herangezogen.

Xavier Naidoo: Forschungsergebnisse von Historiker für Verschwörungstheorien missbraucht 

Oftmals bedienen sich Verschwörungstheorien nicht eines einzelnen vermeintlichen „Beweises“, sondern auch bei akademischen Forschungsergebnissen. Jedoch werden diese gezielt aus dem Zusammenhang gerissen, um das eigene Weltbild zu untermauern. 

So auch bei Xavier Naidoos Wertschätzung für den Freiburger Historiker Josef Foschepoth. Bei der Beantwortung der Fragen von Oliver Janich lässt der Mannheimer im Video wissen: Für ihn sei „Professor Foschepoth immer maßgebend gewesen.“

Josef Foschepoth, Historiker an der Universität Freiburg, auf einem undatierten Handout.

Gegenüber dem Mannheimer Morgen weist Foschepoth (hinter Bezahlschranke) die Vereinnahmung seiner Forschung für Verschwörungstheorien entschieden zurück: „Das Thema ist zu komplex. Man muss es differenziert betrachten, es eignet sich überhaupt nicht für Vereinfachungen wie ,Unrechtsstaat’ oder ,besetztes Land’, die Reichsbürger und Ähnliche vornehmen“, erklärt der Wissenschaftler. 

Foschepoths jahrzehntelange Forschungsarbeit lässt sich nur schwerlich in wenigen Aussagen wiedergeben. Stark vereinfacht zusammengefasst hat der Geschichtsprofessor belegen können, dass Nachkriegskanzler Konrad Adenauer die Einschränkungen der Souveränität zugunsten der Siegermächte zugesichert hat. Das allein ist nach der Niederschlagung der Nazi-Diktatur und der folgenden Besatzung durch die Siegermächte nichts Neues. 

Problematisch sind hier allenfalls die Verträge, welche nach der Staatsgründung der Bundesrepublik am Parlament vorbei getroffen worden sind und zum Teil bis heute gelten. Darin sind sich die Kritiker einig: Die Regeln der parlamentarischen Demokratie und der Gewaltenteilung sind bei diesen Vorgängen eindeutig missachtet worden. 

Aus den von Foschepoth zutage geförderten historischen Fakten dürften jedoch keine falschen Schlüsse gezogen werden. „Als Historiker kann ich deswegen nicht sagen, das schreibe ich nicht, nur weil ein Herr Naidoo das für seine Zwecke missbrauchen könnte oder schlicht einen Spleen hat“, betont der Professor im Ruhestand.

Xavier Naidoo: Die „Bilderberger-Verschwörung“ – Eliten hinter verschlossenen Türen 

Neben gefälschten Geheimdokumenten und aus dem Zusammenhang gerissenen Forschungsergebnissen benötigen Verschwörungstheoretiker auch vermeintliche Geheimorganisationen in der realen Welt, die für ihre Weltsicht als Projektionsfläche dienen. Ein bei Anhängern von Verschwörungstheorien beliebtes Thema sind die sagenumwobenen Bilderberger-Konferenzen; und daran sind die Veranstalter nicht ganz unschuldig

Namensgeber für die Konferenz ist das Hotel „De Bilderberg“ in der niederländischen Kleinstadt Oosterbeck, dort findet das Treffen 1954 erstmals statt. Seitdem treffen sich jährlich bekannte Politiker, Wirtschaftsführer, Akademiker und Medienleute, um hinter verschlossenen Türen über aktuelle Themen zu diskutieren. 

Wenn sich nun Verschwörungs-Mythen um die Treffen ranken, liegt das vor allem daran, dass bei der Berichterstattung über die Treffen die sogenannte Chatham-House-Rule gilt: Es darf zwar allgemein berichtet, aber keine Namen genannt werden. Hinzukommt, dass die Teilnehmer ausdrücklich als Privatpersonen und nicht in ihrer offiziellen Funktion (z.B. als Minister) teilnehmen. 

Ziel der Konferenz ist es, den freien Meinungsaustausch zu ermöglichen, ohne dass etwas an die Öffentlichkeit dringt. Absolute Verschwiegenheit ist darum eine Bedingung, um an der Bilderberger-Konferenz teilnehmen zu können.

Zweifellos weckt diese Geheimniskrämerei in einer demokratischen Gesellschaft Misstrauen und wird auch von Journalisten und Wissenschaftlern kritisch beäugt. Für den Münchener Mediensoziologe Rudolf Stumberger bleibt angesichts der „privaten“ Treffen ein fader Beigeschmack: „Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn diese Treffen fernab jeder demokratischen Öffentlichkeit stattfinden“, kritisiert der Publizist im Deutschlandfunk. 

Ein Banner mit der Aufschrift "Kein Domizil für Bilderberger" des rechtsnationalen Bündnisses "Weißer Rabe Deutschland" in Dresden.

Ebenfalls im Deutschlandfunk warnt demgegenüber der Hamburger Historiker Bernd Greiner davor, den Bilderberger-Konferenzen eine zu große Bedeutung beizumessen. Anders als es Verschwörungstheorien gerne andeuten, gibt es kein geheimes Machtzentrum

„Wir sind weit davon entfernt, diese Zuständigkeiten so gebündelt zu sehen, wie es bisweilen unterstellt wird. Es gibt dieses eine, steuernde Zentrum weder in der Ökonomie noch in der Politik“, urteilt der Bereichsleiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung und verweist dabei auf die „Ratlosigkeit der Politik“. Diese wird insbesondere dann deutlich, wenn sich Regierungen bei der Lösung internationaler Probleme nicht einigen können

Trotzdem zeigt das Beispiel der Bilderberger vor allem eins: Fehlende Transparenz ist der gefährliche Nährboden auf dem Verschwörungstheorien gedeihen können.

Xavier Naidoo: Deutschland ein „Unrechtssystem“? 

Neue Nahrung erhalten Verschwörungstheorien durch tatsächlich aufgedeckte politische Skandale, wie die Enttarnung der NSA-Überwachung durch den Whistleblower Edward Snowden. Zahlreiche Deutsche Zeitungen berichten über den Fall, darunter auch die „Süddeutsche“ unter dem Titel „Die NSA darf in Deutschland alles machen“ – ein Zitat des Historikers Josef Foschepoth. Unvermeidlich entstehen durch die kurzen Überschriften unbeabsichtigte Steilvorlagen für Verschwörungstheoretiker. 

Dessen ungeachtet hat der unabhängige Journalismus die Aufgabe Missstände in der Politik aufzudecken und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um genau diese journalistische Berichterstattung zu verhindern, verschwinden in Diktaturen Menschen jahrelang hinter Gittern, die sich für Pressefreiheit und eine freie Wissenschaft einsetzen, wie Shi Tao in China. Oder sie werden gar ermordet, wie Anna Stepanowna Politkowskaja in Russland. Freie Wahlen und Rechtsstaatlichkeit sind in autoritär geführten Ländern in Fremdwort

Die Reporterin und Menschenrechtsaktivistin Anna Politkowskaja ist in Moskau am 7. Oktober 2006 ermordet worden.

Wenn nun ein Verschwörungstheoretiker wie Xavier Naidoo behauptet, er „gehe nicht Wählen“, weil die Bundesrepublik ein „Unrechtssystem“ sei, dann ist das eine völlige Verkehrung der tatsächlichen Verhältnisse. Diktatoren und Rechtspopulisten wissen um die Wirkung von Verschwörungstheorien und versuchen über den Einsatz von Falsch-Informationen die öffentliche Meinung gezielt in diese Richtung zu lenken. 

Für den Fake-News-Forscher Peter Pomerantsev ergibt sich daraus folgende Gefahr für die Demokratie: „Ob Trump, Erdogan oder Putin – ihre Propaganda beschwört eine Welt endloser dunkler Verschwörungen herauf, in der die Wahrheit unergründlich ist und in der Sie, der kleine Mann, nichts ändern können. Verschwörungstheorien untergraben den Sinn für demokratisches Handeln. Sie machen die Menschen passiv“, erklärt der russische Publizist im SPIEGEL

Trotz dieser düsteren Bestandsaufnahme bleibt Pomerantsev Optimist und bietet einen sowohl einfachen als auch umfassenden Lösungsvorschlag an: „Um das Verschwörungsdenken zu bekämpfen, muss man den Menschen das Gefühl geben, dass sie Einfluss haben.“ 

Eliran Kendi

Rubriklistenbild: © picture-alliance/dpa

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