Ein Kommentar

Rezo verteidigt Sido: So kehrt der Youtuber Antisemitismus unter den Teppich

Trotz der Verbreitung judenfeindlicher Verschwörungsmythen stilisiert Youtube-Star Rezo den Berliner Rapper Sido zum Opfer einer Medienkampagne und kritisiert dabei auch MANNHEIM24:

Verschwörungsglaube im „Gangsta-Rap“ ist bekanntlich ein alter Hut. Das hat sich der Deutschlandfunk zu Beginn des Jahres zum Anlass genommen, eine Rangliste mit den drei beliebtesten Verschwörungstheorien im Deutschrap zu ermitteln. Unangefochten auf Platz eins: Die jüdische Weltverschwörung. Nicht alle Rapper gehen soweit und präsentieren den Handlanger des Teufels mit jüdischen Davidstern am Finger, wie Rapper Kollegah im Musikvideo zu „Apokalypse“ (2016). Vielmehr werden antijüdische Vorurteile als plumpe Kapitalismus-Kritik getarnt – ein Dauerbrenner hierfür: Die „Rothschild-Theorie“.

Rezo verteidigt Sido: Die antisemitische Rothschild-Legende im Gansta-Rap

Neu ist dieser Verschwörungsmythos nicht; bereits die Nazis zeichneten im Propagandafilm „Die Rothschilds“ (1940) das Bild des Juden als Teil einer undurchschaubaren Gemeinschaft. Ihnen wird unterstellt mit viel Geld, Macht und Einfluss ihren unheilvollen Zielen im Geheimen nachzugehen. 

Eben diese krude Vorstellungswelt verbreiten die Rapper unter ihren zahlreichen jugendlichen Hörern. Wer mit „Rothschild“ gemeint ist, wissen die jungen Leute zumeist genau: „Jude“ wird zum gängigen Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen, wie aus zahlreichen Medienberichten hervorgeht.

Rezo nutzt Sido-Debatte für Medienkritik: Auch MANNHEIM24 wird zur Zielscheibe

Wenig überraschend bläst auch TV-Liebling und Ex-Gangsta-Rapper Sido ins gleiche Horn. In dem Youtube-Video „Ali therapiert“ unterhält sich der Berliner mit Ali Bumaye über den Mannheimer Sänger Xavier Naidoo und watet dabei knietief im Morast des Verschwörungs-Sammelsuriums – wobei Eines beim gemütlichen Plausch auf der Couch natürlich nicht fehlen darf: Die Rothschild-Legende.

Sido spricht mit Ali Bumaye über Verschwörungen: Unterwanderte Medien, entführte Kinder, Rothschild und alternative Medien.

Obgleich mitunter antisemitisch „argumentiert“ wird, stellt das für einen weiteren Youtube-Star keinerlei Problem dar: Rezo, bundesweit bekannt geworden mit dem Video „Die Zerstörung der CDU“, nutzt die Sido-Debatte für seine eigene Agenda und holt zu einer umfangreichen Medienkritik aus. 

In seiner Kolumne auf ZEIT ONLINE attestiert der 27-Jährige dem medial gescholtenen Sido, am Verschwörungsdenken lediglich knapp vorbeigeschrammt zu sein. Direkt darauf rückt er den Fokus auf „eine große Fülle an verkürzten, überzogenen und schlicht falschen Behauptungen über Sidos Aussagen“. In diesem Zusammenhang kritisiert Rezo auch MANNHEIM24

Rezo kritisiert MANNHEIM24 für Sido-Berichterstattung 

Stein des Anstoßes ist folgender Abschnitt aus dem Artikel „Xavier Naidoo, Sido und die Rothschild-Legende: Wie das Gift des Judenhasses gesät wird“: „Auf die Frage, ob reiche Eliten Kinder entführen, um das Stoffwechselprodukt Adrenochrom über bestialische Folter zu gewinnen, sagt Sido trocken: ‚Ich glaube schon daran, dass so was sein kann‘“. Dazu schreibt Rezo: „Nein, dazwischen lagen einige Sätze, in denen andere Aussagen gemacht werden.“ 

Rezo verteidigt Sido: Antisemitische Vorurteile werden unter den Teppich gekehrt (Symbolbild).

Der Vorwurf ist bestenfalls grenzenlos naiv – es werden zuvor keine gegenteiligen Aussagen gemacht. Es drängt sich der Eindruck auf, Rezo fordere ein gerichtliches Geprächsprotokoll. Das Ziel ist aber, die Kernaussage zu präsentieren, ohne den Inhalt zu verfälschen – beides ist gegeben. Um vollständige Transparenz für den Leser zu schaffen, ist der entsprechende Abschnitt zusätzlich als Video eingebettet.

Rezo unterschlägt Sidos antisemitische „Argumentation“ gänzlich 

Um die Glaubwürdigkeit des Verschwörungsmythos von entführten Kindern zu „belegen“, streut Sido zusätzlich die „Rothschild-Legende“ und greift damit in die antisemitische Trickkiste. So triggert er die Zuschauer gezielt in die Richtung der jüdischen Weltverschwörung. Frei nach dem Motto: Nichts Genaues weiß man nicht, aber wenn die Juden ihre Finger im Spiel haben, dann ist es auch wahrscheinlich, dass reiche Eliten Kinder entführen. 

Diese geschmacklose und zudem brandgefährliche Vorgehensweise Sidos unterschlägt Rezo gänzlich – kein einziges Wort darüber lässt sich in seinem Kommentar finden. Stattdessen wird der „Voice of Germany“-Juror umfassend rehabilitiert und als Medienopfer stilisiert, indem darauf verwiesen wird, er habe von prominenten Verschwörungsgläubigen Abstand genommen.

Sido distanziert sich inhaltlich nicht von antisemitischen Äußerungen   

Ich möchte nur nicht in einer Ecke stehen mit den Attila Hildmanns und KenFMs dieses Landes. Ich habe mit sowas nichts zu tun. Ich sitze zu Hause und gucke mir diese Videos an und lache mich kaputt über die. Ich habe mit diesen Menschen nichts zu tun“, so der Rapper auf hiphop.de. 

Tatsächlich distanziert sich Sido inhaltlich keineswegs von seinen getätigten Aussagen, sondern zieht lediglich andere Verschwörungsgläubige ins Lächerliche – das ist allenfalls eine Scheinentschuldigung

Treffender als in der Satiresendung „Walulis Daily“ kann man es nicht ausdrücken: „Wie perfide ist das denn: Das ist überhaupt keine Entschuldigung. Das ist ja, wie wenn ich sagen würde: Ich bin kein Nazi und ich will mit Hitler nichts zu tun haben – klar die Juden gehören ausgerottet, aber wehe ihr nennt mich jetzt Nazi. Das ist Müll!

Für Medienkritik kehrt Rezo Antisemitismus unter den Teppich    

Es ist richtig und wichtig zu betonen, dass jeder Mensch in einem demokratischen Rechtsstaat unveräußerliche Rechte hat, unabhängig davon, was eine Person gesagt oder getan hat – dazu gehören auch die Persönlichkeitsrechte. Inwieweit es für der Berichterstattung zielführend ist, wenn Medienschaffende mit einer Kamera vor Sidos privatem Grundstück kampieren, darf und soll kritisiert werden. 

Rezos angestoßene Debatte über die Pressearbeit mag vor diesem Hintergrund wünschenswert erscheinen; dafür aber den antisemitischen Verschwörungs-Unsinn von Sido unter den Teppich zu kehren, ist eine moralische Bankrotterklärung.

Bei seinem Auftritt in Mannheim lässt Sido eine Bombe platzen: Er ist bei „The Voice of Germany" rausgeflogen! Außerdem warnt der Rapper vor dem Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann.

In Zeiten der Corona-Krise greifen Verschwörungsmythen und Antisemitismus wieder um sich. Doch waren sie wirklich jemals weg? Und wie sind sie eigentlioch entstanden? Zu diesen Fragen äußert sich die SPD-Mannheim bei einer Veranstaltung am Marktplatz.

esk

Rubriklistenbild: © dpa/Privat/Rolf Vennenbernd

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