Zwischen Bauordnung und Köhler-Transfer

ÖPNV, Köhler-Transfer und Co.: So steht es um Baden-Württembergs Barrierefreiheit

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Baden-Württemberg altert. Das das schlägt sich auch in der Anzahl behinderter Menschen nieder.

Abbau von Barrieren ist ein Ziel, dem sich alle Bundesländer verschrieben haben. Doch wie weit ist Baden-Württemberg damit bislang vorangeschritten und wo finden sich noch Baustellen?

Baden-Württemberg altert. Das lässt sich nicht nur an reinen demographischen Zahlen beobachten, das schlägt sich auch in der Anzahl behinderter Menschen nieder. Gut 943.000 Schwerbehinderte oder 8,6 von hundert Landesbürgern v ermeldete das statistische Landesamt alleine in 2017 – 2003 waren es noch 691.00 oder 6,5 Prozent. Wir leben in einer Zeit, in der zwar durch verbesserte Pränataldiagnostik immer weniger Menschen mit Behinderungen zur Welt kommen, gleichsam steigt jedoch das Durchschnittsalter, was wiederum die Zahlen an behinderten Senioren klettern lässt. Zusammen mit all jenen, die durch Unfälle usw. eingeschränkt werden, ergibt das einen für die Landesregierung brisanten Cocktail, der zahlreiche Anpassungen erfordert. Doch wo stehen wir derzeit?

1. Auf dem Papier vorbildlich

Was die reinen Eckdaten anbelangt, so ist BaWü wie auch jedes andere Bundesland ein Musterknabe. Hier gilt das Bundesteilhabegesetz, welches, vereinfacht ausgedrückt, Menschen ungeachtet ihrer tatsächlichen Behinderung eine vollwertige Teilhabe am „normalen“ Leben ermöglichen soll.

Dabei gibt die Landesregierung sich selbst gute Noten: „Im Rahmen unserer Inklusions- und Teilhabestrategie bringen wir die Umsetzung des Landesaktionsplans zur UN-Behindertenrechtskonvention engagiert weiter voran.“ Und obschon man den verantwortlichen Stellen attestieren muss, sich im Ländervergleich stark zu engagieren, so gibt es doch an vielen Stellen deutlichen Nachholbedarf. Ohne karitative Privathelfer zwischen Caritas, Lebenshilfe und Köhler Transfer liefe im wahrsten Sinne des Wortes nur wenig, auch wenn in den vergangenen Jahren vieles besser wurde.

2. Nach und nach gebaut

Einer der wichtigsten Schritte zum Abbau von Barrieren ist die generelle Wohnsubstanz. An dieser Stelle muss dem Bundesland ein Lob ausgesprochen werden. Die Vorschriften bezüglich der Barrierefreiheit in Neubauten gelten als gut durchdacht und realitätsnah. Hier kommt Baden-Württemberg zudem zugute, dass es hier einen vergleichsweise sehr jungen Gebäudebestand gibt. Insgesamt kann BaWü die bundesweit zweit-geringste Anzahl an alten und deshalb oft schon inhärent weniger behindertengerechten Bauten (etwa, weil diese eng und verwinkelt sind) vorweisen. Ergo gibt es ein viel größeres Spektrum an Gebäuden, welche schon zumindest durch frühere Ausführungen der Barrierefreiheits-Gesetze abgedeckt werden. Da sieht es in anderen Bundesländern schlechter aus.

Allerdings, ganz ähnlich wie ein Bundesland weiter nördlich, gibt es auch hier ein generelles Problem: Es werden häufig nur die großen, gut sichtbaren Problemzonen beseitigt, wo die kleinen Dinge zwischen Schwellen und Kopfsteinpflaster nicht minder einschränkend sind, aber eben oftmals unter den Teppich fallen – und sei es aus Denkmalschutzgründen. Bemängelt wird unter anderem, dass es hier oft auch relativ schwammige Formulierungen sind, welche die Planbarkeit verschlechtern. So enthält ein herausgegebener Reiseführer, der sich explizit an Behinderte richtet, eine Menge Positionen, aus denen nicht wirklich klar hervorgeht, ob ein Ausflugsziel nun über eine oder wirklich keine Stufe verfügt, welche überwunden werden muss. Für Rollstuhlfahrer also immer ein gewisses Vabanquespiel.

Köhler Transporter im Einsatz: Rollstuhlfahrer auf dem Transport. 


Allerdings soll das die touristisch-barrierefreien Anstrengungen nicht kleinreden. Baden-Württemberg ist ein touristisch beliebtes Land, was nicht nur der Landschaft/Natur geschuldet ist, sondern auch den zahlreichen Sehenswürdigkeiten. An dieser Stelle muss man anerkennen, dass hier vergleichsweise viel dafür getan wird, um einen Großteil davon auch Menschen mit Behinderungen zugänglich zu machen. Das gilt sowohl für Unterkünfte wie etwa auch für die zahlreichen rollstuhlgerechten Wanderwege. 

3. Problem ÖPNV: Dienstleister wie Köhler-Transfer als Unterstützung

Das Land will vor allem mit Hinblick auf den Mobilitätswandel den ÖPNV stark ausbauen. Seit Jahresbeginn 2019 fungiert Mannheim als Modellstadt. Doch so ambitioniert und auch durchdacht diese Pläne sein mögen, sie richten sich vornehmlich an Normalverbraucher. Zwar sind Bushaltestellen und Co. fast durchgängig barrierefrei. Jedoch braucht es immer noch zusätzliche Dienstleister wie Köhler-Transfer, welche Menschen mit Behinderungen befördern. Dies schon allein deshalb, weil Fahrpläne und Haltestationen sich noch in zu geringem Maß auch an deren Bedürfnissen orientieren – etwa was den Transport zu Einrichtungen anbelangt. Auch mangelt es beim Personal oftmals am Wissen über die Bedürfnisse von Behinderten. Eine kleine Anfrage über den Transport von Schulkindern brachte 2015 (sinngemäß) ans Licht, dass spezielle Schulungen nicht vorgeschrieben seien. Lehrgänge, wie sie beispielsweise für die sichere Beförderung von Rollstuhlfahrern von der Köhler-Transfers GmbH angeboten werden, sind demnach keine Pflicht und müssen durch die Fahrer in ihrer Freizeit durchgeführt werden.

Vielen Praxen mangelt es teilweise völlig an Barrierefreiheit.

4. Bestand ist großes Hindernis

Neubauten sind im Land zwar weniger das Problem. Allerdings sieht es gerade bei den Bestandsbauten, speziell solche, die medizinische Einrichtungen (etwa Ärzte) beheimaten, oft gänzlich anders aus. Vielen solcher Alt-Praxen mangelt es teilweise völlig an Barrierefreiheit, oft aus Kostengründen. Wo sie umgesetzt wurde, ist sie oft nicht ausreichend. Etwas, das auch der Sozialverband Baden-Württemberg scharf anprangert

Das Problem besteht in diesem Fall darin, dass die Landesbauordnung den Bestand nahezu ausklammert. Zwar gibt es Richtlinien, Hinweise, auch finanzielle Förderprogramme für einen behindertengerechten Umbau. Der Knackpunkt jedoch ist, dass dies alles nur auf freiwilliger Basis besteht. Es kann nach DIN-18040-2 appliziert werden, muss es aber nicht. Kritisch ist zudem, das ergab eine weitere kleine Anfrage, dass weder in Baden-Württemberg noch in anderen Bundesländern überhaupt Statistiken darüber existieren, wie groß der Bestand an alters- bzw. behindertengerechten Wohnungen überhaupt ist. Erst 2018 wurde eine erstmalige Erhebung durchgeführt, die Zahlen sind aber noch nicht veröffentlicht. Erste Schätzungen in der Antwort auf die Anfrage gehen von stark schwankenden Zahlen zwischen 100- und knapp 200.000 Wohnungen aus, wobei bis 2025 wohl mindestens 380.000 erforderlich sein werden.

Zusammengefasst

Sicherlich kann man sagen, dass Baden-Württemberg es beim Abbau von Hürden für Behinderte und Senioren besser macht als andere Bundesländer. Dies bereits deshalb, weil hier die öffentliche Hand schlicht mehr finanzielle Schlagkraft besitzt. Auch Dienstleister wie Köhler-Transfer sind bereits eine große Unterstützung, wenn es beispielsweise um die Beförderung von Menschen mit Behinderungen geht. Allerdings sind wir von einem wirklich barrierefreien Bundesland noch weit entfernt. Die Grundlagen existieren, vieles wurde schon verbessert. Aber es sind insbesondere die Details, die noch vielen behinderten Menschen Kopfzerbrechen bereiten und ihnen den Alltag erschweren.

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