Nach Relegationsspiel gegen KFC Uerdingen 

Waldhof-Fan attackierte Polizisten: Hat er die gerechte Strafe erhalten?

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Die Verhandlung gegen den Waldhof-Fan im Amtsgericht Mannheim. 

Mannheim - Vor dem Amtsgericht Mannheim muss sich ein 45-jähriger Waldhof-Fan für den Angriff auf Polizeibeamte durch den Wurf einer Tischplatte verantworten. Ist die Strafe gerecht? 

Am 27. Mai 2018 verpasst der SV Waldhof Mannheim zum dritten Mal hintereinander den langersehnten Aufstieg über die Relegationsspiele. Aber weniger der sportlich-tragische Tiefschlag, als vielmehr die Ausschreitungen sogenannter ‚Fans‘, wirken noch lange nach. 

Am Dienstag (9. April) muss sich ein 45-jähriger Waldhof-Fan vor dem Amtsgericht Mannheim für einen Tischplatten-Wurf auf Polizeibeamte verantworten. Das öffentliche Interesse an der Hauptverhandlung ist so groß, dass wegen des unerwarteten Zuschauerandrangs auf einen größeren Gerichtssaal ausgewichen werden muss. 

Angriff auf Polizeibeamte nach dem Spiel SV Waldhof Mannheim gegen KFC Uerdingen - der Tathergang 

Am Morgen des Aufstiegsspiels trifft sich der 45-jährige Angeklagte Markus R. gemeinsam mit mehreren Freunden, um das Fußballspiel SV Waldhof Mannheim gegen KFC Uerdingen zu besuchen. Der Alkohol fließt in Strömen - bereits auf dem Weg in die Kneipe „Zur Wüste“ wird ordentlich gebechert. 

Zwei Liter Riesling teilen sich die drei Freunde aus Plastikbechern. Der 45-jährige Südtribünen-Besucher gibt an, in der Kneipe zusätzlich vier bis fünf Weizen getrunken zu haben. Nach dem Spielabbruch folgen weitere zwei bis drei Weizen im - bei Waldhof-Fans beliebten - Soccer Center vor dem Carl Benz Stadion. Auf Grundlage der Angaben des Angeklagten errechnet die anwesende gerichtsmedizinische Sachverständige Barbara Stöttner eine Blutalkohol-Konzentration von 2,73 Promille zum Tatzeitpunkt

Fest steht, dass sich gegen 17:30 Uhr mehrere Personen nach dem Pyro-Skandal-Spiel vor dem Soccer Center versammelt haben. Eine Vielzahl an Polizeibeamten sind vor Ort, um die sichere Abreise der KFC Uerdingen-Fans zu gewährleisten. Im Zuge einer Polizeiaktion werden mehrere Straftäter vor einem angrenzenden chinesischen Restaurant festgenommen - die Situation eskaliert! 

SV Waldhof Mannheim gegen KFC Uerdingen: Eskalation der Gewalt nach dem Spiel 

Bereits im Laufe des Tages haben Polizeibeamte mehrere Straftaten registriert und diese videotechnisch aufgezeichnet. Die mutmaßlichen Straftäter sollen nun von einer Hundertschaft aus Bruchsal festgenommen werden. Völlig unerwartet solidarisiert sich ein aufgebrachter Mob mit den Festgenommenen und versucht die Polizei bei der Vollstreckung zu behindern. Eine weitere Hundertschaft aus Göppingen wird zur Verstärkung herbeigerufen, um die Angreifer „unter Einsatz leichter Gewalt“ in das Soccer Center abzudrängen, so ein Polizist bei seiner Aussage vor Gericht.   

Unter den Beamten ist der Geschädigte Maximilian S.. Nach einem unübersichtlichen Tumult wird der Beamte von einer 9,5 Kilogramm schweren Tischplatte am Kopf getroffen. Auch zwei weitere Kollegen, Felix S. und Yannik B., werden ebenfalls von der massiven Platte getroffen und verletzt. 

Geworfene Tischplatte verletzt drei Polizeibeamte  

Der Angeklagte Markus R. wirft die Stehtischplatte oberhalb der Treppe zum Soccer Center stehend hinunter. Durch den Aufprall der Platte mit einem Durchmesser von 80 Zentimetern entsteht eine tiefe Einbuchtung samt Riss im Helm des Polizeibeamten. Er erleidet eine schwere Gehirnerschütterung und eine Prellung der Halswirbelsäule. In einem Göppinger Krankenhaus wird der Beamte anschließend stationär behandelt. 

Alle drei von der Tischplatte getroffenen Beamten sind vor Gericht als Zeugen geladen. Nachdem sie angeben, den Dienst trotz der Verletzungen fortgesetzt zu haben, fragt die vorsitzende Richterin jeden Zeugen, ob sie ihren Einsatz hätten abbrechen können. Sie muss daraufhin feststellen, dass ihre Frage „nur bedingt beantwortet“ wird und ihr die Beamten ausweichen. 

Massive Gewalteinwirkung auf Helm hätte tödlich enden können

Der Familienvater Markus R. lässt vor Gericht verlauten, dass er zwar stark alkoholisiert gewesen sei, aber nichts mit den Gewaltaktionen gegen die Polizei zu tun habe und die Tischplatte im Affekt nach hinten geworfen habe, ohne jemanden direkt verletzen zu wollen. Zuvor sei er von einem Polizeibeamten „ungerechtfertigt“ mit einem Schlagstock angegangen worden. Dem Beamten habe er nach eigenen Angaben hinterhergerufen: „Was soll das? Müssen wir für die Idioten im Stadion herhalten?!

Ausführlich studiert die Richterin mehrmals die Videoaufnahmen und lässt sich entscheidende Szenen in Zeitlupe wiederholen. Aus dem Lautsprechern hört man pöbelnde Rufe, aggressive Schreie und das Klirren und Zerbersten von Wurfgegenständen.

Anders als der Angeklagte angibt, kann sie keine „traurige Stimmung“ feststellen. Diese sei vielmehr als sehr aggressiv zu bewerten. 

Aussage der Sachverständigen belastet Waldhof-Fan 

Auch die Aussage der gerichtsmedizinischen Sachverständigen Barbara Stöttner entlastet den Angeklagten nicht. 

Die massive Gewalteinwirkung auf den Helm hätte „potenziell tödlich“ enden können. Anhand der Entfernung und des Gewichts errechnet sie die Krafteinwirkung: 2.000 Kilogramm! Der Faustschlag eines durchschnittlich kräftigen Menschen beträgt im Vergleich dazu 30 Kilogramm.   

Außerdem kann Sie auf dem Video keine auffälligen Bewegungseinschränkungen beim Hochgehen der Treppe oder beim Werfen der Platte erkennen. Der Angeklagte kann entsprechend nicht so stark alkoholisiert gewesen sein, dass er auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren könnte. Hinzu kommt die offensichtlich vorhandene Entscheidungs- und Einsichtsfähigkeit, welche aus den Beschreibungen des Angeklagten abgeleitet werden können. Demnach habe er einen anderen Freund zurückgehalten oder einem Verletzten geholfen. 

Markus R. wird zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt 

Die Richterin folgt weitgehend der Forderung der Staatsanwaltschaft: Markus R. wird wegen Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Die Bewährungszeit beläuft sich insgesamt auf drei Jahre – in dieser Zeit darf der Verurteilte kein Fußballspiel der ersten bis zur vierten Liga besuchen. Außerdem muss der 45-Jährige unter anderem einem der verletzten Beamten neben einem bereits geleisteten Schmerzensgeld in Höhe von 750 Euro weitere 2.500 Euro bezahlen. 

Für den Angeklagten spricht: 

  • Er bereut die Tat glaubwürdig und hat dem Polizeibeamten Maximilian S. eine Entschuldigung angeboten. 
  • Darüber hinaus habe er bereits vor Prozessbeginn Schmerzensgeld ausbezahlt. 
  • Nach der Tat befindet er sich in psychotherapeutischer Betreuung und will die Tat aufarbeiten. 
  • Nach dem Schlag gegen sein Bein durch einen Polizisten ist die Stimmung aufgeheizt. Die Richterin wertet die Polizeiaktionen als gerechtfertigt. 
  • Markus R. ist nicht Vorbestraft.  
Gegen den Angeklagten spricht:
  • Die Todesgefahr für die Geschädigten. Es ist nur dem Zufall geschuldet, dass nichts Schlimmeres geschehen ist, denn unterhalb der Treppe befinden sich mehrere Personen ohne Schutzkleidung. 
  • Markus R. hat den Anweisungen der Polizeibeamten nicht Folge geleistet. 
  • Die Platte sei nicht wie der Angeklagte aussagte „nur geschoben“, sondern mit enormer Wucht geworfen worden. 
  • Es kann anhand der Videoanalyse keine verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten festgestellt werden. Die Bewegungen sind koordiniert und es sind keine alkoholbedingte Ausfallerscheinungen festzustellen. 

Vor dem Gastspiel des SV Waldhof Mannheim bei den Offenbacher Kickers appelliert die Offenbacher Polizei in einem offenen Brief eindringlich an die Fans, sich friedlich zu verhalten, damit sich solche Szenen nicht wiederholen. Über 3.700 Anhänger werden den SVW nach Offenbach begleiten und hoffen am Bieberer Berg den Aufstieg perfekt zu machen. 

Nach der Aufstiegsfeier am 18. Mai randalieren bis zu 40 SVW-Fans vor einem Irish Pub. Die Polizei muss Schlagstöcke und Pfefferspray einsetzen.

esk 

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