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Mannheim: Umstrittene Nazi-Straßennamen – FDP will keine Umbenennung

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Von: Peter Kiefer

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Drei der nach deutschen Kolonialpionieren des späten 19. Jahrhunderts benannten Straßen in Mannheim-Rheinau.
Drei der nach deutschen Kolonialpionieren des späten 19. Jahrhunderts benannten Straßen in Mannheim-Rheinau. © Screenshot Instagram AK Kolonialgeschichte Mannheim

Mannheim - Im Stadtteil Rheinau-Süd sind vier Straßen nach drei Kolonialisten und einem Antisemiten benannt. Die FDP lehnt eine Umbenennung ab – das ist der Grund:

Update vom 20. Oktober: Die Diskussion um die Umbenennung von vier Straßen in Rheinau-Süd geht in die nächste Runde. Nachdem die Stadt eine entsprechende Vorlage zurückgezogen hat, die die Umbenennung der Leutwein-, Nachtigal- und Lüderitzstraße sowie des Sven-Hedin-Weges vorsah, fand kürzlich die vom Gemeinderat geforderte Versammlung mit den Anwohnern der betroffenen Straßen statt. Die FDP-Fraktionsvorsitzende Dr. Birgit Reinemund erklärt dazu: „Das Votum der Betroffenen ist eindeutig. Neue Straßennamen sind für sie unzumutbar. Die FDP / MfM-Fraktion sieht die Problematik dieser Namen aus Zeiten der Kolonialherrschaft, verherrlicht durch die Nationalsozialisten. Geschichte lässt sich nicht ungeschehen machen.“

Vielmehr müsse die Geschichte aufgearbeitet werden und dürfe nicht in Vergessenheit geraten. „Eine Umbenennung gegen den Willen der Anwohner kommt für uns nicht in Frage. Wir fordern stattdessen Aufklärung in Form von Zusatzschildern und Hinweistafeln. So kann dargestellt werden, welche Rolle die Namensgeber im Kolonialismus bzw. bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus gespielt haben. Das wäre ein gangbarer Weg für die Anwohner, für Rheinau-Süd und für die Stadt Mannheim“, so die FDP-Chefin weiter.

Erklärende Tafeln statt neuer Straßennamen? Folgt Mannheim dem Ulmer Weg

Und FDP-Bezirksbeirat Hans Held, Vorsitzender der BASF-Siedlergemeinschaft, betont: „Andere Städte gehen den gleichen Weg. So hat die Stadt Ulm kürzlich beschlossen, den Namen ‚Mohrengasse‘ nicht aus dem Straßenbild zu tilgen, sondern mit einer angebrachten Tafel zu erklären. Das würde auch den immensen Verwaltungsaufwand für die Stadt und für die Bewohner überflüssig machen. Die Änderung einer Adresse ist ja nicht erledigt, wenn man neue Visitenkärtchen druckt. Jede Geschäftsbeziehung müsste aktualisiert, neue Ausweise und Dokumente beantragt werden. Und zwar nicht nur für Privatpersonen, sondern auch für kleine Handwerksbetriebe, Selbstständige und die freien Berufe. Das ist einfach völlig unverhältnismäßig. Unsere Forderung ist klar, wir wollen über Geschichte aufklären – und zwar ohne, dass die Bevölkerung dabei das Nachsehen hat.“

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Mannheim: Neue Namen für Rheinauer Straßen – Das sind die Vorschläge

Erstmeldung vom 28. April: Die politisch korrekte Umbenennung von strittigen Straßennamen nimmt nicht erst seit dem berühmten Fall der Berliner Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße bundesweit Fahrt auf. Denn auch im Stadtteil Rheinau-Süd in Mannheim sollen nach dem Willen der Verwaltung vier Straßen neue Namen erhalten. Die Straßen waren im Jahr 1935 IG-Farben-Siedlung im Sinne der NS-Propaganda nach den Kolonialpionieren Theodor Leutwein, Adolf Lüderitz und Gustav Nachtigal benannt worden, wie der „Arbeitskreis Kolonialgeschichte Mannheim“ in seinem Instagram-Account schreibt. Später sei noch der Hitler-Fan und bekennende Rassist sowie Antisemit Sven Hedin hinzugekommen.

StadtMannheim
StadtteilRheinau
Fläche15,28 km²
Einwohnerzahl24.982 (Stand: 31. Dez. 2015)
OberbürgermeisterDr. Peter Kurz (SPD)

Doch jetzt liegen erstmals konkrete Vorschläge auf dem Tisch, wie der Mannheimer Morgen berichtet. So sind am Montagabend (26. April) im Rahmen einer Online-Info-Veranstaltung mit rund 80 Teilnehmern vom „Arbeitskreis Kolonialgeschichte Mannheim“ gleich sieben historische, aber auch zeitgenössische Personen vorgeschlagen worden:

Mannheim: Arbeitskreis Kolonialgeschichte fordert klares Zeichen gegen Gewaltherrschaft und Rassismus

Auf seiner Website zeigt sich der Arbeitskreis enttäuscht darüber, dass die Stadt Mannheim bislang keine „Vorschläge für eine Neu-Benennung der Straßen vorgelegt“ haben. In der Beschlussvorlage für den Gemeinderat schlage die Verwaltung allerdings für die Neu-Benennung eine Orientierung am Straßen-Taufbezirk „Entdeckungs- und Forschungsreisende“ vor. Doch damit ist der Arbeitskreis absolut nicht einverstanden! Hintergrund: Entdeckungs- und Forschungsreisen hätten „überwiegend in kolonialen Kontexten“ stattgefunden.

Vielmehr müsse bei der Neubenennung der Straßen von Rathaus-Seite ein „klares Signal gegen Gewaltherrschaft und Rassismus“ gesetzt werden. Anstelle der Kolonialisten sollten Anti-Kolonialist*innen geehrt werden. An die Stelle der weißen Europäer sollten Menschen aus dem globalen Süden oder von dort Zugewanderte oder ihre Nachfahren geehrt werden, so der AK Kolonialgeschichte Mannheim. „Diese Personen sind keine Vorbilder“, so dessen Sprecherin Gertrud Rettenmaier laut Mannheimer Morgen. Es dürfe nicht sein, dass „Verantwortliche für Grausamkeiten“ weiterhin durch Straßennamen geehrt werden.

Auch ein Vertreter der BASF-Siedlergemeinschaft Rheinau-Süd, deren Vorsitzender Hans Held, war der Veranstaltung zugeschaltet. Held habe die Vorschläge des Arbeitskreises für die künftigen Straßennamen strikt abgelehnt, da sie „keinen Bezug zu Rheinau-Süd“ hätten. Seine Organisation werde in Kürze eigene Vorschläge unterbreiten. (pek)

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