Mural „Abschied und Neubeginn“ in H-Quadrat

Künstler-Ehepaar schafft an Häusern riesige Traumwelten

+
Illustrator Mehrdad Zaeri und Fotografin Christina Laube vor ihrem Mural „Abschied und Neubeginn“.

Mannheim - Eine Fassade, vier Hände, viele Spraydosen: Ein Ehepaar verwandelt in Mannheim eine triste Wand in ein riesiges Gemälde. Das Bild ist Teil eines Projekts mit überregionalen und internationalen Künstlern.

Das riesige Kunstwerk ist nicht zu übersehen. Vier Stockwerke hoch thront die Zeichnung „Abschied und Neubeginn“ auf einer Häuserwand in H 5,3 in Mannheim. Über die Köpfe der Betrachter hinweg wandert eine Frau mit Rucksack und Koffer. Ein Flüchtling? „Es ist schon ein Kommentar zur Situation in Europa“, sagt Illustrator Mehrdad Zaeri und legt den Atemschutz beiseite. Man glaubt noch die frische Farbe aus Spraydosen zu riechen - das Bild ist fast fertig. 

Kunstprojekt "Stadt.Wand.Kunst"

„Abschied und Neubeginn“ ist Teil des Projekts Stadt.Wand.Kunst in Mannheim, das längst auch international beachtet wird. 

So schön kann ein (Ex-)Polizeigebäude sein

Ende des Jahres werden es 18 riesige Kunstwerke sein, die an Mannheimer Fassaden prangen. Darunter ist das mit 45 Metern größte Hauswandgemälde Deutschlands. Den Inhalt aus 100 Spraydosen hat Hendrik Beikirch dafür gebraucht. 

Auf das Konto des Streetart-Künstlers geht auch das größte Mural - wie solche Wandbilder von Fachleuten genannt werden - in Asien: 70 Meter hoch in Südkorea. Beikirch stammt aus Koblenz, und das ist typisch für das Projekt Stadt.Wand.Kunst: Seit Beginn 2013 arbeiten die Organisatoren in Mannheim besonders auch mit Künstlern aus den benachbarten Bundesländern Rheinland-Pfalz und Hessen zusammen. 

Führung von ‚Stadt.Wand.Kunst‘ durch die Quadrate

„Wir wollen zeigen, was es in der Szene Neues gibt. Dazu laden wir Shooting Stars ein und auch internationale Ikonen der Branche“, sagt Sören Gerhold, Geschäftsführer des Kulturzentrums Alte Feuerwache. Lange Zeit sei es nicht leicht gewesen, die renommiertesten Sprayer nach Mannheim zu bewegen, denn die Stadt sei nun einmal nicht Melbourne oder San Francisco.

Verschönerung der Unterführung der Kurpfalzbrücke

„Mittlerweile haben wir aber ein so großes Portfolio, dass auch bekannte Namen zusagen. Daneben wollen wir aber auch regionale Künstler. Das ist uns etwa mit Philipp Himmel aus dem pfälzischen Waldsee oder mit Hera von Herakut, die in Frankfurt geboren ist und in Wiesbaden studiert hat, gut gelungen“, erzählt Gerhold, der als einer der Väter des Projekts gilt. „Am Anfang war es nicht einfach“, sagt er. 

Riesige Graffiti an Wohnhäusern? Das gefällt nicht jedem. 

Heute sei aber zu erleben, dass etwa Rentner einen Liegestuhl vor die Fassade stellen und über Tage beobachten, wie ein Bild entsteht. „Diesen Schaffensprozess bekommt man ja im Atelier nicht zu sehen." Genehmigen lassen müssten Künstler die Bilder im Vorhinein nicht. "Aber wir besprechen, was es werden soll. Es geht immerhin um den öffentlichen Raum“, sagt Gerhold. 

Kunstprojekt "Stadt.Wand.Kunst"

Unterdessen legen Zaeri und seine Frau, die Fotografin Christina Laube, letzte Hand an „Abschied und Neubeginn“ an. Hoch auf einer Hebebühne stehend, sprühen sie noch Details. „Es soll mehr sein als Dekoration“, sagt Laube. Wer ein so großes Bild mitten in der Stadt an eine Wand sprühen dürfe, trage Verantwortung. Das Paar genießt auch den Kontakt zu Passanten. 

Das soll das Mural bedeuten 

Viele bleiben stehen und fotografieren mit dem Smartphone. „Jaja, jeder hat seinen Rucksack zu tragen“, habe ein Mann im Vorbeigehen gerufen, erzählt Laube. Der Passant spielt auf den Rucksack an, den die Frau trägt. Daraus ragt ein Baum. „Die Frau muss sich von einem Ort verabschieden, aber sie nimmt etwas mit: den Baum, der für Wurzeln und Heimat steht“, sagt Laube. „Die Blüten, die vom Baum fallen und sich am Boden sammeln, stehen für die Zukunft", ergänzt Zaeri. 

Das Bild sei den vielen Migranten in Mannheim gewidmet. Er fühle sich ihnen verbunden - auch, weil er einst selbst aus dem Iran geflüchtet sei. Etwa 3.000 bis 5.000 Euro inklusive Honorar, Material und Reisekosten koste ein Mural, sagt Gerhold. „Wir sind dem Innovationsfonds Kunst des Landes Baden-Württemberg sehr dankbar - leider läuft die Unterstützung aus“, meint der Chef der Alten Feuerwache. 

Das Projekt sollte aber weitergehen, es gebe Anfragen aus Finnland und Jordanien zur Kooperation. „Auch in Beirut bin ich von einer russischen Kuratorin angesprochen worden“, sagt Gerhold. Unterstützung kommt auch von der Stadt Mannheim, etwa 90 Prozent der Bilder befinden sich auf Fassaden der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft GBG. 

Entstanden sind in Mannheim seit 2013 eigentlich 22 Fassadenbilder, aber vier Zeichnungen fielen Häuserabrissen zum Opfer - die jedoch miteingeplant und im Vorfeld bekannt waren. „Man hat zwar im Hinterkopf, dass es so kommen kann“, erklärt Zaeri. „Aber wenn man an der Wand steht und malt, vergisst man alles andere.“

dpa

Das könnte Dich auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare