Gentrifizierung des Problemviertels

Weniger „osteuropäische Familien, die...“ – Stadt schockiert mit Aussage über Neckarstadt-West

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Bewohner der Neckarstadt-West wehren sich gegen Mieterhöhungen.

Mannheim - Die „lokale Stadterneuerung“ soll Besserverdiener in die Neckarstadt-West locken und das Leben im Stadtteil verbessern. Die Stadt bietet Lösungsansätze – und vergreift sich im Ton.

Die meisten Menschen in Mannheim verbinden den Stadtteil Neckarstadt-West nicht unbedingt sofort mit Worten wie „spannende Schönheit“, „kreativ“ oder „modern“. Doch genau so beschreibt die Mannheimer Projektentwicklungsgesellschaft (MWSP) den Stadtteil am Neckar – denn die MWSP ist als Tochtergesellschaft der GBG und der Stadt Mannheim für die „lokale Stadterneuerung“ (kurz: LOS) zuständig. Der diffuse Begriff hat für die Neckarstadt-West einige Konsequenzen: mehr Polizei, weniger Müll, neue Perspektiven. Doch die Umsetzung dieser hochgesteckten Ziele wird derzeit heiß diskutiert.

Denn bei der „lokalen Stadterneuerung“ geht es nicht bloß darum, neue Spielplätze zu bauen und Hausaufgabenbetreuung für Schüler anzubieten. Auch das „Wohnungsangebot, die Quartiersqualität und das Investitionsklima“ sollen laut dem LOS-Bericht 2017/2018 verbessert werden.

Mannheim: Privatinvestoren kaufen viele Wohnhäuser in Neckarstadt-West

Um dies zu bewerkstelligen, beschließt die Stadt Mannheim im Sommer 2018, die Neckarstadt-West als „Sanierungsgebiet“ zu deklarieren. Rechtlich gesehen erhält die Stadt somit ein sogenanntes „Vorkaufsrecht“. So könnte sie Immobilien im Sanierungsgebiet aufkaufen, bevor Privatinvestoren zuschlagen. Allerdings muss die Stadt Mannheim nicht von diesem Recht Gebrauch machen und kann stattdessen potenzielle Käufer mit einer „Abwendungsvereinbarung“ an bestimmte Auflagen binden. Und genau das passiert momentan in der Neckarstadt in Mannheim

Heißt konkret: Interessierte Privatinvestoren verpflichten sich, Modernisierungsarbeiten an Dach, Fassade und im Gebäude zu unternehmen – allerdings dürfen die Wohnungen dann auch teurer vermietet werden, um die Sanierungsarbeiten zu bezahlen. Außerdem können Hauseigentümer die „Bau- und Planungskosten für Modernisierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen“ steuerlich abschreiben – und das bis zu 100 Prozent auf 12 Jahre verteilt!

Diese Mietpreiserhöhungen wirken sich auch auf die Mieten der umliegenden Gebäude aus, denn Vermieter dürfen bei neuen Mietern ihre Preise an die ortsübliche Vergleichsmiete anpassen.

Mannheim: Sorgt lokale Stadterneuerung für teurere Mieten in der ganzen Stadt?

Die Stadt Mannheim will durch diese Modernisierungen das Image der Neckarstadt-West grundlegend verändern: Schicke Wohnungen im Szene-Kiez statt Drogendealer im Brennpunkt. Dafür arbeitet die Stadt mit der Immobilienfirma Hildebrandt & Hees und der GBG zusammen, die zahlreiche Gebäude in der Neckarstadt-West in Mannheim kaufen und sanieren. 

Laut ihrer „Vereinbarung zur Wohnungspolitik Neckarstadt-West“ will die Stadt Mannheim durch die Modernisierungsmaßnahmen den „Zuzug Bildungsaffiner“ fördern – wer dabei als bildungsnah gilt, wird in der Vereinbarung allerdings nicht benannt. Im Vertrag heißt es außerdem, dass Haushalte mit „Defiziten im Wohnverhalten“ keine Wohnungen erhalten sollen – auch hier bleibt es bei der schwammigen Formulierung, und der Vermieter kann selbst entscheiden, auf wen das zutrifft. 

Auf Anfrage von MANNHEIM24 wird ein Mitarbeiter* der Stadt Mannheim allerdings konkreter: „Defizite im Wohnverhalten“ sei eine höfliche Formulierung für osteuropäische Familien, die ihren Müll aus dem Fenster schmeißen.

Außerdem verpflichten sich die neuen Hauseigentümer dazu, an keine Shisha-Bars, Glücksspielstätten, Bordelle oder Ramschläden zu vermieten. Die Parallelen zur Jungbusch-Gentrifizierung sind offensichtlich: Dubiose Spelunken werden mit hippen Tagesgeschäften getauscht. Alte Wohnungen werden aufgekauft und saniert. Gutverdienende junge Familien werden angelockt. Und die vorherigen Mieter können sich Wohnen und Leben nicht mehr leisten und müssen umziehen.

Mannheim: Schwere Vorwürfe gegen Immobilienfirma Hildebrandt & Hees

Zwischen 2008 und 2018 sind die Mieten in Mannheim schon um 35 Prozent gestiegen, was für viele Normal- und Geringverdiener nicht mehr bezahlbar ist. Laut der Mannheimer Initiative „FairMieten“ sind Firmen wie Hildebrandt & Hees dafür verantwortlich, da sie mit „fragwürdigen Methoden alteingesessene MieterInnen verdrängen“, damit sie bei neuen Mietern höhere Preise verlangen können.

Die Investorenkarte für die Neckarstadt-West

Diese erhöhten Mieten treiben den Mietspiegel hoch, was wiederum die Mietpreise in ganz Mannheim steigen lässt. Laut Angaben von „FairMieten“ haben Immobilienspekulanten über 15 Wohnhäuser in Neckarstadt-West in den letzten Monaten aufgekauft. Schon jetzt seien die Mieten in Neckarstadt-West auf Jungbusch-Niveau.

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*Korrekturhinweis: In einer früheren Version hieß es, dass wir mit einem Sprecher der Stadt Mannheim gesprochen haben. Allerdings handelt es sich hierbei um einen Mitarbeiter der Stadt Mannheim.

mw

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