Artikel über angeblichen Terroranschlag

Wegen Fake-News: ‚rheinneckarblog‘-Redakteur zu Geldstrafe verurteilt 

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Der Herausgeber des ‚rheinneckarblog‘ steht wegen einer Falschmeldung vor Gericht. (Symbolfoto)

Mannheim - Der ‚rheinneckarblog‘ veröffentlicht im März 2018 einen Artikel über einen Fake-Terroranschlag in Mannheim. Da sich der Blogger gegen die verhängte Geldstrafe wehrt, kommt es nun zum öffentlichen Prozess. 

+++UPDATE 14:30 Uhr: 

Der Blogger wird zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro verurteilt, zu zahlen in 120 Tagessätzen. 

Im Vorfeld soll der Redakteur behauptet haben, lieber ins Gefängnis gehen zu wollen, als die Strafe zu bezahlen. Dies dementiert er am Montag auf MANNHEIM24-Anfrage. Dies sei „nur ein Scherz gewesen“, so der Redakteur. Er wolle gegen das Urteil jedoch in Berufung gehen. 

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Geldstrafe von 12.000 Euro gefordert, der Verteidiger des Redakteurs, Maximilian Endler, Freispruch.

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+++UPDATE 7. Januar 12 Uhr:

Nach Veröffentlichung eines Artikels zu einem angeblichen Terror-Anschlag in Mannheim, wird der dafür verantwortliche Redakteur im Juli 2018 wegen Verdachts der Störung des öffentlichen Friedens zu einer Geldstrafe von 9.000 Euro verurteilt. 

Dagegen hatte er Einspruch eingelegt, deshalb wird die Strafsache seit Dezember öffentlich im Amtsgericht Mannheim verhandelt. Die Staatsanwaltschaft fordert mittlerweile einen Geldstrafe von 13.000 Euro, der Verteidiger des angeklagten Redakteurs fordert Freispruch. 

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Zahlreiche Menschen aus der Metropolregion lesen am 25. März 2018 ungläubig einen Artikel, in dem über den „größten Terroranschlag in Westeuropa“ berichtet wird – mitten in Mannheim! Der Bericht, von einem Redakteur des ‚rheinneckar‘-Blogs unter einem Pseudonym veröffentlicht, stellte sich als Falschmeldung heraus. 

Am Montag (17. Dezember) muss sich der Mann ab 9 Uhr vor dem Amtsgericht Mannheim verantworten. Bereits im Juli 2018 wird eine Geldstrafe von 9.000 Euro verhängt – gegen die er Einspruch erhebt. Dadurch kommt es nun zu einem öffentlichen Prozess, in dem ihm wegen des Verdachts der Störung des öffentlichen Friedens eine Strafe droht.

In dem erfundenen Text ist die Rede von 50 Angreifern, die in Mannheim für ein „Blutbad apokalyptischen Ausmaßes“ verantwortlich seien. Es soll 136 Tote gegeben haben. 

Der Artikel geht mitten in der Nacht – um 3:47 Uhr – online und wird innerhalb kürzester Zeit 20.000 Mal angeklickt. 

Das Problem: Dass es sich um Fake-News handelt, erfährt der Leser erst nachdem er ein Bezahl-Abo abgeschlossen hat. 

Ihrem Ärger machen die Leser unter dem Facebook-Post Luft: „Mir ist das Herz stehen geblieben“, heisst es etwa in einem Post, der in den Facebook-Kommentaren unter dem Artikel veröffentlicht und von der Vorsitzenden Richterin am Montag vorgelesen wird.

Die Polizei versucht daraufhin, auf Twitter und anderen öffentlichen Netzwerken, eine Panik abzufedern. Fünf bis 10 Personen haben dennoch in der Polizeizentrale angerufen, die beruhigt werden mussten. Einsatzfahrzeuge wurden nicht benötigt.

Der Redakteur habe mit dem Beitrag Aufmerksamkeit für mögliche Bedrohungslagen wecken wollen. Außerdem hätten Reaktionen auf den Beitrag gezeigt, dass die Medienkompetenz vieler Internetnutzer gering ausgeprägt sei.

„Schauspieler Tom Cruise wird daraufhin ja auch nicht verhaftet“

Die Zuschauerplätze sind am Montag nur teilweise besetzt. Wenige Journalisten, Neugierige und einige Fans des Blogbetreibers sitzen im Zuschauerraum. „Ich find‘s total klasse“, so ein Fan enthusiastisch.  

Das sahen viele Leser des Artikels jedoch anders: „Mir ist das Herz stehen geblieben“, heisst es etwa in einem Post, der in den Facebook-Kommentaren unter dem Artikel veröffentlicht und von der Vorsitzenden Richterin am Montag vorgelesen wird.

In der weitern Beweisaufnahme werden mehrere Polizisten als Zeugen verhört. Diese bestätigen, dass der Angeklagte sonntags um 4:02 Uhr morgens angerufen hat um die Polizei über den Fake-Artikel zu informieren. Der Artikel war da schon online, nämlich seit 3:47 Uhr. 

Der Herausgeber des ‚rheinneckarblogs‘ verglich, laut der Aussage eines Polizisten, seinen Terror-Artikel mit dem Film ‚Krieg der Welten‘ und soll ihm gegenüber gesagt haben: „Schauspieler Tom Cruise wird daraufhin ja auch nicht verhaftet.“

Weil der Blogger und sein Anwalt die Vorsitzende Richterin für voreingenommen halten, stellt der Anwalt des Redakteurs am Montag einen Befangenheitsantrag. Die Verteidigung begründet ihn etwa mit den Facebook-Posts, die von der Richterin vorgelesen werden und die in die Beweisaufnahme einfließen sollen. 

Weil die Richterin eigenen Angaben zufolge einen Teil davon selbst recherchiert habe, habe sie eine Aufgabe der Staatsanwaltschaft übernommen, argumentiert der Verteidiger. Daher sei nicht von einer fairen Gerichtsführung auszugehen. Das Gericht lehnte den Antrag ab. Die Verhandlung wird am 7. Januar fortgesetzt. 

Hintergrund

In dem Artikel vom 25. März schrieb der Herausgeber über einen Terroranschlag, der mitten in Mannheim stattfinden solle. Er bezeichnete es als „Blutbad apokalyptischen Ausmaßes“! Dabei sollen Männer mit Macheten für 136 Tote und 237 Verletzte gesorgt haben. Angeblich habe die Polizei eine Nachrichtensperre verhängt, weshalb keiner darüber schreiben dürfe.

Nach mehreren Anrufen stellt die Polizei auf Twitter klar, dass es sich um Fake-News handelt. In den Wochen danach beantragt die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl. Außerdem erteilt der Presserat dem ‚rheinneckarblog‘ eine Rüge.

kpo/dh/dpa

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